{"id":2464,"date":"2006-05-01T00:00:25","date_gmt":"2006-04-30T23:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=2464"},"modified":"2013-06-01T18:20:04","modified_gmt":"2013-06-01T17:20:04","slug":"die-kreativitats-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=2464","title":{"rendered":"Die Kreativit\u00e4ts-Theorie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>In 16 Jahren Bandgeschichte haben Tool es nur auf drei regul\u00e4re Alben gebracht. Dennoch sind sie eine der kreativsten Rockbands ihrer Zeit. Nun erscheint das vierte Album.<!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Schein und Sein&#8220; hei\u00dft das Spiel auf das sich Tool schon immer gut verstanden haben. Sowohl im Umgang mit der Musikindustrie als auch in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als Musiker haben sich Maynard James Keenan, Adam Jones, Danny Carey und Justin Chancellor stets mit Mysterien, Ger\u00fcchten und Halbwahrheiten umgeben. Tool sind so etwas wie das Bermuda-Dreieck der Musik \u2013 das R\u00e4tsel der Sphinx oder das Orakel von Delphi. Vor allem Maynard J. Keenan, Kopf jener Rockinnovation Tool legt seit dem Deb\u00fctalbum &#8222;Undertow&#8220; mit Vorliebe Fallen f\u00fcr Medien und Fans aus. So etwa als er die Band als Vehikel f\u00fcr eine Philosophie namens Lacrymologie ausgab, die eine spirituelle Heilung durch das Weinen propagiert. Eine Philosophie, deren Existenz nie belegt und die vermutlich von der Band selbst erschaffen wurde \u2013 und mittlerweile sogar eine Menge Anh\u00e4nger hat. Aber was bezwecken Tool damit? Tool-H\u00f6rer sollen die Dinge hinterfragen, sollen sehen, dass nicht jede Botschaft auch der Wahrheit entspricht. So deuten es zumindest treue Fans. Die Band selbst verweigert seit je her konsequent Erkl\u00e4rungen zu ihren Texten, Bildern und Videos und legt lieber weiter falsche F\u00e4hrten in Bezug auf deren Symbolik. Kein Wunder also, dass sich im Internet hunderte Foren und Fanseiten neben der detaillierten Analyse der Tool&#8217;schen Musik auch immer wieder mit den abstrusesten Deutungen und Interpretationen ihrer Albumtitel und Songtexte besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als im Januar diesen Jahres dann die Ank\u00fcndigung des neuen Albums publik wurde, da \u00fcberschlugen sich die Internetforen mit Spekulationen. Angeblich sollte das Album &#8222;Elephteria&#8220; hei\u00dfen, was sich vom griechischen Begriff f\u00fcr Freiheit ableiten l\u00e4sst. Nach den letzten Albumtiteln &#8222;Aenima&#8220; und &#8222;Lateralus&#8220;, beides Wortsch\u00f6pfungen aus antiken Begriffen, nicht unwahrscheinlich. Doch Tool w\u00e4ren nicht Tool, wenn sie es ihren Fans so leicht machen w\u00fcrden \u2013 und so tr\u00e4gt das Album nun den Titel &#8222;10.000 Days&#8220;. &#8222;Glaub&#8216; blo\u00df nicht irgendwelchen Schei\u00df, der im Internet steht! Das ist gro\u00dfer Mist!&#8220; kommentiert Maynard und wird das einzige Mal im Gespr\u00e4ch laut. Ansonsten sitzt der Tool-Frontmann scheu und in sich gekehrt im Sessel. Nur seine unruhigen Augen verraten die st\u00e4ndige Besch\u00e4ftigung im seinem Inneren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht nur Fehlinformationen und Mysterien sind Teil des Tool&#8217;schen Konzeptes. Es geh\u00f6rt auch zum Stil der Band, sich als Gesamtkunstwerk zu verstehen: Eigenst\u00e4ndiges Denken, Innovation und Kreativit\u00e4t sind essentielle Bestandteile dieses Kunstwerkes. &#8222;Es ist extrem wichtig f\u00fcr uns, unsere Vision umzusetzen und unseren Zielen und Glaubenss\u00e4tzen treu zu bleiben. Wir versuchen nicht, irgendwo rein zu passen,&#8220; erkl\u00e4rt Danny Carey, der Drummer der Band. Tool wehren sich gegen die kommerzielle Ausbeutung von Musik, was auch die langen Abst\u00e4nde zwischen den Alben und die zwanghafte Kontrolle jeder \u00c4u\u00dferung erkl\u00e4rt. Von den auch in den USA sehr beliebten Casting-Shows halten sie dementsprechend nichts. &#8222;Das ist keine Kunst und hat auch nichts mit Kreativit\u00e4t zu