{"id":3347,"date":"2013-08-01T12:18:29","date_gmt":"2013-08-01T11:18:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=3347"},"modified":"2013-08-04T12:22:35","modified_gmt":"2013-08-04T11:22:35","slug":"die-geschichte-des-tattoos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=3347","title":{"rendered":"Die Geschichte des Tattoos"},"content":{"rendered":"<p>Wie lange t\u00e4towieren sich die Menschen eigentlich schon? Aus welchen Gr\u00fcnden werden Hautmarkierungen angebracht und welche Bedeutung haben sie? Und gilt dies eigentlich f\u00fcr alle Kulturen der Welt? Diesen Fragen m\u00f6chte PERFECT INK auf den folgenden Seiten gerne nachgehen&#8230;<!--more--><\/p>\n<p>Wenn es zwei Dinge gibt, die den meisten Menschen in Bezug auf die Herkunft des Tattoos im Ged\u00e4chtnis bleiben, dann ist es erstens der britische Seefahrer und Entdecker James Cook, der 1769 von einer Expedition in den S\u00fcdpazifik die Kunde der T\u00e4towierung und sogar einen T\u00e4towierten mit nach Europa brachte. Und zweitens die Vorliebe bestimmter sozialer Unterschichten, wie Verbrechern, Seefahrern oder Prostituierten, sich die Haut mit bunten Bildern zu verzieren. Beide Aussagen stimmen und doch sind die in der allgemeinen Wahrnehmung damit verbundenen Wahrheiten weitaus komplexer. Die Geschichte des Tattoos ist so alt wie die menschliche Kultur selbst und deutlich vielschichtiger als die genannten simplen Klischees.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Pr\u00e4historie: Von Priestern und Kriegern <\/b><\/h3>\n<p>Es ist nicht ganz leicht, Beweise daf\u00fcr zu finden, dass sich Menschen vor \u00fcber siebentausend Jahren tats\u00e4chlich t\u00e4towiert haben. Schlie\u00dflich sind die in alten Grabkammern Chinas entdeckten Tongef\u00e4\u00dfe mit Abbildungen von &#8222;gezeichneten&#8220; oder &#8222;markierten&#8220; Menschen kein Beweis daf\u00fcr, wie die Markierungen oder Zeichnungen in der Realit\u00e4t auf dem K\u00f6rper angebracht wurden. Ein erstes Indiz f\u00fcr eine Jahrtausende alte und geradezu universelle Tradition des K\u00f6rperstiches sind sie aber schon.<\/p>\n<p>Denn seit 1991 wissen wir, dass auch unsere mitteleurop\u00e4ischen Vorfahren sich bereits vor tausenden Jahren t\u00e4towiert haben. Mit &#8222;\u00d6tzi&#8220; fanden Forscher in den Alpen den eindeutigen Beweis, dass Menschen sich vor 5200 Jahren mit Farbe die Haut markiert haben. Am K\u00f6rper des Eiszeit-Mannes fanden sich 57 Striche und Kreuze, die vermutlich mit Ru\u00df und einem spitz gefeilten Instrument unter die Haut geritzt wurden. Interessant ist jedoch, dass \u00d6tzi vor allem an Stellen markiert ist, die gegen eine \u00e4sthetisch-rituelle Funktion sprechen. Neueste Theorien besagen, \u00d6tzi habe wahrscheinlich R\u00fcckenschmerzen gehabt \u2013 so zumindest lassen die Abnutzungen der Gelenke vermuten \u2013 und habe sich dort markiert, wo Schmerzbehandlungen durch Nadelstiche angesetzt werden m\u00fcssten. Die Stellen der Markierungen entsprechen erstaunlich genau den Punkten, die in der heutigen Akupunktur genutzt w\u00fcrden. Es stellt sich also die Frage, ob \u00d6tzi ein Fan von Naturheilkunde war? T\u00e4towiert war er aber auf jeden Fall.