{"id":411,"date":"2008-03-01T00:00:35","date_gmt":"2008-02-29T23:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=411"},"modified":"2013-06-02T13:00:26","modified_gmt":"2013-06-02T12:00:26","slug":"erretter-der-musikfans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=411","title":{"rendered":"Erretter der Musikfans"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Idyllisch zwischen den sich sanft wellenden H\u00fcgeln Ten-nessees gelegen, ist Franklin ein \u00d6rtchen mit viel musika-lischer Pr\u00e4senz. Zwischen S\u00fcdstaatenkitsch und Cowboyro-mantik singen hier viele Countrymusiker von der heilen Welt der USA. Doch Franklin, Tennessee\u00a0 kann auch anders: jung, rockig, frech \u2013 Paramore.<!--more--> Hayley Williams ist klein, zierlich und unglaublich agil. Wenn man ihr das erste Mal begegnet, dann fallen einem sofort die roten, zerzausten und asymetrisch in Gesicht h\u00e4ngenden Haare auf, das zuckers\u00fc\u00dfe L\u00e4cheln und die leicht ruhelose Art, wie sie mit ihren F\u00fc\u00dfen wippt. Ihre Stimme macht kleine H\u00fcpfer, wenn sie spricht und ihre Augen funkeln ein wenig widerspenstig bei Fragen, die sie als begrenzend oder vorurteilsvoll ansieht. Die gerade mal 19-J\u00e4hrige ist die S\u00e4ngerin der neuen amerikanischen Musiksensation Paramore. Ebenso wie ihre Labelkollegen Panic At The Disco machen Paramore diese neue Art Rockmusik, die alle Schub-laden verweigernd irgendwo zwischen melancholischem Emo, gro\u00dfen Melodien und leichtf\u00fc\u00dfigen Pop oszilliert und sich nicht einfangen lassen will. Und damit sind Paramore nicht nur in ihrer Heimatstadt Franklin ber\u00fchmt geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier lebt man noch jenseits der gro\u00dfen, weiten Welt. Hier gibt es keine hektischen Meetings, keine Model-Parties und auch kein Sex, Drugs und Rock&#8217;n&#8217;Roll. In Franklin legt man noch viel wert auf die traditionellen amerikanischen Werte. Dann hier ist man mit Leib und Seele Amerikaner, Christ und Countrymusik-H\u00f6rer. Diese typisch amerikanische Kleinstadt liegt nur ca. 20 Minuten vom Country-Mekka Nashville entfernt und hat sich vom musikalische Flair des gro\u00dfen Nachbarn anstecken lassen. Wenn man hier, mitten im sogenannten Bibelg\u00fcrtel der USA, jung ist und auf Musik steht, dann sind Leute wie Keith Urban nicht weit. Der wohnt n\u00e4mlich mit Frau Nicole Kidman gleich nebenan. Und sollte man sich tats\u00e4chlich gegen Country entscheiden, so ist doch die christliche Pr\u00e4gung so stark, dass man die Stromgitarren oder die elektronischen Beats nutzt, um dem Glauben zu st\u00e4rken und Satan einen Arschtritt zu verpassen. Hayley kann bei soviel Klischee nur Lachen und meint dazu: \u201eWir kennen die Leute aus der Christian Music Szene zwar, aber das liegt daran, dass wir teilweise zusammen aufgewachsen sind. Bei uns in Franklin gibt es Country und Christian Music, das ist eben so. Nur, unser Ding war das noch nie, und wir wollten auch nie ein Teil davon sein. Diese Form der Musik war nicht unsere Leidenschaft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Hayley \u00fcber ihre Jugend hier in Franklin nachdenkt und an den kleinen bunten H\u00e4uschen der historischen Main Street USA vorbeischlendert, wirkt sie wie etwas verloren. Die Emo-Klamotten, rot-schwarz gestreifter Hoodie, enge Stretchjeans und Chucks an den F\u00fc\u00dfen, wirken hier mitten im S\u00fcden der USA wie ein Aufschrei der Rebellion gegen das christliche Vorzeigeideal einer Carrie Underwood, die aus einer Kleinstadt kommend mit ihrem Country-Pop die sechste Staffel American Idol gewann. Auch wenn die Band \u00e4hnliche Wurzeln hat, wollen sie doch etwas anderes bewirken, wie Hayley deutlich macht: \u201eWir sind nun mal hier aufgewachsen. In einer Kleinstadt, sonntags in der Kirche und immer unter diesem Einfluss. Wir haben unsere Meinungen und unseren Glauben hier gefunden \u2013 wir alle f\u00fcnf in der Band. Wir glauben an Jesus Christus, aber das hat nichts mit irgendeiner Form von Kirche zu tun. Das Christentum hat f\u00fcr viele Menschen gleich so eine negative Ausstrahlung. Von au\u00dfen sieht es so aus, als seien Christen schnell dabei zu richten, aber das wollen wir nicht. Damit stimmen wir nicht \u00fcberein und deshalb wollen wir auch niemanden dazu zwingen, sich das anzuh\u00f6ren. Wir sind zwar gl\u00e4ubig, aber wir wollen nicht auf der B\u00fchne stehen und predigen. Das wirst du von uns nur erfahren, wenn du uns danach fragst. Wir sind eine Rockband und keine Priester. Die Musik ist unsere Botschaft, nicht der Glaube.