{"id":2414,"date":"2006-11-01T10:18:05","date_gmt":"2006-11-01T09:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=2414"},"modified":"2013-06-02T13:33:31","modified_gmt":"2013-06-02T12:33:31","slug":"volk-und-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=2414","title":{"rendered":"Volk und Nation"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>Laibach verstehen sich nicht als Musiker, sie sind Staatsk\u00fcnstler um genau zu sein. Und da ihr Staat mit der Perestroika zerfiel, gr\u00fcndeten sie ihren eigenen. Auf &#8222;Volk&#8220; erforschen sie nun das Empfinden ihrer Staatsb\u00fcrger.\u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zuordnung als Staatsk\u00fcnstler liegt tief im Selbstverst\u00e4ndnis des Musikerkollektivs Laibach, und mit der Gr\u00fcndung des Staates NSK (Neue Slowenische Kunst) haben sie 1991 nachtr\u00e4glich dieser Wahrnehmung best\u00e4tigt. &#8222;Der Staat NSK koexistiert friedlich \u2013 als Parasit und als Virus \u2013 innerhalb der existierenden Systeme und Staaten und nimmt sich deren beste Bestandteile. Laibach ist Teil dieses Staates, kann aber nicht einer einzelnen Nation oder einem einzelnen Territorium angeh\u00f6ren. Wir geh\u00f6ren der ganzen Welt und dem Universum&#8220;, lassen die Mitglieder per Email verlauten. Mit Laibach zu kommunizieren ist nicht immer leicht, da das Kollektiv nach Aussen nur als solches auftritt und einzelne Mitglieder nicht \u00f6ffentlich sprechen, so dass man als Journalist schon mal wie bei einem Visum mit seinen Fragen an der Grenze h\u00e4ngen bleiben kann. Und das, was da als Antwort kommt, klingt stark nach staatskonformen Aussagen, nur das diese im Falle Laibachs halt extrem auf k\u00fcnstlerische Form hin stilisiert wurden.<\/p>\n<p>Das Spiel mit sozialistischen Systemen hat bei Laibach seit 1984 Methode und so geh\u00f6ren die gezielte Provokation und die zelebrierte Dualit\u00e4t der Aussage zu den beliebtesten Stilmitteln der Musiker. Auf ihrem j\u00fcngsten Machwerk &#8222;Volk&#8220; lie\u00dfen sich die Musiker von Nationalhymnen inspirieren. Die Auswahl der Nationen viel dabei auf diejenigen, &#8222;die im historischen Kontext und in ihrer Rolle im politischen und kulturellen Imperialismus auff\u00e4llig waren. Das Hauptkriterium lag dabei auf dem imperialen Charakter des Nationalstaates, wobei wir uns auf die aggressivsten konzentriert haben.&#8220; Das Kollektiv \u00fcbernimmt in den St\u00fccken zumeist einige Zeilen aus der Originalhymne und erg\u00e4nzt sie dann durch englische Texte, die \u00fcber einer minimalistischen Elektronikkulisse liegen. G\u00e4nzlich ohne aggressive Untermalung entstehen so Soundteppiche, auf denen das politische Thema dezent bis plakativ bearbeitet werden kann. So singen Laibach auf Englisch, und auch die Liner-Notes weisen auf die Dominanz dieser Sprache hin, was laut Laibach an &#8222;den Beatles und den Rolling Stones liegt. Englisch ist so dominant, weil die Popkultur es auch ist. Und weil das Britische Empire das weitl\u00e4ufigste Reich der Weltgeschichte war.&#8220; Pop erobert die ganze Welt, auf Englisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache bleibt aber nicht das einzige Feld der kulturellen Besch\u00e4ftigung f\u00fcr Laibach, denen insbesondere die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Nation zwiesp\u00e4ltig vorkommt. Im Falle Amerikas gehen die Mitglieder soweit von einem Paradox zu sprechen: &#8222;Amerika ist eine &#8218;falsche&#8216; Nation, da sie rein zuf\u00e4llig aus heterogenen Elementen konstruiert wurde. Sie wurde durch den kleinsten gemeinsamen Nenner des Schmelztiegels der Migration erschaffen und basierte rein auf pragmatisch wirtschaftlichen Pr\u00e4missen. Heute jedoch ist Amerika die einzige Nation in der Geschichte, die auf wundersame Weise direkt vom Barbarismus zur Degeneration \u00fcbergegangen ist, ohne dabei den \u00fcblichen Umweg der Zivilisation einzuschlagen.&#8220; Nur wenige K\u00fcnstler wagen sich heute an eine derart intellektuell verpackte Aussage, doch Laibach waren schon immer unbequem und der Staat NSK geh\u00f6rt bestimmt nicht zu den m\u00e4chtigsten Vertretern des Kulturimperialismus, auch wenn seine Hymne auf &#8222;Volk&#8220; ebenso vertreten ist wie die deutsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 11\/06.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laibach verstehen sich nicht als Musiker, sie sind Staatsk\u00fcnstler um genau zu sein. 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