<\/p>\n<p>Bereits in den 1920er Jahren fanden britische Arch\u00e4ologen \u00e4gyptische Mumien in Theben, die ebenfalls unter die Haut gestochene Markierungen aufwiesen. Amunet, eine Priesterin der G\u00f6ttin Hathor etwa, die am ganzen K\u00f6rper deutlich erkennbare und vermutlich aus rituellen Gr\u00fcnden angebrachte Muster aus Strichen und Punkten trug. Forscher glauben, Priesterinnen nutzten die T\u00e4towierungen dazu, sich mit ihrer Gottheit rituell zu verbinden und etwa f\u00fcr Geburten oder gegen Krankheiten Schutz zu erbitten. Die T\u00e4towierungen sind also so etwas wie permanente Schutzamulette, die sowohl \u00e4sthetische als auch rituelle Funktion hatten. Die gefundenen Mumien, wie die Amunets, wurden auf die elfte Dynastie datiert und sind entsprechend \u00fcber 4000 Jahre alt. \u00c4hnliche Markierungen fand man auch bei nubischen Mumien der selben Zeit und auch Darstellungen lybischer Priester zeigen T\u00e4towierungen \u2013 ein eindeutiges Zeichen f\u00fcr die weite Verbreitung des Brauches in Afrika.<\/p>\n<p>Die ersten Bild-T\u00e4towierungen hingegen fanden Forscher in Gr\u00e4bern des eurasischen Reitervolkes der Skythen im heutigen Sibirien. In den Altaibergen entdeckte man einen 2400 Jahre alten Krieger, dessen K\u00f6rper mit extensiven Tattoos von mythischen Tierwesen verziert war. In der skythischen Kultur galten T\u00e4towierungen als Zeichen von St\u00e4rke und Macht, wodurch sich auch die mythologischen Tiermotive erkl\u00e4ren, deren Kraft auf den Tr\u00e4ger \u00fcbergehen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Antike: Von Sklaven und Christen<\/b><\/h3>\n<p>Auch wenn T\u00e4towierungen schon tausende Jahre alt sind, so waren sie seitdem jedoch nicht bei allen Kulturen gleichsam beliebt und wurden aus ganz unterschiedlichen Gr\u00fcnden genutzt. Die alten Griechen beispielsweise waren ganz und gar nicht angetan von T\u00e4towierungen, waren die Hautzeichen f\u00fcr sie doch barbarischer Herkunft \u2013 wie etwa bei den Skythen, Pikten oder Nubiern \u2013 und somit Indiz f\u00fcr Menschen zweiter Klasse. So verwendeten die Griechen T\u00e4towierungen fast ausschlie\u00dflich dazu, ihre Sklaven zu markieren oder Kriminelle \u00f6ffentlich kenntlich zu machen. Sollte ein Sklave oder Gefangener fliehen, konnte man ihn auf diese Weise eindeutig identifizieren und ihm seiner gerechten Strafe zukommen lassen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sahen das auch die R\u00f6mer, die T\u00e4towierungen vor allem nutzten um Bestrafungen zu markieren. So wird dem dekadenten Kaiser Caligula nachgesagt, er habe als Unterhaltungsform in Ungnade gefallene H\u00f6flinge t\u00e4towieren lassen, wodurch sie effektiv als Ausgesto\u00dfene galten. \u00c4hnlich wurden Tattoos in der Armee genutzt, da die r\u00f6mischen Legionen meist aus S\u00f6ldnern bestanden und mit Deserteuren jederzeit gerechnet werden musste: Ein milit\u00e4risches Tattoo erschwerte da nat\u00fcrlich die Flucht.<\/p>\n<p>Insgesamt gilt f\u00fcr die Antike, dass Tattoos dazu genutzt wurden, um bestimmte Gruppen vom Gros der Gesellschaft abzugrenzen und zu stigmatisieren \u2013 ein Begriff der sich aus eben genau dem lateinischen Begriff f\u00fcr Markierung ableitet.<\/p>\n<p>Ein Stigma, also ein in den K\u00f6rper gebrachtes Mal oder eine Markierung, war es auch, das fr\u00fche Christen im r\u00f6mischen Reich erdulden mussten. Doch die Schandmarkierung, die von den R\u00f6mern ersonnen wurde, nutzten Christen schon bald als Zeichen einer Gruppenzugeh\u00f6rigkeit. Und so wurde das t\u00e4towierte Kreuz als Symbol Jesus Christus&#8216; zum Abzeichen verfolgter Christen \u2013 eine Tradition, die sich etwa in islamischen L\u00e4ndern zum Teil bis heute noch h\u00e4lt, wie etwa bei koptischen Christen in \u00c4gypten. Gerade in den fr\u00fchen Jahren