{"id":1661,"date":"2012-07-31T00:00:49","date_gmt":"2012-07-30T23:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=1661"},"modified":"2013-06-02T08:59:15","modified_gmt":"2013-06-02T07:59:15","slug":"ausdruck-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=1661","title":{"rendered":"Ausdruck der Freiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit \u2013 um sich selbst zu verwirklichen, um eine Familie zu gr\u00fcnden, um eine neue Karriere zu starten. Aber auch, um etwas wieder zu entdecken, was man verloren glaubte, was aber immer noch da ist.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein regenverhangener Tag: d\u00fcstere graue Wolken liegen schwer wie Blei \u00fcber Dublin und lassen das bunte Treiben der Touristen auf der Stra\u00dfe seltsam fehl am Platz wirken. Das Wetter mag der sommerlichen Zeit nicht angemessen erscheinen, aber doch wirkt es irgendwie passend zur Musik des neuen Albums von Dead Can Dance. &#8222;Anastasis&#8220; hei\u00dft es, &#8222;Auferstehung&#8220;, und ist das erste Album seit sechzehn Jahren, das die beiden Musiker aus Melbourne eingespielt haben. Das Album ist dunkel gef\u00e4rbt, schwelgt in Klangsph\u00e4ren jenseits der bunten Popwelt und will doch nicht d\u00fcster sein. Es ist, wie andere Dead Can Dance Alben auch, jenseits der \u00fcblichen Kategorien von Pop, Rock, Klassik oder Weltmusik zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und obwohl eine so lange Zeit vergangen ist, spricht Brendan Perry \u00fcber das neue Werk, als sei es der nat\u00fcrliche Anschluss an &#8222;Spiritchaser&#8220;, ihr letztes gemeinsames Album. &#8222;Das Album ist kein Neuanfang, sondern ein Fortbestehen, ein Weiterschreiten f\u00fcr uns. Dead Can Dance ist und war f\u00fcr uns nie der einzige Bestandteil unseres Lebens, daher haben wir auch nicht das Gef\u00fchl gehabt, etwas aufzugeben oder anzuhalten. Es hat nur etwas gedauert, uns wieder zusammen zu finden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei war die Trennung von 1996 \u2013 auf dem H\u00f6hepunkt ihrer gemeinsamen Karriere \u2013 f\u00fcr das Duo unabwendbar, wie Lisa Gerrard zugibt: &#8222;Wir waren nicht mehr in der Lage diesem Gef\u00fchl in uns Ausdruck zu verleihen. Wir hatten nicht mehr die Harmonie und das Verst\u00e4ndnis, das Vertrauen in den anderen. Um aber wahre Kunst zu schaffen, tief in deine Seele zu blicken und dieses wundervolle Gef\u00fchl hervorzuholen, da bedarf es einfach dieses Vertrauens. Deswegen mussten wir getrennter Wege gehen.&#8220;\u00a0 Es war ein notwendiger Schnitt, der beiden K\u00fcnstlern Raum und Freiheit verschaffte, um eigene Wege zu gehen und \u00e4u\u00dferst erfolgreiche Solokarrieren zu starten. Gerrard ver\u00f6ffentlichte drei Soloalben, kooperierte mit unterschiedlichsten Musikern und begann Filmmusik f\u00fcr so gro\u00dfe Hollywoodproduktionen wie Gladiator zu komponieren. Perry nahm auch Soloalben auf, zuerst mit viel Folkeinfluss, sp\u00e4ter orchestrale Musik. Und er gr\u00fcndete eine Sambaschule, gab Percussion-Workshops. Ihre Soloarbeiten haben sie ausgelebt, um nun wieder gemeinsam an einem Album zu arbeiten \u2013 aber warum gerade jetzt? &#8222;Das ist die Millionenfrage, die man uns immer stellt und auf die ich keine f\u00fcr die Presse befriedigende Antwort habe&#8220;, meint Perry und lacht. Ein wissender Blick zu Gerrard, ein Schmunzeln und dann sagt er: &#8222;Es gab nie einen Zusammenbruch von Dead Can Dance, wir haben uns nicht angeschrien und gegenseitig beschimpft. Wir waren einfach beide davon \u00fcberzeugt, dass wir nicht mehr zusammen arbeiten wollten.&#8220; Gerrard nickt, murmelt immer wieder Zustimmung und erg\u00e4nzt schlie\u00dflich: &#8222;Warum wir uns erst jetzt wieder zusammen gerauft haben? Weil bislang immer etwas dazwischen kam. 2005 wollten wir das schon einmal versuchen, nach der Tour. Aber das Leben, die Kinder, andere Projekte \u2013 immer wieder passte es nicht. Aber als Brendan mir diese Songideen vorgespielt hat, da wusste ich, dass ich wieder mit ihm zusammenarbeiten m\u00f6chte. Es ist f\u00fcr uns ein Wiederaufbau. Wir gehen von dem aus, was einmal da war, und versuchen uns wieder zu finden. Es gibt kein Zur\u00fcck in das Alte, aber man kann etwas Neues finden, was auf dem Alten basiert. Wir n\u00e4hern uns einander an, ebenso wie wir uns der Musik und der Kreativit\u00e4t zwischen uns n\u00e4hern.