{"id":2468,"date":"2007-01-01T00:00:05","date_gmt":"2006-12-31T23:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=2468"},"modified":"2013-06-02T13:22:36","modified_gmt":"2013-06-02T12:22:36","slug":"fear-and-loathing-in-vancouver","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=2468","title":{"rendered":"Fear And Loathing in Vancouver"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>Die kanadische Rockszene boomt, und das nicht nur dank Billy Talent und Danko Jones aus Toronto. Auch die Westk\u00fcste mit ihrer kosmopolitischen Metropole Vancouver bietet dem Musikfan eine Menge, wie zum Beispiel die junge, frische Band The Vincent Black Shadow. Mit ihrem nicht in eine g\u00e4ngige Genre-Schublade zu packenden Stilmix erobern sie derzeit den US-Markt und machen sich jetzt auch in Deutschland auf, um durch die Musikwelt zu wirbeln.<!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">The Vincent Black Shadow lieben das Neue, das Unbekannte und das Unvorhersehbare. So verwundert es dann auch nicht, als die drei ungleichen Br\u00fcder, mit denen eigentlich das Interview laufen sollte, sich erstmal \u00fcber das Malzbier am\u00fcsieren, das auf dem Tisch steht, um dann gleich jeder eines zur Probe zu bestellen. &#8222;Mann, das schmeckt ja gar nicht so s\u00fc\u00df wie ich dachte,&#8220; sagt Rob Kirkham, Gitarrist der Band, und beweist, dass Werbefilm-Klischees eben doch war sind. Und auch sein Bruder Chris, Bassist der Band, ist einigerma\u00dfen angetan von dem Getr\u00e4nk. Nur Bruder Nummer Drei, Anthony, seines Zeichens Drummer, ist nicht ganz so begeistert: &#8222;Naja, habe auch schon mal was besseres getrunken. Bier ohne Alkohol ist doch langweilig.&#8220; Um den Reigen der Band komplett zu machen, fehlt eigentlich nur noch Cassandra Ford, die S\u00e4ngerin, die aber erst am Abend zum Konzert zu der Truppe dazu sto\u00dfen wird. Und beim Anblick der drei Br\u00fcder f\u00e4llt schon auf, warum man sich musikalisch so schwer damit tut, die Band in eine Genre einzuordnen, denn Rob sitzt mit seinen wuscheligen blonden Haaren und dem lockeren T-Shirt da, als ob er eigentlich \u00fcber das Surfen reden m\u00f6chte, w\u00e4hrend Chris in Punkhose, Springerstiefeln und Armeejacke sowie dunklen gespikten Schopf wirkt, als kotze ihn der ganze Rummel eher an. Nur Tony h\u00e4ngt noch vom Vorabend durch, in Guns&#8217;N&#8217;Roses Bandana und Danzig-T-Shirt, die Verk\u00f6rperung des 80er Jahre Metal. Wie kommen die drei da blo\u00df in ein und derselben Band klar? &#8222;Naja, wir sind zwar alle unterschiedliche Typen und m\u00f6gen ganz andere Musik, aber wir bringen genau das zusammen und daraus wird dann der Soundmix von TVBS&#8220;, erkl\u00e4rt Chris das Zusammenspiel. Rob erg\u00e4nzt: &#8222;Chris ist der Punk, Tony der Metaller und ich steh halt auf die Melodien, egal ob nun von den Beach Boys oder von Faith No More.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\nMan h\u00f6rt ihrem Deb\u00fct an, dass viele Einfl\u00fcsse drin sind, neben einigen Punk oder Goth-Elementen vor allem aber alte Stile, wie etwa Swing, Rockabilly oder Ska, ein wenig sogar Chanson oder Musical. Alte Musik hat die Jungs also inspiriert, und so wildern sie vornehmlich in der Radio-\u00c4ra der 20er bis 50er Jahre. &#8222;Das liegt daran, dass Musik damals noch mit einem anderen Bewusstsein geh\u00f6rt wurde. Deswegen wirkt unsere Platte vielleicht ein wenig nostalgisch. Wir wollten dieses Bewusstsein zur\u00fcckholen. Damals hat man sich noch hingesetzt und ganz aufmerksam dem Radio zugeh\u00f6rt, das war die Unterhaltung. Man achtete auf die Musik, das Zusammenspiel der Instrumente und den Inhalt der Texte. Heute stehen die Leute im Club und unterhalten sich den ganzen Abend, die Musik dient nur noch als Soundtrack im Hintergrund&#8220;, ger\u00e4t Chris ins Philosophieren. Rob stimmt dem zu und erg\u00e4nzt etwas platter: &#8222;Heutzutage ist Musik wie ein Essen bei McDonald: du kannst dort Nahrung bekommen, aber satt bist du h\u00f6chstens zehn Minuten lang.&#8220; Tonys Einwurf dazu ist nur ein lakonisches &#8222;Und dann kotzt du!&#8220; Ok, Pop ist also nicht ihr Ding, doch wie w\u00fcrden sie dann ihrer Musik selber beschreiben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n&#8222;Kennst du Hunter S. Thompson? wei\u00dft du was Gonzo-Journalismus ist? Das machen wir, nur eben mit Musik,&#8220; erkl\u00e4rt Rob das musikalische Konstrukt, das The Vincent Black Shadow darstellt. Somit erkl\u00e4rt sich dann auch der Name der Band, der sich auf ein Motorrad bezieht, dass Thompson in einem seiner B\u00fccher beschreibt. &#8222;Thompson schrieb wie er wollte und was er wollte. Er hatte keinen festgelegten Stil und keine Struktur. Wenn du mich fragst, was wir machen, dann sag ich nur: Gonzo!