des Christentums wurde so aus einer Markierung der Ausgrenzung durch die Umdeutung ein Symbol der Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Mittelalter: Von Kreuzrittern und Jungfrauen<\/b><\/h3>\n<p>Mit dem Siegeszug des christlichen Glaubens in Europa wurde die Notwendigkeit der Zugeh\u00f6rigkeitsmarkierung immer unwichtiger und so erlie\u00df die Kirche im Jahr 787 n. Chr. ein Verbot der T\u00e4towierungen, mit dem der &#8222;heidnische Brauch&#8220; bek\u00e4mpft werden sollte. In der Bibel stand schlie\u00dflich geschrieben: &#8222;Sie sollen an ihrem Leib kein Mal stechen&#8220; (Moses 2, 21:5). Laut des Edikts von 787, das zumindest in offizieller Deutung bis in die Neuzeit G\u00fcltigkeit hatte, war das &#8222;Punktieren der Haut&#8220; Blasphemie und somit strikt verboten \u2013 mit Ausnahme von Christen, die als Minderheiten unter Verfolgung litten und die Symbole zur Markierung ihres Glaubens nutzten. Ber\u00fchmtestes Beispiel \u2013 neben den bereits erw\u00e4hnten Kreuzt\u00e4towierungen der Kopten \u2013 ist die Eroberung des christlichen Bosniens im Jahre 1463 durch die Osmanen. Die t\u00fcrkischen Eroberer verschleppten christliche Jungfrauen und zwangen sie in den islamischen Glauben. Um die Frauen vor der Konversion zu bewahren und Missbrauch oder Verschleppung vorzubeugen, begannen die gl\u00e4ubigen Christen damit, junge M\u00e4dchen mit deutlich sichtbaren T\u00e4towierungen zu markieren. Die Kreuze, Heiligenbilder und Bibelverse waren oft auf Armen, H\u00e4nden, der Brust und in Extremf\u00e4llen der Stirn angebracht. Diese Tradition, nach der die Motive mit einfachen Nadeln und Farbe aus Holzkohle, Ru\u00df und der Muttermilch von Frauen mit S\u00f6hnen gestochen werden mussten, hielt sich in der Region bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Glauben, so die Islamisierung aufzuhalten.<\/p>\n<p>Doch nicht nur verfolgte oder in Minderheit lebende Christen t\u00e4towierten sich f\u00fcr ihren Glauben. Kreuzritter, die in die feindliche Fremde zogen, wollten mit Hilfe t\u00e4towierter Kreuze oder Bilder sichtlich machen, dass sie Christen waren. F\u00fcr den Fall des Todes sollten die Symbole sicher stellen, dass den M\u00e4nnern ein ordentliches christliches Begr\u00e4bnis zu Teil wurde. Sollten sie jedoch \u00fcberleben, so zelebrierten die M\u00e4nner die erfolgreiche Reise nach Jerusalem und die Teilnahme am Kreuzzug Gottes durch weitere religi\u00f6se Motive, die als Erinnerung an das Vollbrachte dienten. Auch diese Tradition sogenannter Wallfahrt- oder Pilgert\u00e4towierungen hat bis in die Neuzeit bestand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Neuzeit: Von Wilden und Schaustellern <\/b><\/h3>\n<p>W\u00e4hrend im Mittelalter die T\u00e4towierung also nur in speziellen Ausnahmef\u00e4llen ihren Platz in der Kultur der Europ\u00e4er hatte, wurde sie mit dem Aufbruch in die Neue Welt wieder zentraler. So berichtete Entdecker John White schon 1578 von den Hautmalen der Eskimos, John Smith einige Jahre sp\u00e4ter von den T\u00e4towierungen der Ureinwohner Nordamerikas. F\u00fcr kurze Zeit sorgte in den 1690er Jahren der aus der S\u00fcdsee stammende Prinz Giolo f\u00fcr Aufregung in der Londoner Gesellschaft. Giolo war von William Dampier nach England gebracht worden und galt einige Monate als Sensation in der High Society \u2013\u00a0nur um wenig sp\u00e4ter in Vergessenheit zu geraten und elendig an den Pocken zu sterben, gegen die sein Immunsystem sich nicht wehren konnte.