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sieht ernst und fast schon erwachsen aus, w\u00e4hrend sie \u00fcber ihre Religion spricht und an einer der mehr als 80 Kirchen in Franklin vorbeigeht, einem Ort, der gerade einmal 42.000 Einwohner z\u00e4hlt. \u201eAls Kind hier im bible belt aufzuwachsen bedeutet nicht unbedingt, dass man sich der Religion zuwenden muss. Im Gegenteil viele junge Menschen sind abgeschreckt von der Strenge und der Kontrolle der Kirchen. Deswegen versuchen wir in unseren Texten eine andere Botschaft r\u00fcberzubringen. Selbst in den Songs, in denen es um das Aufgeben oder das Gef\u00fchl der Hilflosigkeit geht, ist immer ein Funken Hoffnung zu finden. Um das auszusagen, bedarf es nicht des Christ seins, das kann man mit Musik viel besser. Unser Glaube mag da vielleicht nur ganz leicht durchschimmern, aber es geht mir um haupts\u00e4chlich um die Hoffnung in der Verzweiflung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Listening Room Cafe, ein paar Blocks weiter die Stra\u00dfe runter, ist noch nicht viel los. Aber hier kann man gem\u00fctlich sitzen und \u00fcber das Leben in einer Kleinstadt reden. Abends spielen lokale K\u00fcnstler in dem kleinen Brownstone-Pub, meistens Songwriter, viele aus der Country-Ecke, und singen \u00fcber eben dieses Leben. Hayley bestellt eine Cola und erz\u00e4hlt dann von dem, was Paramore auszeichnet und aus dem Einheits-Schwarz der Emo-Szene abhebt: \u201eWir sind keine Emo-Band, auch wenn das von au\u00dfen vielleicht so aussieht. Wir m\u00f6gen diese Bezeichnung nicht.\u201c Keine Band mag das Label, aber gerade die textliche N\u00e4he zu Herzschmerz, Verlassenwerden, tiefer Unsicherheit in menschlichen Beziehungen \u2013 all das verweist doch stark auf eine N\u00e4he zum Genre. \u201eOk, ja da ist was dran,das l\u00e4sst sich nicht leugnen,\u201c erkl\u00e4rt Hayley mit dem besagten Funkeln im Blick, \u201e aber das entsteht nat\u00fcrlich aus der Situation heraus, wie ich meine Songs schreibe. Ich bin bestimmt nicht die erste Musikerin, die das sagt, zumindest habe ich das von anderen auch schon gelesen. Es ist einfach leichter, aus einem Zustand emotionaler Aufruhr oder Unsicherheit zu schreiben. Wenn die Welt schrecklich zu dir ist, dann flie\u00dft die Musik nur so aus dir raus. So ist das halt. Und dann entstehen eben diese Art Texte und Songs.\u201c Und dann l\u00e4chelt sie wieder, hat nicht mehr das Gef\u00fchl, sich wehren zu m\u00fcssen. Sie schlendert zur Jukebox, braucht einige Minuten, um durch die CDs zu w\u00fchlen und kommt leicht entt\u00e4uscht wieder. Kein Song dabei, der ihr gef\u00e4llt, zu viel Country. \u201eWir, als Band, sind eher von Indie-Acts beeinflusst worden, so Sachen wie Jimmy Eat World und Death Cab For Cutie. Und nat\u00fcrlich von den gro\u00dfen Popsongs. Daraus entsteht musikalisch das Gemisch, das wir mit Paramore machen. Und es funktioniert. Ich meine, wie toll ist es bitte, wenn man in England auf die B\u00fchne kommt, die Fans einen noch nie zuvor gesehen haben und pl\u00f6tzlich alle deine Songs mitsingen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schl\u00fcrft die Cola aus und die Sightseeing-Tour durch Franklin kann weitergehen. Diesmal pers\u00f6nlicher, denn ein paar Stra\u00dfen weiter ist das Haus ihrer Mutter, aus dem Hayley gerade ausgezogen ist. Die erste goldene Schallplatte hat sie mitgenommen und in ihr eigenes