{"id":2217,"date":"2013-03-27T00:00:30","date_gmt":"2013-03-26T23:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=2217"},"modified":"2013-06-01T21:37:33","modified_gmt":"2013-06-01T20:37:33","slug":"elegie-auf-eine-legende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=2217","title":{"rendered":"Elegie auf eine Legende"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor genau einem Jahr kam das Aus. In einem Interview mit der Financial Times Deutschland k\u00fcndigte Karstadt-Chef Andrew Jennings an, er werde das Sortiment ausd\u00fcnnen. Eines der Opfer dieser radikalen Neuausrichtung waren die Multimedia-Abteilungen. Keine Musik, keine DVDs und eben keine Computerspiele mehr. Ein Jahr ist seitdem vergangen, und Wortraub dr\u00e4ngte die Frage, was aus dem einstigen Vorreiter in Sachen Unterhaltungssoftware geworden ist.<!--more-->Dies ist eine pers\u00f6nliche Geschichte. Kein Branchenbericht mit Fakten und wichtigen Interviews. Vielmehr ist es eine abschlie\u00dfende Betrachtung eines Kapitels meines Lebens. Denn ich war gerade einmal 10 Jahre alt, als ich meinen ersten eigenen Computer bekam \u2013 damals 1985. Und wie jeder 10-J\u00e4hrige wollte ich nichts anderes mit diesem grandiosen Commodore C64 machen als Spielen. Denn daf\u00fcr war der C64 nun einmal da, daf\u00fcr war er geschaffen. In meinem kleinen schleswig-holsteinischen Kaff war es jedoch vollkommen ausgeschlossen, Spiele zu kaufen. Die Rettung meiner prepubert\u00e4ren Kinderseele kam in Gestalt des m\u00e4chtigen Kaufhauses Karstadt, das als eines der ersten und wenigen H\u00e4user in meiner N\u00e4he Computerspiele in sein Sortiment aufnahm. Die Computer-Abteilung wurde fortan zur beliebsten Station auf den Abstechern ins nahegelegene Einkaufszentrum oder in die Hamburger Innenstadt. Mit den Abteilungen, die immer mit den neuesten Titeln best\u00fcckt waren, hatte sich Karstadt in den 1980er Jahren zu einem Vorreiter f\u00fcr das sp\u00e4tere Multimedia-Entertainment gemausert. Und ich konnte mir hier von Hornbrille tragenden jungen M\u00e4nnern in wei\u00dfen Hemden die besten Tipps f\u00fcr meine Freizeit holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war damals. Es folgte der unaufhaltsame Aufstieg des Computerspiels, die Revolution des Handels durch das Internet und die damit verbundene Einzelhandelskrise, die den Konzern Karstadt kr\u00e4ftig in Bedr\u00e4ngnis brachte. Eine Zeit lang, rettete Karstadt die Multimedia-Abteilung noch durch die Verschmelzung mit der Marke &#8222;WOM&#8220;, doch auch diese hielt dem Konkurrenzdruck nicht stand, und dann, vor einem Jahr, da kam das aus von ganz oben. Nicht, dass ich in den letzten f\u00fcnfzehn bis zwanzig Jahren tats\u00e4chlich noch ein Computerspiel bei Karstadt erstanden h\u00e4tte, aber dennoch: es war ein Schock. Das Aus f\u00fcr einen Vision\u00e4r der Achtziger. Das Ende einer \u00c4ra. \u00dcberholt von den Jungen und den Billigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprung in das Jahr 2013: Im Karstadt an der M\u00f6nckebergstra\u00dfe, dem Haupthaus des Konzerns in der Hamburger Innenstadt, im Seitentrack des sogenannten Thalia-Hauses, dort gibt es sie noch, die kleine Multimedia-Abteilung. Aber vom Glanz der alten Zeit ist hier nichts zu sp\u00fcren. Einsam und abgeschlagen im dritten Stock stehen noch etwa zehn Regale mit Computerspielen. Die sp\u00e4rlich angebrachte Dekoration ist mindestens ein halbes Jahr alt und im Neuheiten-Regal tummeln sich Titel wie &#8222;Hitman: Absolution&#8220; oder &#8222;Call of Duty&#8220; \u2013 die Hits der letzten Weihnachtssaison. Irgendwo am Infotresen stehen zwei Herren in wei\u00dfen Hemden, die Hornbrillen sind rahmenlosen Modellen gewichen und etwas \u00e4lter als die damaligen Kollegen sind sie auch. Ansonsten ist die Abteilung ausgestorben, kein einziger Kunde hat sich hierher verirrt, dabei ist es sp\u00e4ter Nachmittag und der Gamestop gleich nebenan in der Europa-Passage quillt \u00fcber. Hier oben aber ist es grabesstill, die Fernseher sind stumm geschaltet und die Xbox-Testkonsole ausgestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsichtig n\u00e4here ich mich den Herren in Wei\u00df, frage nach der Zukunft der Abteilung. Mit einem Hauch Gleichmut in der Stimme wendet sich der Verk\u00e4ufer an mich und zuckt mit den Schultern. Im Mai 2013 sei hier oben Schluss, dann schlie\u00dfe auch diese, letzte Abteilung in Hamburg. In Wandsbek und den anderen kleineren Filialen, da sei schon seit sp\u00e4testens Anfang des Jahres Schluss gewesen. Neue Artikel kaufe man schon l\u00e4nger nicht mehr ein, das sei irgendwie sinnlos. Bleibt also nur noch darauf zu warten, dass jemand den Rotstift ansetzt, das Lager geleert wird und dann \u2013 wie es weitergeht, das wusste man hier auch noch nicht. Eine ganze Etage steht dann frei, ganz ohne Multimedia. Man wird sehen, sagt er und dreht sich wieder zu seinem Kollegen. Mehr zu tun ist im Moment sowieso nicht. Und ich gehe, drehe mich ein letztes Mal um und winke in Gedanken meinem 10-J\u00e4hrigen Ich zu, das dieser Abteilung so manche sch\u00f6ne Stunde zu verdanken hatte. Leb Wohl, es war sch\u00f6n mit dir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0<\/b>Urspr\u00fcnglich erschienen in IGM 04\/2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor genau einem Jahr kam das Aus. 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