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmteste T\u00e4towierte dieser Epoche war aber der Tahitianer Omai, den James Cook 1769 in die Alte Welt zur\u00fcck brachte und als &#8222;zivilisierten Wilden&#8220; dazu nutzte den absolutistisch regierten Europ\u00e4ern ein irdisches Paradies voller Freiheiten und Exotik zu pr\u00e4sentieren. Seine T\u00e4towierungen wurden europaweit bekannt, vor allem deswegen weil Cook mit dem Begriff &#8222;tattoo&#8220; \u2013 abgeleitet von polynesischen und tahitianischen Begriffen \u2013 f\u00fcr den Hautstich nun auch eine Benennung mitgeliefert hatte.<\/p>\n<p>Der Mythos der wilden, paradiesischen Welt verbreitete sich wie ein Lauffeuer, weiter angetrieben von Legenden von &#8222;Runaways&#8220;; Matrosen, die dem strikten Reglement an Bord durch Fahnenflucht auf einer S\u00fcdseeinsel zu entkommen suchten. Diese Fl\u00fcchtlinge lebten mit den Ureinwohnern und nahmen deren Sitten an, darunter auch die rituelle T\u00e4towierung. Bei einer R\u00fcckkehr in die Zivilisation wurden sie zu Sehensw\u00fcrdigkeiten, die ihre Abenteuer bei den Wilden weitergaben. Aus diesen ersten R\u00fcckkehrern entwickelten sich zwei Trends: erstens fingen auch andere Matrosen an, sich durch Tattoos zu zeichnen und so etwa ihre Welterfahrung zu bezeugen. Die Souvenirs aus \u00dcbersee wurden unter Seeleuten so etwas wie Erfahrungsabzeichen. Diese Tradition h\u00e4lt bis heute an, z\u00e4hlt zu den wichtigsten Klischees der T\u00e4towierungen, ist zugleich aber auch f\u00fcr die Zeitlosigkeit nautischer Oldschool-Motive verantwortlich. Zweitens aber entdeckten findige Schausteller hier eine Marktl\u00fccke. Sie lie\u00dfen sich am gesamten K\u00f6rper t\u00e4towieren \u2013 oftmals in Europa selbst \u2013 und tourten dann \u00fcbers Land, um die Bilder Schaulustigen zu pr\u00e4sentieren und dabei von den wilden Abenteuern in der Fremde zu berichten, ob diese nun real waren oder nicht. Die Zurschaustellung extremer T\u00e4towierungen findet im ausgehenden 19. Jahrhundert ihren H\u00f6hepunkt, verliert sich aber mit der Schaustellerei insgesamt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist in der heutigen Zeit aber dank des Guinness Buchs der Rekorde und der modernen Mediengesellschaft wieder auf dem Vormarsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Moderne: Von Verbrechern und Adligen<\/b><\/h3>\n<p>In der Zeit der Industrialisierung sind es gerade die sozial benachteiligten Klassen, die sich neue identit\u00e4tsstiftende Merkmale suchen und \u00fcber die N\u00e4he zu Seeleuten, Soldaten und fahrenden Handwerkern mit der T\u00e4towierung konfrontiert werden und diese \u00fcbernehmen. Das Klischee des t\u00e4towierten Verbrechers hingegen kommt erst in den 1880er Jahren auf, als der italienische Psychologe Cesare Lombroso die Theorie verbreitet, Verbrecher seien ein primitiver R\u00fcckschlag des kulturellen Menschen, der sich schon an der k\u00f6rperlichen Erscheinung festmachen lie\u00dfe. Die T\u00e4towierung sei ein unverkennbares Merkmal des verbrecherischen, primitiven Menschen. Dem B\u00fcrgertum der damaligen Zeit kam diese Theorie sehr recht, um sich von den proletarischen Massen abzugrenzen, und so festigte sich der Irrglaube und wurde zu einem typischen Bestandteil der Klischeekiste &#8222;Tattoo&#8220;, der sich leider bis heute in manchem verbohrten Kopf h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu Lombrosos Theorie und der landl\u00e4ufigen Meinung, nur Verbrecher und Unterschichtler bes\u00e4\u00dfen