{"id":1189,"date":"2008-08-01T00:00:40","date_gmt":"2008-07-31T23:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=1189"},"modified":"2013-06-02T10:56:55","modified_gmt":"2013-06-02T09:56:55","slug":"die-reise-ins-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=1189","title":{"rendered":"Die Reise ins Ich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ganz langsam schiebt sich die Sonne \u00fcber die fernen Berge und verdr\u00e4ngt das Grau des Morgens \u00fcber der unendlichen Weite der kalifornischen W\u00fcste. Der Wagen, ein alter Cadillac mit langen Flossen und dem Fahrgef\u00fchl eines langsam dahingleitenden Bootes steht vor einer einsamen Tankstelle. <!--more-->Aus dem Autoradio klingen die lateinamerikanisch anmutende Percussions, eine einsame Gitarre zerrt leise \u00fcber den Rhythmus und dann beginnt eine eindringliche Stimme auf Englisch von der Weite des Landes zu singen. So in etwa k\u00f6nnte der Film aussehen, den Calexico mit ihrem neuen Album \u201eCarried to Dust\u201c vertont haben \u2013 ein Roadmovie, so typisch Amerikanisch, ein uralter Mythos des Landes. \u201eJa, das k\u00f6nnte wohl sein, aber es ist genau so sehr auch ein Tagebuch, oder eine Reisebeschreibung. Vielleicht auch die Begleitmusik zu einem Jahresabonnement vom National Geographic,\u201c meint Joey Burns, der S\u00e4nger und Kopf der Band aus Tucson, Arizona.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf jeden Fall hat es dieses gewisse Etwas, dass sich nach Fernweh anh\u00f6rt. Die Reise scheint dem Album eingeschrieben zu sein, ebenso sehr wie die W\u00fcste. Dabei sind Calexico schon immer mehr gewesen als eine Desert-Rockband. Joey lacht und kann sowohl zum amerikanischer Mythos als auch zur W\u00fcste nur den Kopf sch\u00fctteln: \u201eIch wei\u00df nicht, mit diesen Konzepten tue ich mich sehr schwer. Nat\u00fcrlich bin ich an einem bestimmten Ort geboren, in S\u00fcdkalifornien, und ich lebe seit mehr als 14 Jahren in der W\u00fcste von Arizona. Und dieser Mythos des amerikanischen Westens ist ein Teil meiner Erfahrungen. Dadurch ist es sicherlich ein Teil meiner Vergangenheit und Gegenwart und wird sich nat\u00fcrlich auch in meiner Musik und meinem Leben wiederfinden lassen. Das ist wohl der Teil in mir, der sich die Frage stellt: &#8218;Was ist eigentlich mein Platz in all dem hier?&#8217;\u201c Joey wirkt ernst und sehr nachdenklich bei dem Gedanken an eine Verortung in der gegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4t. \u201eEs ging uns darum einen Weg raus aus diesem Chaos zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf \u201eCarried to Dust\u201c bereisen Calexico nicht nur ihren Kontinent, ihr Land, sondern auch eine Art innere Landkarte. Das Album reflektiert in seiner \u00c4sthetik eine klare Ausrichtung auf sich selbst. Es entspricht in Text und Klangfarbe wieder mehr den ersten Alben, ist damit eine Absage an die direkte und rockigere Ausrichtung des Vorg\u00e4ngers. \u201eDas stimmt, was man da h\u00f6rt, ist wahr-scheinlich die \u00c4hnlichkeit der \u00c4sthetik. Der Vorg\u00e4nger entsprach in seiner Geradlinigkeit der Direktheit der amerikanischen Mentalit\u00e4t zu dieser Zeit. Vor zwei, drei Jahren war in Amerika eine Abwesenheit zu sp\u00fcren. Ein Fehlen von Enthusiasmus, von dem Verlangen sich zu \u00c4u\u00dfern, eine L\u00fccke in der Meinungsvielfalt. Das ging sogar soweit, dass sich diese Abwesenheit gegen sich selbst gerichtet hat. Aber zum Gl\u00fcck ist das heute nicht mehr der Fall. Die dunkle H\u00f6hle, in der wir uns damals glaubten, hat sich nur als Tunnel herausgestellt, an dessen Ende ein Licht zu sehen ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Joey sind die Mollt\u00f6ne im Amerika 2008 noch deutlich h\u00f6rbar, ebenso wie in der Musik von Calexico, aber eine freundliche Zuversicht sei doch zu sp\u00fcren. \u201eWenn das Album schon einen Weg beschreibt, dann bestimmt einen, bei dem man von der Stra\u00dfe abgekommen ist. Ich schlendere gerne, bewege mich abseits. Dabei erreichen mich die besten Inspirationen. Immer in dem Moment, wo ich gerade irgendwo erwartet werde. Es ist immer dann, dass sich eine Idee in mir festsetzt und ich sie aufschreiben muss. Dieser Moment, wenn man ganz viele Eindr\u00fccke hat und nachst davon tr\u00e4umt. Du wachst morgens auf und bevor der Tag beginnt schreibst du ihn auf, noch vor dem ersten Kaffee. Das sind die tollsten Eindr\u00fccke deiner Selbst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joey glaubt, diese positive Selbstsicht h\u00e4tte viel mit einer Reise in die eigene Seele zu tun. Aber irgendwie spiegelt sich in ihr auch die Reise durch das Land, in dem er lebt und dessen Pulsschlag er mit \u201eCarried to Dust\u201c abgenommen hat. Das Album ist eine Befindlichkeitsanalyse der amerikanischen Gesellschaft, es reflektiert seine Diversit\u00e4t aber auch seine vorsichtige Freude auf eine neue Zeit nach der Dunkelheit der vergangenen Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich erschienen im <em>Loop<\/em> 08\/2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganz langsam schiebt sich die Sonne \u00fcber die fernen Berge und verdr\u00e4ngt das Grau des Morgens \u00fcber der unendlichen Weite<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1190,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[485,188,477,31,33,24],"class_list":["post-1189","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-calexico","tag-country","tag-folkrock","tag-musik","tag-singersongwriter","tag-stories"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1189"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3131,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions\/3131"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1190"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}