{"id":455,"date":"2008-04-01T00:00:04","date_gmt":"2008-03-31T23:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=455"},"modified":"2013-06-02T12:59:21","modified_gmt":"2013-06-02T11:59:21","slug":"roadmovie-ohne-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=455","title":{"rendered":"Roadmovie ohne Bilder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Langsam gleitet das Licht hin\u00fcber in eine angenehme Dunkelheit. Der Vorhang f\u00e4hrt in sanfter Bewegung zur Seite und die silbrig-wei\u00dfe Wand wird von einem Lichtstrahl erfasst. Angespannte Stille macht sich im Saal breit und die Vorf\u00fchrung kann beginnen. \u00a0<em>Super Black<\/em> hei\u00dft das Kunstwerk, und Northern Lite beweisen sich als Regisseure ohne Film.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Der Nicht-Film beginnt in schwarz. Eine Stra\u00dfe bei Nacht, in schneller Abfolge fliegen die wei\u00dfen Fahrbahnbegrenzungen an einem vorbei. Die einzige Beleuchtung sind die Kegel der Scheinwerfer, wie die Augen eines Raubtieres auf der Suche nach Beute. In unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden kreuzen sich die Wege einzelner Raubtiere, sonst ist da nichts. Nichts als die Schw\u00e4rze der Stra\u00dfe und die Schw\u00e4rze der Nacht. Irgendwo auf dem Weg von einer Stadt in die n\u00e4chste. Dies ist die Stunde von <em>Super Black<\/em>, dem neuen Album der Erfurter Band Northern Lite. Das Album ist Ausdruck einer Entwicklung im Leben so manches Musikers, doch nur die wenigsten thematisieren diese Zeit. Es ist die Phase nach der ersten Euphorie, nach dem Erfolg, nach dem High der B\u00fchne. Es ist die Ern\u00fcchterung, die sich dann breit macht. Es ist die Bilanzierung, ein Testen des Status Quo nach 10 Jahren im Gesch\u00e4ft. Rationales Hinterfragen einer von Erwartungen und Hoffnungen gepr\u00e4gten Vergangenheit und der klare, einsichtige Blick auf die gegenw\u00e4rtige Situation. Und schlie\u00dflich die Realisation, dass die Musik dem Menschen auch etwas abfordert. \u201eNa ja, da ist so ein Punkt auf Tour, ab da kannst du dir Gesichter nicht mehr merken. Du triffst vielleicht einen Menschen, und der ist auch interessant, und mit dem unterh\u00e4ltst du dich. Aber beim n\u00e4chsten Mal wei\u00dft du einfach nicht mehr, wer das ist. Zwei Wochen sp\u00e4ter, wei\u00dft du gar nicht mehr, in welchem Laden du warst, wenn dich nicht einer darauf hinweist. Das ist irgendwie so ein abgestumpftes Gef\u00fchl. So als ob man nur noch rumgereicht w\u00fcrde. Man kann nur noch reagieren,\u201c erkl\u00e4rt S\u00e4nger Andreas Kuhn das Gef\u00fchl, das sich hinter <em>Super Black<\/em> verbirgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film im Kopf l\u00e4uft weiter. Auf der Stra\u00dfe, die sie nachts entlang fahren ist kein greifbares Merkmal zu erkennen. Der Asphalt ist endlos und die Markierungen sind in ihrer Redundanz nutzlos. Eine klare Orientierung ist nicht m\u00f6glich. Keyboarder Sebastian Bohn erkl\u00e4rt die Ausweglosigkeit, w\u00e4hrend der Tour die Welt kennen zu lernen: \u201eDu wei\u00dft, wie der Flughafen aussieht. Und wie die Taxis in den unterschiedlichen St\u00e4dten aussehen. Du kennst die Hotels. Jedes Zimmer, die Empfangshallen. Du warst \u00fcberall und kennst doch nichts.\u201c Und Kuhn erg\u00e4nzt: \u201eDas ist das typische, was ein Musiker erlebt, der viel auf Tour ist. Du wirst gefragt: \u201aMann, wo warst du denn \u00fcberall?\u2019 und kannst nur antworten: \u201aIch war in Madrid, in Tokio. Ich war \u00fcberall, ich war dort, ich war dort &#8230;\u2019 Auf die Frage, was man denn dort alles gesehen h\u00e4tte gibt es nur die Antwort: \u2019Die Nacht. Ich habe im Taxi gesessen und die Stadt ist an mir vorbei geflogen. Morgens sa\u00df ich wieder im Flieger.\u2019\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Leben im Durchgang, <em>Lost in Translation<\/em>, oder vielmehr <em>Lost in Transition<\/em>. Zwischen den einzelnen Gigs und der Anreise bleibt nicht viel Zeit, sich mit dem Drumherum zu besch\u00e4ftigen und genau dieses Gef\u00fchl transportieren Northern Lite mit \u201eSuper Black\u201c. Das Album ist ruhig, reflektiert, besticht gerade weil es nicht mit Effekten \u00fcberladen ist. Der Tourzirkus spiegelt sich nicht in einer Abfolge von ekstatischen Aftershow-Parties, nicht im <em>Sex, Drugs and Rock\u2019n\u2019Roll<\/em> des Klischees, sondern in der Introspektive. Wenn das Au\u00dfen bedingt durch die st\u00e4ndige Bewegung verschwimmt, dann wird das Innen zum zentralen Anker. Der Mensch ist auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen. \u201eJa, das sind Phasen, in denen man reflektiert. Auf einmal wird der Zusammenhang klar. Du betrachtest das Privatleben ganz anders und auch wenn das jetzt pathetisch klingt, dir wird bewusst, dass du f\u00fcr dein Leben einen Preis bezahlen musst. \u201aSuper Black\u2019 dr\u00fcckt f\u00fcr mich diese Position aus, auf der Innenseite einer alles absorbierenden Seifenblase. Man steckt da drin und nichts dringt an einen heran, alles dreht sich nur um einen selbst, in der Seifenblase.