{"id":1440,"date":"2012-07-15T00:00:37","date_gmt":"2012-07-14T23:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=1440"},"modified":"2013-06-02T09:02:22","modified_gmt":"2013-06-02T08:02:22","slug":"aufwachen-nachwuchs-gesucht-oder-wie-die-gamesbranche-ihre-zukunftschancen-verpennt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=1440","title":{"rendered":"Aufwachen! Nachwuchs gesucht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass IGM in den letzten Ausgaben einen kritischen Blick auf die Ausbildung junger Nachwuchskr\u00e4fte der Gamesbranche geworfen hat und dabei so einige kleine, zierliche Pfl\u00e4nzlein der Innovation in Sachen Studium und Jungdesigner-F\u00f6rderung entdeckte.<!--more--> Doch, so fragte sich die Redaktion, hat das in der Branche eigentlich auch schon jemand bemerkt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich n\u00e4mlich mal genauer mit den in der IGM 06\/2012 vorgestellten Studieng\u00e4ngen und deren Curricula auseinandersetzt, dann f\u00e4llt schnell auf, dass gerade die gro\u00dfen Firmen, die Global Player, sich recht wenig in den lokalen Markt der Nachwuchsf\u00f6rderung einmischen. Da dozieren zwar Designer und Producer kleinerer Developer und auch der eine oder andere Mittelstandsbetrieb l\u00e4sst sich f\u00fcr einen Gastvortrag oder eine Seminardozentur dort blicken, die Big Names sucht man hier jedoch vergeblich. Aber warum denn nur? M\u00fcssten doch auch und gerade die gro\u00dfen Publisher immer wieder h\u00e4nderingend nach neuen Jungstars in Sachen Game Development suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das stimmt ja auch&#8220;, erkl\u00e4rt Klaus Jens, Managing Director der deutschen Dependance des japanischen Konzerns Square Enix, &#8222;f\u00fcr unser Studio in Kopenhagen suchen wir st\u00e4ndig neue Leute. Aber wir betreiben hier in Hamburg beispielsweise kein Studio und k\u00f6nnen also Entwicklern nur begrenzt eine Jobm\u00f6glichkeit bieten. Dabei haben wir gerade unseren ersten Absolventen mit einem Games-Abschluss der Hamburger Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (HAW) eingestellt.&#8220; Dessen Abschluss im Bereich Game Studies war ein Pluspunkt, aber keinesfalls das einzige Kriterium, wie Jens erl\u00e4utert: &#8222;Unsere Arbeit hier in Deutschland liegt haupts\u00e4chlich im Bereich Marketing, PR und Produktmanagement, nicht so sehr in Producing und Development. Daher brauchen wir Kandidaten, die eine ausgewogene Ausbildung haben. Aber wir stellen tats\u00e4chlich lieber jemanden ein, der games-affin ist und noch keine Marketingerfahrung hat, als anders herum. Es ist im Tagesgesch\u00e4ft einfacher, Mitarbeiter in Sachen Marketing zu schulen, als bei ihnen ein Interesse an und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Games zu kultivieren.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die an der HAW und vergleichbaren Institutionen ausgebildeten Games-Master nicht unbedingt genug Erfahrung in Sachen Marketing und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung mitbringen ist anderen Firmen im Gegensatz zu Square Enix eher ein Dorn im Auge. Anfragen zu dem Thema sowohl bei Sony, Microsoft und Warner wurden von den Entertainment-Giganten sofort abgelehnt, mal mehr, mal weniger deutlich. Die Absagen waren aber durchaus auf einer inhaltlichen Linie: die deutschen Marketingabteilungen brauchen eher neue Leute mit einem BWL-Skillset als gerade eine Game Studies-Ausbildung. Die Kooperation mit den Universit\u00e4ten oder auch die Beobachtung der Absolventen zwecks Rekrutierung steht hier auf niedriger Stufe. Dabei w\u00e4ren doch gerade in diesen Studieng\u00e4ngen Scharen an motivierten und potentiell sehr innovativen neuen Mitarbeitern zu holen, w\u00fcrde man sich nur fr\u00fchzeitig genug in deren Ausbildung einmischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wir sind in diesen Fragen eigentlich gar nicht der richtige Ansprechpartner&#8220;, gibt auch Jens in Bezug auf die Nachwuchsf\u00f6rderung zu und erkl\u00e4rt damit die z\u00f6gerliche Haltung der deutschen Firmen. &#8222;Wir sind in der Entscheidung unserer Ressourcen, ebenso wie in Vertragsangelegenheiten mit Entwicklern im Endeffekt an Japan gebunden. Neue Studios k\u00f6nnen wir zwar empfehlen, aber die eigentliche Arbeit der Talentsuche und Rekrutierung f\u00e4llt nicht in unseren Aufgabenbereich.&#8220; Jens ist dabei hoch anzurechnen, dass er zu einem kritischen Interview bereit war. Und auch in Sachen Verbesserung der Lage m\u00f6chte er beitragen: &#8222;Ich w\u00fcrde sehr gerne aushelfen und mich an der Ausbildung beteiligen. Hier wird sich in Zukunft was \u00e4ndern. Und wir werden auch bei eventuellen neue Positionen die HAW-Absolventen im Auge behalten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein solcher Schritt ist lohnenswert, wie auch Daedalic Entertainment CEO Carsten Fichtelmann zu berichten wei\u00df, der bereits seit Beginn des HAW-Masterstudienganges als Dozent daran beteiligt ist. &#8222;Ich bin vor drei Jahren angesprochen worden und habe spontan zugesagt. Ich habe dann zwei Kurse vorbereitet. Einmal ging es um das Thema Unternehmensgr\u00fcndung und -f\u00fchrung in der Gamesbranche, das andere Mal mehr um Business Development und Producing. Ich habe mich entschieden mitzumachen, weil in einer so schnelllebigen Branche der Kontakt zur Wirtschaft unglaublich sinnvoll ist. Neue Impulse aus der Wirtschaft k\u00f6nnen hier direkt in die Lehre einflie\u00dfen und die Studierenden befl\u00fcgeln.