{"id":2475,"date":"2006-07-01T00:00:05","date_gmt":"2006-06-30T23:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=2475"},"modified":"2013-06-01T18:32:44","modified_gmt":"2013-06-01T17:32:44","slug":"selbst-ist-die-band","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=2475","title":{"rendered":"Selbst ist die Band"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>Do it yourself ist mehr eine Lebenseinstellung, denn eine Modeerscheinung. Obwohl als solche funktioniert sie auch bestens. Im Fernsehen zum Beispiel, wo Liese M\u00fcller lernt, wie sie ihre K\u00fcche auf Vordermann bringt, oder Heinz Krause einen Gartenteich anlegt.<!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Musik steht &#8222;do it yourself&#8220; eigentlich f\u00fcr eine Philosophie, die insbesondere im alternativen Bereich weit verbreitet ist. Seit den Punkbands der Siebziger und dem Independent der Achtziger-Jahre behalten sich Musiker gerne das Recht vor, vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber ihr Schaffen zu haben. Das geht soweit, dass viele Bands sich nicht nur um Musik und Texte, sondern auch um Artworks, Single-Auswahl, Tourbookings und das Management ihrer Selbst k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berliner Band Zeraphine entschied sich nach ihrem dritten Album f\u00fcr eben genau diesen Weg. Der Vertrag mit Drakkar war ausgelaufen, die Ansprechpartnerin hatte die Firma verlassen und man verhandelte mit diversen Majors, die sich an der erfolgreichen Band interessiert zeigten. &#8222;Dort war aber der Tenor, dass die uns auch in die Musik reinreden werden und in eigentlich alle Bereich, die Band betreffend. Das war uns zu unsicher. Wir wollten uns nicht verbiegen lassen&#8220;, erkl\u00e4rt S\u00e4nger Sven Friedrich die Entscheidung der Band gegen einen Majordeal. Was also tun, da man nicht zu einem kleinen Label wollte, weil dies einen Karriere-R\u00fcckschritt bedeutete? Klar, die Flucht nach vorne: selbst ist die Band. Und so gr\u00fcndeten Zeraphine ein eigenes Label und begannen mit der do it yourself-Arbeit. Die Vorteile sind f\u00fcr Sven klar ersichtlich: &#8222;Es f\u00fchlt sich gut an, weil man alles in der Hand hat. Man kann sehr schnell auf Sachen reagieren, die nicht so laufen wie geplant, weil man in alle Prozesse involviert ist. Es ist aber auch viel mehr Arbeit. Und man hat das Gef\u00fchl unabh\u00e4ngiger zu sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neu gewonnen Freiheit spiegelt sich auch musikalisch auf &#8222;Still&#8220;, dem vierten und neuesten Album der Berliner wider. Das Album bleibt dem nicht ganz einfach einzuordnenden Stil der Band treu, wagt sogar noch mehr den Spagat zwischen alternativer Rock- und dem Gothic-Sektor entlehnter Wave-Musik. Die elektronischen Spielereien sind st\u00e4rker vertreten und auch Pop-Melodien lassen sich trotzt der Absage an die Major auf &#8222;Still&#8220; finden. Sven erkl\u00e4rt die musikalische Weiterentwicklung so: &#8222;Wir sind mutiger geworden und haben uns mehr getraut. Das Album klingt dadurch anders als die bisherigen Alben. Das macht sich bemerkbar.&#8220; Warum Zeraphine sich mit ihrem vierten Werk immer noch zwischen die St\u00fchle aus Rock und Wave setzen, liegt f\u00fcr Sven klar in den unterschiedlichen Musikgeschm\u00e4ckern der Bandmitglieder begr\u00fcndet: &#8222;Wir h\u00f6ren ganz unterschiedliche Musik. Bei Zeraphine kommen wir zusammen und vereinen unsere Geschm\u00e4cker. Die Summe aus allem macht dann unseren Sound aus.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch eine Summe findet sich in der Musik von Zeraphine konstant bis heute wieder: die Band vereint geschickt deutsche und englische Texte zu einer konzeptionellen Einheit. Der sprachlich zweideutige Titel &#8222;Still&#8220; deutet es an, beide Sprachen funktionieren hier gemeinsam, teilen sich die zw\u00f6lf Songs nahezu gerecht. F\u00fcr Sven ist das eine nat\u00fcrliche Entwicklung, da er in einer Popkultur aufgewachsen ist und Englisch als Musiksprache ideal die Muttersprache Deutsch erg\u00e4nzt. &#8222;Wenn die Texte offen geschrieben sein sollen, dann nehme ich Englisch, wenn sie konkretere Situationen beschreiben, eignet sich meistens das Deutsche besser&#8220;, erkl\u00e4rt er seine Wahl beim Schreiben. Und dank der neu gewonnen Freiheit des eigenen Labels, muss er diese Entscheidung nun auch nur noch vor sich selber rechtfertigen. So ein do it yourself-Konzept f\u00fcr Bands ist doch eigentlich ganz sch\u00f6n interessant. Ist schon verwunderlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, das f\u00fcr das Fernsehen zu vermarkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 07\/06.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Do it yourself ist mehr eine Lebenseinstellung, denn eine Modeerscheinung. Obwohl als solche funktioniert sie auch bestens. 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