T\u00e4towierungen steht aber die Tatsache, dass gerade im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine ganze Anzahl von Adligen ein Faible f\u00fcr die Hautkunst offenbarte. Ber\u00fchmtestes Beispiel ist \u2013 neben Kaiserin Sissi \u2013 sicherlich K\u00f6nig George V von England, der sich auf einer jugendlichen Abenteuerreise (bevor er K\u00f6nig wurde) zusammen mit seinem Freund, dem sp\u00e4teren russischen Zaren Nikolas II, in Japan hatte t\u00e4towieren lassen. Beide nutzten die Gelegenheit einer Reise ins Land der aufgehenden Sonne, um dort von der Ausnahmeregel Gebrauch zu machen, die es Ausl\u00e4ndern erlaubte t\u00e4towiert zu werden. F\u00fcr Japaner waren T\u00e4towierungen verboten, denn sie galten seit Jahrhunderten als Zeichen der Kriminalit\u00e4t \u2013 ausgel\u00f6st durch die bis ins 17. Jahrhundert verbreitete Sitte Verbrecher deutlich sichtbar an den Unterarmen zu markieren. Interessanterweise wurden T\u00e4towierungen aber erst Ende des 18. Jahrhunderts verboten, als sich das Tattoo zur Kunstform gemausert hatte und die traditionellen mythischen Bilder immer beliebter wurden. Um dem &#8222;Verfall der \u00f6ffentlichen Moral&#8220; entgegenzuwirken, machte man das Handwerk illegal. Dies wiederum f\u00fchrte dazu, dass kriminelle Banden und andere Unterschichten die T\u00e4towierungen als Abgrenzung zum B\u00fcrgertum anfertigen lie\u00dfen \u2013 ein Kreislauf, der eine der wichtigsten Tattoo-Traditionen hervorbrachte. Bis heute gelten T\u00e4towierungen in Japan daher als anr\u00fcchig. Insbesondere gilt dies f\u00fcr Body Suit-Tattoos, die von der organisierten Kriminalit\u00e4t, den Yakuza als Erkennungszeichen genutzt wurden, und dazu dienten Verdienste an der Organisation zu zelebrieren. Die zwangsl\u00e4ufige Verbindung von Verbrechen und Tattoo wurde zwar mittlerweile in Japan aufgebrochen und das Verbot aufgehoben, doch ist das Stigma nur schwer aus den K\u00f6pfen insbesondere der \u00e4lteren Generation zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><b>Heute: Von Rockern und Jedermann<\/b><\/h3>\n<p>In Deutschland bricht mit der nationalsozialistischen Herrschaft ein dunkles Kapitel der T\u00e4towierung an. Zum einen werden stark t\u00e4towierte Menschen als entartet gebrandmarkt und verfolgt, zum anderen werden die vom Regime in Konzentrationslager gesteckten Gefangenen mit Hilfe von T\u00e4towierungen vollkommen entmenschlicht. Der Brauch, NS-Opfer mit Nummern zur Identifikation zu t\u00e4towieren, gleicht der griechisch-r\u00f6mischen Stigmatisierung von Sklaven und nicht als Menschen angesehenen Volksst\u00e4mmen. Der Vernichtungsapparat entwertet den Menschen und macht ihn zu einer prozessierbaren Nummer.<\/p>\n<p>Nach dem Sieg der Alliierten dauert es deswegen in Deutschland (wie auch in anderen L\u00e4ndern Europas) betr\u00e4chtlich l\u00e4nger bis die in den USA bereits in den 1950er und 60er Jahren beliebte und weit verbreitete T\u00e4towierung zu uns her\u00fcberschwappte. In Europa sucht die Jugend vorsichtiger in Subkulturen nach Identifikationsmustern, findet diese aber schlie\u00dflich in der Motorrad und Rock-Kultur \u2013 einer Subkultur, die mit Vorliebe T\u00e4towierungen tr\u00e4gt und damit eine Abkehr von b\u00fcrgerlichen Idealen symbolisiert. Auf die Rocker folgen in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden die in Bezug auf T\u00e4towierungen \u00e4hnlich motivierten und gegen b\u00fcrgerliche Werte stehenden Hippies, Punks, Skinheads, Goths, Metalheads, Grunger, und