&#8220; Auch andere Mitarbeiter von Daedalic waren schon an der HAW t\u00e4tig, haben dort zum Beispiel Design oder Dramaturgie unterrichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorteil f\u00fcr Firmen wie Daedalic liegt dabei auf der Hand: zum einen kann man den Studierenden Praktika anbieten und sich so hochmotivierte Mitarbeiter sichern, zum anderen kann man aktiv an der Ausbildung des Nachwuches mitgestalten. &#8222;Wir k\u00f6nnen als Unternehmen zu den Studierenden pers\u00f6nliche Kontakte kn\u00fcpfen. Und gleichzeitig haben wir die M\u00f6glichkeit, das Potenzial des Nachwuchses gezielt zu beurteilen&#8220;, so Fichtelmann. &#8222;Der Games-MA tr\u00e4gt einen entscheidenden Beitrag zur F\u00f6rderung junger Mitarbeiter f\u00fcr die Branche bei. Das Konzept, eng mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten und die Studierenden w\u00e4hrend des Studiums an einem eigenen Projekt arbeiten zu lassen, das \u00f6ffentlich gepitch wird, sind hervorragende Voraussetzungen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Mitarbeiter.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Studieng\u00e4nge im Bereich Game Studies bieten aber nicht nur neue und zuk\u00fcnftige Mitarbeiter und sind nach rein \u00f6konomischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Vielmehr fungieren sie als Sandkasten f\u00fcr Experimente, die keine Firma wagen w\u00fcrde, weil das kommerzielle Ergebnis wohlm\u00f6glich nicht stimmt. So best\u00fcnde aber auch an Universit\u00e4ten die M\u00f6glichkeit den Ruf der Branche nachhaltig zu \u00e4ndern und durch wissenschaftlich hochwertige Arbeiten f\u00fcr eine Anerkennung als Kulturform zu sorgen. &#8222;Die Reaktion auf Games ist gerade in der Politik und den kulturellen Medien im Gegensatz zu weiten Teilen der Gesellschaft noch immer von konservativen Reflexen bestimmt&#8220;, meint Klaus Jens. Hier k\u00f6nnte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung helfen, die aber aktuell einfach nicht zu realisieren ist: &#8222;Wiederum kann ich nur auf Japan verweisen \u2013 Forschungsarbeiten k\u00f6nnen wir aus unseren lokalen Mitteln nicht finanzieren, so leid es mir tut.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch Carsten Fichtelmann sieht hier in den Studieng\u00e4ngen eher einen praktischen, technischen Nutzen: &#8222;Die Games-Forschung ist genau dann sinnvoll, wenn aus ihr Prototypen oder neuartige Konzepte hervorgehen, die f\u00fcr zuk\u00fcnftige Projekte verwendet werden k\u00f6nnen. Forschung ist dann interessant, wenn sie parallel zur Pre-Produktion l\u00e4uft. Sie hilft den Studenten, Prozesse und Hintergr\u00fcnde besser zu verstehen, ist aber im Bereich der Game Studies h\u00e4ufig sehr schnell veraltet. Wichtiger ist hier die Mitarbeit an eigenen Projekten: Selbst wenn diese keine kommerziellen Erfolge erreichen, so sind die Erfahrungen, die Studierende in dieser Zeit sammeln k\u00f6nnen, f\u00fcr Unternehmen sehr viel Wert.&#8220; Der kulturelle Wert von Forschung muss auch hier einem wirtschaftlichen Nutzen weichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt also beim Resumm\u00e9 eine mulmiges Gef\u00fchl, denn ohne Nachwuchs mit einem weitreichenden Horizont, ohne neue Ideengeber f\u00fcr die deutsche Developerszene, aber auch ohne Vermittler zu anderen Bereichen unserer Gesellschaft wie Politik und Kulturmedien, wird es die Branche in Zukunft nicht leicht haben. Kleinere Firmen, vor allem Studios und lokale Arbeitgeber wie Daedalic haben durch eine N\u00e4he zu den Ausbildungsbereichen gute Chancen der Branche zu einer bl\u00fchenden Zukunft zu verhelfen. Doch die internationalen Gr\u00f6\u00dfen des Sektors verschlafen gerade aufgrund ihrer globalen Strukturen und ach so sehr auf Shareholder-Value ausgerichteten Marketing-Orientierung ein riesiges Potenzial. Es wird also Zeit, dass die Branche aufwacht und endlich erkennt, was Nachwuchsf\u00f6rderung und ernsthafte Forschung f\u00fcr Games als Medium und Kulturform zu leisten verm\u00f6gen. Die Zukunft hat begonnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich erschienen in IGM 09\/2012.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass IGM in den letzten Ausgaben einen kritischen Blick auf die Ausbildung junger<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1441,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[402,163,165,164],"class_list":["post-1440","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gamefeatures","tag-games-features","tag-reportage","tag-studium","tag-uni"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1440"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2949,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1440\/revisions\/2949"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}