tun. gro\u00dfe Musiker wie Thom Yorke, Nick Cave oder PJ Harvey w\u00fcrden bei diesen Shows nicht mal die erste Runde \u00fcberstehen,&#8220; verwirft Maynard das &#8222;American Idol&#8220;-Konzept lakonisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht das man Tools Musik jemals in solchen TV-Shows zu Gesicht bekommen w\u00fcrde. Selbst MTV tut sich mit den Stop-Motion-Videos von Gitarrist Adam Jones schwer und hatte den anr\u00fcchigen Titel &#8222;Stinkfist&#8220; 1996 kurzerhand in &#8222;#1&#8220; umgewandelt. Auch &#8222;10.000 Days&#8220; verweigert konsequent jede Konformit\u00e4t. Kein Song unter f\u00fcnf Minuten, die meisten sind eher zehn lang. Die Rhythmik der St\u00fccke variiert so stark, dass es unm\u00f6glich scheint einen Beat mitzuz\u00e4hlen und die auf mehrere Schichten gedoppelten Gitarren dr\u00fccken mit derartiger Wucht aus dem Lautsprecher, dass einem angst und bange wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inhaltlich ist das neue Album eine Kampfansage an die Angepasstheit der amerikanischen Gesellschaft. Es geht um den Widerstand gegen die Akzeptanz vorgefertigter Meinungen. Und Maynard wehrt sich gegen inflation\u00e4r benutzte Begriffe wie Freiheit und Heldentum: &#8222;Ein Wort wie Freiheit ist so oft in den Raum geworfen worden, dass es jede Bedeutung verloren hat.&#8220; Wieder wandert sein Blick unruhig hin und her, w\u00e4hrend er die Antwort noch einmal abzuw\u00e4gen scheint. Und wer ist Schuld am Verlust dieser Ideale? &#8222;Anderen die Schuld zu geben ist ein Spiegel deiner eigenen Handlungen. Etwas, das du in dir selbst erkennst. Mit dem Finger zu zeigen ist nur eine Metapher, es verweist auf einen inneren Zustand&#8220;, erkl\u00e4rt Maynard nach langer Pause etwas kryptisch. &#8222;Wir machen keine politischen Statements. Es geht nicht um die \u00dcbermittlung einer bestimmten Botschaft. Wir sind aber alle ein Teil dieser Welt, auch ohne bewusste Anstrengung. Wir k\u00f6nnen uns der Beeinflussung nicht entziehen.&#8220; Und Danny erg\u00e4nzt: &#8222;Wir leben nun mal mit dem d\u00fcmmsten Pr\u00e4sidenten in der US-Geschichte und das hat auch Einfluss auf uns. Wir sind traurig und sauer dar\u00fcber. Vielleicht ist das Album deswegen ein wenig d\u00fcsterer geworden. Wir haben wieder dieses Gef\u00fchl der Angst und das bringt die Schwere in die Musik, wie schon bei &#8218;Undertow&#8216;, als sein Dad im Amt war.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch an die klaren Strukturen von &#8222;Undertow&#8220; erinnert &#8222;10.000 Days&#8220; nicht. Die Songs sind deutlich dichter, vollgepackt mit diversen Sounds und Einfl\u00fcssen. Aggressivit\u00e4t und Kraft stehen im Kontrast zu ruhigen, in sich gekehrten Songteilen. Offen wird hier Pink Floyd zitiert. &#8222;Ja, die Platte hat Anleihen in dieser Richtung, obwohl wir nicht ausdr\u00fccklich dar\u00fcber nachgedacht haben. Aber da sind definitiv Einfl\u00fcsse vorhanden,&#8220; sagt Danny und meint einige Gitarrenparts, die so psychedelisch durch die Songs wabern, als h\u00e4tte David Gilmour sie gespielt und nicht Adam Jones.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder einmal erschaffen Tool ihr eigenes konzeptionelles Kunstwerk, das musikalisch beeindruckt und das inhaltlich viele Deutungen erlaubt, weil es nicht \u00fcber Offensichtlichkeit verf\u00fcgt. Das Tool&#8217;sche Orakel hat auf &#8222;10.000 Days&#8220; wieder gesprochen \u2013 nun schweigt es. Aber in den Fanforen im Internet darf noch eifrig im Weihrauch gedeutet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Artikel ist erschienen im WOM Magazin Ausgabe 05\/06.<\/i><br \/>\n&gt;&gt; <a href=\"Journalist\/Features\/Tool.pdf\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #6a0000;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Hier klicken, um PDF runterzuladen.<\/span><\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In 16 Jahren Bandgeschichte haben Tool es nur auf drei regul\u00e4re Alben gebracht. 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