Technos und suchen einen Platz im kulturellen Alltag. Sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren ist die T\u00e4towierung deswegen auch hierzulande ein wesentlicher Bestandteil subkulturellen Ausdrucks und Spiegel einer Suche nach Identit\u00e4t &#8211; unabh\u00e4ngig von Klischees und landl\u00e4ufiger Meinung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Beispiele der Tattoo-Geschichte<\/h3>\n<p><b>Das Bilder-Volk\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Weil die Ureinwohner Schottlands sich ihre K\u00f6rper mit T\u00e4towierungen schm\u00fcckten und somit wie &#8222;angemalte Menschen&#8220; aussahen, nannten die ersten r\u00f6mischen Siedler das Volk im Norden Britannias einfach &#8222;Pictii&#8220;, zu deutsch die Pikten. Mit eisernen Nadeln stachen sich die Pikten, unabh\u00e4ngig von Rang oder Geschlecht, aus lokalen Pflanzen gewonnene Farbtinte unter die Haut und verzierten sich so vor allem mit Tierbildern und mythologischen Zeichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Eulen nach Athen<\/b><\/p>\n<p>Den antiken Griechen galten T\u00e4towierungen und Brandmarkierungen als Strafe und Identifikation von Sklaven. Deswegen brandmarkten sie ihre Gefangenen. Aus Rache f\u00fcr die erlittenen Misshandlungen schickten die Samier im Kampf gefangene Athener mit einem ganz speziellen Symbol auf der Stirn nach Hause. Sie zeichneten die Athener mit Eulen, dem Symbol ihrer Schutzg\u00f6ttin Athene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Gott in sich tragen<\/b><\/p>\n<p>Sich \u00fcber das Edikt der Kirche hinwegzusetzen bedurfte f\u00fcr einen gl\u00e4ubigen Christen schon eines guten Grundes. Der Mystiker Heinrich Seuse etwa wollte Gott so nahe sein, dass er dessen Namen &#8222;in das frische Blut meines Herzenssaftes geschrieben&#8220; hatte in dem er ihn sich mit einem Griffel die Buchstaben in die Brust stach. Ob es half ist nicht bekannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Bist du mein Sohn? Zeig mir dein Tattoo!<\/b><\/p>\n<p>Anfang des 18. Jahrhunderts t\u00e4towierten Tiroler Bauern ihren Kindern Erkennungsmerkmale auf den K\u00f6rper bevor sie diese zur Arbeit in die Fremde schickten. Die Armut in den Bergd\u00f6rfern machte es n\u00f6tig, Kinder als Arbeitskr\u00e4fte in die St\u00e4dte zu schicken. Wenn die Kinder Jahre sp\u00e4ter als Erwachsene in die D\u00f6rfer zur\u00fcck kehrten, dann konnten Verwandte sie an den T\u00e4towierungen einwandfrei identifizieren und so etwa die Erbfolge f\u00fcr den Hof der Familie sicherstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Das Tattoo der Kaiserin<\/b><\/p>\n<p>Kaum eine Adlige war unseren \u00f6sterreichischen Nachbarn so heilig wie Elisabeth, Sissi, Kaiserin von \u00d6sterreich. Und kaum eine Kaiserin wird bis heute \u00fcber die Landesgrenzen hinaus so verehrt. Doch die brave Sissi hatte sich noch im Alter von 51 Jahren auf einer Griechenlandreise einen Beweis &#8222;ihrer unausl\u00f6schbaren Liebe zum Meer&#8220; gew\u00fcnscht und sich t\u00e4towieren lassen. Ein Anker verzierte seither die Schulter ihrer Exzellenz \u2013 was den Kaiser so gar nicht am\u00fcsierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In editierter Form erschienen in Perfect Ink #1.2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie lange t\u00e4towieren sich die Menschen eigentlich schon? Aus welchen Gr\u00fcnden werden Hautmarkierungen angebracht und welche Bedeutung haben sie? 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