&#8220; Rob ist geradezu begeistert von seiner Adaption des Schreibstils von Thompson. Doch der Autor von &#8222;Fear And Loathing In Las Vegas&#8220; schrieb seine Gonzo-Werke aus Ermangelung an Recherche und unter einer Menge Drogeneinfluss, gebar aus der Not einer schlechten Arbeitsmoral die Tugend eines neuen, freien journalistischen Stils. &#8222;Mann, genau das ist es. Wir sind auch nicht in theoretischen Grundlagen trainiert, keiner von uns hat eine Musikschule besucht,&#8220; verteidigt Rob seinen Vergleich. Und Chris, der eher skeptisch das Wort &#8222;Gonzo&#8220; umgeht, erg\u00e4nzt: &#8222;Sieh es doch mal so, wir spielen ja noch nicht einmal die Instrumente, die wir gewohnt sind. Bisher war ich immer der Gitarrist und Rob der Bassist. Nur in dieser Band haben wir getauscht, was sich dann auch auf unsere Herangehensweise ausgewirkt hat.&#8220; Rob f\u00e4llt ihm ins Wort: &#8222;Ja, ich denke nicht in Form von angeberischen Soli oder Riffs, ich spiele viel Rhythmus. Das meine ich ja, wir machen das halt, wie wir Bock haben. Hauptsache ist doch das ein toller Song dabei rauskommt und nicht, dass es technisch perfekt auf dem Notenpapier steht.&#8220; Zugegeben, ihr theoretischer Ansatz ist eher kreativ, nicht so sehr auf musikalischer Theorie basierend, aber sie sind auch ganz bestimmt keine Dilettanten. Das Album ist thematisch sehr wohl dicht und nicht etwa ein wirrer Gedankenteppich, wie ihn Thompson produziert hat. Auf dem soliden Fundament des Rock bauen sie ihre Songs auf, die dann mit Hilfe der besten musikalischen Einfl\u00fcsse der letzten 80 Jahre Musikgeschichte eine Collage erschaffen, die man in dieser Form noch nicht geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\nUm so viel musikalischer Vielfalt eine einheitliche Note zu verleihen, bedarf es einer gro\u00dfartigen Stimme. Die kam in Form der kleinen Halbasiatin Cassandra Ford in die Band, die mit ihrer beeindruckenden Vokalperformance die Songs zu einem Erlebnis macht. Trotz ihrer k\u00f6rperlichen Zierlichkeit vermag Cassie n\u00e4mlich ein wahres Stimmwunder zu vollbringen und den schr\u00e4gen Musikcollagen ihrer Kollegen eine geniale, warme Note zu verleihen, die TVBS zu etwas ganz Eigenem macht und das heterogene Gef\u00fcge verbindet. Und wie sieht sie ihrer Rolle in dem von drei Br\u00fcdern gepr\u00e4gten Bandgef\u00fcge? &#8222;Ich sehe mich als K\u00fcnstlerin. Ich f\u00fchle mich mit der Rolle der Frontfrau nicht immer sehr wohl, weil die Leute so viele Erwartungen daran haben. Aber ich mache auch das gesamte Artwork, bin ein Digital Artist und arbeite viel auf der visuellen Ebene,&#8220; sagt Cass im Gespr\u00e4ch nach dem Konzert. Und tats\u00e4chlich reagiert sie auf Komplimente von Fans zu ihrer Performance eher versch\u00fcchtert, wei\u00df nicht, wie sie damit umgehen soll. Dabei wirkt sie auf der B\u00fchne fast schon zu sicher, singt ganz selbstvergessen ihre Songs und scheint dabei gar nicht zu merken, wie sie dem (m\u00e4nnlichen) Publikum den Kopf verdreht. Sie ist es auch, die als Kreative der Band, den Texten eine Form verleiht. Und die sind schr\u00e4g, handeln von der d\u00fcsteren Seite des Lebens und erinnern in ihrer \u00c4sthetik ein Bisschen an Emily the Strange. &#8222;Ich mag es nicht, wenn die Leute meine Texte zu w\u00f6rtlich nehmen. Oder aber meine Sicht nicht verstehen. Es passiert mir st\u00e4ndig, dass ich darauf angesprochen werde, das &#8222;Don&#8217;t Go Softly&#8220; ja so ein sch\u00f6ner Liebessong sei. Dabei geht es um den Akt, tats\u00e4chlich ein Herz zu brechen, es quasi aufzuschneiden.&#8220; Cassie schaut dabei so niedlich und zart aus, dass man kaum glauben mag, dass eine derartig makabre Aussage dahinterstecken soll. Aber das ist dann auch wieder so unvorhersehbar, dass es irgendwie passt und dieser Band gut zu Gesicht steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Artikel ist erschienen im Access! All Areas Ausgabe 01\/07.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die kanadische Rockszene boomt, und das nicht nur dank Billy Talent und Danko Jones aus Toronto. 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