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sich dem Projekt erneut zu n\u00e4hern und eine Auferstehung zu feiern, hat sich Perry auf diesem Album vom \u00f6stlichen Mittelmeerraum inspirieren lassen, hat seine ruhigen und wundersch\u00f6nen Arrangements vermischt mit Sufi-Rhythmen und orientalischem Flair. &#8222;Griechenland, die T\u00fcrkei, der Mittlere Osten \u2013 das Land dort ist f\u00fcr mich eine Wegkreuzung. Da treffen der Westen und der Orient aufeinander, da vermischen sich Philosophien, Kulturen und Religionen und da sp\u00fcrt man so sehr unseren heutigen Zeitgeist. Ich habe das in der Musik umsetzen wollen, habe klassische westliche Harmonien mit orientalischer Rhythmik verwoben.&#8220; Das neue Album ist deutlicher Ausdruck des beschworenen Voranschreitens, verbindet es doch die emotionale Tiefe der Harmonien von &#8222;Into The Labyrinth&#8220; mit den kraftvolleren Rhythmus-Passagen von &#8222;Aion&#8220; zu einer positiven und ergreifenden Gesamtkomposition, die aber einfach nicht kategorial fassbar ist. Kunst, kein Kommerz. Ausdruck, kein Trend. Und so steht &#8222;Anastasis&#8220; auch als Auferstehung einer Musik, die sich mit jeder Note gegen das heutige Musikbusiness richtet, wie Lisa Gerrard es ausdr\u00fcckt: &#8222;Wenn man sich immer nur nach dem Druck der Moden dreht und den Trends nachl\u00e4uft, dann hat man sich selbst nicht gefunden. Dann ist man kein K\u00fcnstler, der nicht anders kann, als das auszudr\u00fccken, was in ihm ist. Brendan hat schon immer genau danach gestrebt. Von unserem ersten Album an, ging es uns nur darum einen Raum zu schaffen, der uns v\u00f6llige kreative Freiheit und Verwirklichung erlaubt. Wir wollten als Musiker keine Einschr\u00e4nkungen erfahren und so ist das noch heute.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei sieht Perry Kunst, Kreativit\u00e4t und Handwerk als eng verbunden an. So produziert er alles selbst, hat sein eigenes Studio in einer verlassenen Kirche eingerichtet und beh\u00e4lt in allen Aspekten des Albums die Kontrolle. &#8222;Das ist wichtig&#8220;, meint er, &#8222;weil du sonst aus der Musik eine Ware machst. Das passiert in diesen Castingshows bis ins kleinste Detail. Du gibst alles ab und machst ein Produkt daraus: &#8217;streamlining&#8216; nennt man das, oder &#8218;outsourcing&#8216;. Aber Musik zu machen ist ein Kunsthandwerk, keine maschinelle Produktion. Diese Popstars sind nur H\u00fcllen, die austauschbar sind. Als Musiker aber, ist es wichtig, dass deine Handschrift in allem erkennbar bleibt und du mit allem verbunden bist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Anastasis&#8220; beschreibt so auch das Auferstehen seines kreativen Ideals und hoffentlich einen Neuanfang f\u00fcr das Duo: &#8222;Wir befinden uns in diesem Zwischenstadium&#8220;, meint Perry, &#8222;wie die Blumen auf dem Cover. Das Bild f\u00e4ngt eigentlich alles genau ein. Sie sind verbl\u00fcht, wirken tot und ohne Leben. Aber in ihnen tragen sie das Saatgut f\u00fcr neue Blumen. Das Leben und die Kunst entstehen aus den Vergehen des Vorherigen.&#8220; Der roten Faden f\u00fcr Dead Can Dance \u2013 die Toten k\u00f6nnen wieder tanzen und zu neuem Leben erwachen. &#8222;Als ich das Photo f\u00fcr das Cover sah&#8220;, sagt Perry, &#8222;da war mir klar, dass es dieses Album voll und ganz widerspiegelt. Damals habe ich noch nicht mal einen Titel gehabt. Der kam dann von ganz alleine dazu.&#8220; Der graue, wolkenverhangene Himmel auf dem Cover findet sein Pendant \u00fcber Dublin und als ob die Poesie ihren Beitrag leisten wollte, bricht am Ende des Tages die Sonne durch und lacht herab auf Touristen und Musiker zugleich \u2013 Anastasis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich erschienen im Piranha 08\/2012 und auf <a href=\"http:\/\/piranha.tv\/dead-can-dance-anastasis\/2012\/07\/30\/\" target=\"_blank\">Piranha.tv<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit \u2013 um sich selbst zu verwirklichen, um eine Familie zu gr\u00fcnden, um eine neue<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1662,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[533,133,31,179,24,126],"class_list":["post-1661","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-dead-can-dance","tag-gothic","tag-musik","tag-neo-classic","tag-stories","tag-titel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1661","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1661"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1661\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2944,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1661\/revisions\/2944"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1661"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1661"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1661"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}