Appartment geh\u00e4ngt. Der Erfolg von Paramore kam in den USA nicht gerade \u00fcber Nacht, denn nach der ersten Platte ging es auf Ochsentour. Im Van, den Hayleys Eltern fuhren, ging es von Staat zu Staat und von einem kleinem Konzertgig zum n\u00e4chsten: \u201eOh Gott, das war vielleicht anstrengend,\u201c plaudert Hayley und rollt dabei mit den Augen, \u201edas ist die wichtigste Zeit in der Entwicklung eines Teenagers. Ich war 15, 16 und hing die ganze Zeit meinen Eltern so dicht auf der Pelle. Wir haben uns fast erdr\u00fcckt. Erst als wir die zweite Platte aufnahmen und dann in Europa auf Tour waren, in Asien und nochmal in den USA, diesmal ohne meine Eltern, habe ich gelernt, wieder normal mit Ihnen umzugehen. Wenn wir heute nach Hause komme, dann l\u00e4uft das anders ab. Unsere kleinen Geschwister sind auf einmal 5 cm gewachsen und habe neue Freundinnen. Unsere Freunde gehen auf das College. Alles ver\u00e4ndert sich so schnell.\u201c Der Erfolg hat sie dann doch \u00fcberrumpelt und ein wenig ausser Atem kommen lassen. Das erste Album <em>All We Know Is Falling<\/em> war ein Kn\u00fcller in den USA und auf <em>Riot!<\/em> verarbeiten Paramore die Erlebnisse und Erfahrungen, die sie damals gemacht haben. Hayley sieht in der Freundschaft unter den Bandmitgliedern die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung des Erfolges: \u201eDie letzten zweieinhalb Jahre auf Tour haben uns total ver\u00e4ndert. Wir sind ganz andere Menschen geworden. Und diese Ver\u00e4nderung merkt man auch dem Album an. Das hat aber nichts mit Ausverkauf oder Einfluss des Labels zu tun. Wir sind halt erwachsener geworden \u2013 sowohl pers\u00f6nlich, als auch professionell. Ich habe zum Beispiel gelernt, mich in den Songs ehrlicher auszudr\u00fccken. Pers\u00f6nlicher zu schreiben und nichts zur\u00fcck zu halten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album ist aber keine Hymne auf den pl\u00f6tzlichen Erfolg. Paramore sind nicht abgehoben, sind keine Shootingstars mit Drogenexzessen und Groupieaff\u00e4ren. Hayley lacht, \u201eZac vielleicht!\u201c, wird dann aber wieder etwas ernster und meint, \u201enein, Spa\u00df beiseite. Wir wissen, wie hart wir f\u00fcr diesen Erfolg arbeiten m\u00fcssen und das in Zukunft nicht immer alles auf dem Silbertablett geliefert werden wird. Es wird n\u00f6tig sein, sich auch durch harte Zeiten zu k\u00e4mpfen, zumindest wenn wir erfolgreich Musiker bleiben wollen. Darum geht es auf dem Album, um den harten Kampf die Freundschaft zu erhalten, den Schmerz zu \u00fcberstehen und sich den Erfolg zu erarbeiten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Hayley sich auf der Veranda ihrer Mutter niederl\u00e4sst, den Hoodie \u00fcber die roten Haare streift und Jacke zukn\u00f6pft, weil der kalte Tennessee-Winter sich auch in Franklin breit macht, f\u00e4llt auf, warum sie sich hier so wohl f\u00fchlt. Franklin ist eine typische Kleinstadt in Tennessee. Die Leute gehen zur Kirche, sie h\u00f6ren Countrymusik und sind konservativ. Sie m\u00f6gen sogar kleinb\u00fcrgerlich sein und sich vor dem Rock&#8217;n&#8217;Roll f\u00fcrchten. Aber hier ist die Welt noch in Ordnung, die globalen Probleme erscheinen Welten entfernt. Familien k\u00fcmmern sich um ihre Kinder, die Nachbarn bringen sich gegenseitig den selbstgemachten Apfelkuchen vorbei und die Stadtv\u00e4ter erhalten die \u00f6ffentliche Ordnung. Gut nur, dass Hayley und ihre vier Mitstreiter dann doch nicht ganz so gut in die heile Welt passen und wenigsten das mit der Countrymusik haben bleiben lassen. Ein bisschen Revolution muss auch im Paradies der Gartenz\u00e4une und idyllischen H\u00fcgel sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich erschienen als Titelstory des Piranha 03\/2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Idyllisch zwischen den sich sanft wellenden H\u00fcgeln Ten-nessees gelegen, ist Franklin ein \u00d6rtchen mit viel musika-lischer Pr\u00e4senz. 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