\u201c Aus der Isolation der Seifenblase gelingt es Kuhn und seinen Bandkollegen den Blick auf das Selbst zu werfen und diesen gezielt zu verarbeiten \u2013 erfahren und musikalisch ernst zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entgegen der Wahrnehmung von au\u00dfen, sind Northern Lite n\u00e4mlich keineswegs Newcomer, auch wenn <em>Super Black<\/em> nach <em>Unisex<\/em>\u00a0erst ihr zweites Album beim Major Universal ist. Die Band schaut bereits auf 10 Jahre Erfahrung zur\u00fcck und sieht sich selbst nicht mehr in der Phase des steten Tourens, um eine Fanbase aufzubauen. \u201eMit der Ochsentour der fr\u00fchen Tage hat das nichts mehr zu tun. Wir m\u00fcssen nicht mehr wochenlang im verrosteten Van von Club zu Club tingeln. Dieses Stadium haben wir gl\u00fccklicherweise hinter uns,\u201c sagt Drummer Ringo Fire. Und Kuhn erkl\u00e4rt, wie sich der Touralltag in der aktuellen Bandphase darstellt: \u201eWir touren am Wochenende, nicht an einem St\u00fcck. Wir sind also nicht drei Wochen lang im Nightliner unterwegs. Das zahlt sich auf Dauer nicht aus. Aber unser Weg hat nat\u00fcrlich auch Nachteile. Man ist st\u00e4ndig in zwei unterschiedlichen Tagesrhythmen und braucht im \u00dcbergang viel Zeit, das schlaucht total und gibt jede Menge Augenringe. Und da wir das seit 5 oder 6 Jahren so machen, gibt es auch keine Pause davon. Jedes Wochenende unterwegs, um ein Konzert oder eine Clubshow zu spielen.\u201c\u00a0 Dabei hat sich durch die musikalische Ausrichtung der Band schon so einiges ge\u00e4ndert am Tour-Horizont. Die Band entstand zuerst als reiner Techno-Act und wie es f\u00fcr elektronische Kn\u00f6pfchendreher so \u00fcblich war, spielten Northern Lite damals noch im Hauptprogramm nachts um 3 vor einigen Hundert Clubj\u00fcngern. Diese Zeiten sind vorbei, seit Kuhn zum Mikrofon griff und die elektronischen Beats und Fl\u00e4chen um ein paar Popmelodien erweiterte. Als dann 2001 auch noch die Gitarre Einzug bei Northern Lite fand, war die Wandlung zur Band komplett, was sich auch in den Sets und Auftritten widerspiegelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf <em>Super Black<\/em> vermischen die Jungs gekonnt die unterschiedlichen Einfl\u00fcsse und Nuancen ihrer musikalischen Pr\u00e4gungen. Da sind kr\u00e4ftige, elektronische, und vor allem tanzbare Beats, die von der Vergangenheit als Techno-Act zeugen. Da sind aber auch Gitarren, mal vor Einsamkeit heulend, am Nervenger\u00fcst zerrend, mal druckvoll den Song vorantreibend. Immer aber schleicht sich durch Kuhn\u2019s Gesang eine popul\u00e4re Note ein, gerne mit Anleihen im melancholischen Stil des 80er Wave. Zum Dunkel und der Einsamkeit auf Tour passt diese Note vortrefflich und auch bei ihren Fans ber\u00fchren Northern Lite damit einen Nerv: \u201eWir hatten nie geplant in der dunklen Szene zu landen. Das ist nicht unser Ursprung, aber unsere Musik kommt halt gut an bei den Leuten. Wir haben als Underground-Act mal auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig gespielt und die waren Feuer und Flamme. Und in dieser Szene geht das mit der Kommunikation rasend schnell. Wir haben das Konzert gespielt und schlagartig kannten uns alle und waren begeistert. Unsere Fanbase ist dadurch besonders gut in der Szene ausgepr\u00e4gt.\u201c Die dunkle Note ist jedenfalls unverkennbar. Das schwarze Outfit steht ihnen, und auch inhaltlich liegen die Erfurter in Einklang mit den Erwartungen ihrer Fans. Schlie\u00dflich ist die seelische Nabelschau des Musikers ein beliebtes Thema in der schwarzen Szene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auch wenn <em>Super Black<\/em> eigentlich f\u00fcr Kuhn ein schickes Roadmovie darstellen soll, so gleitet das Album nicht in oberfl\u00e4chliche Darstellung von Action und Klischee, wie wir ja schon festgestellt haben. Kein tarantinoesques Fr\u00fchwerk mit Actioneinlagen und \u00fcbersteigerter Aggression. \u201eWir wollten mit dem Album einen Film bauen. Und es musste definitiv ein Roadmovie werden, mit sch\u00f6nen Frauen und Gewalt. Aber weniger schr\u00e4g als bei Tarantino, daf\u00fcr etwas abgestumpfter und sinnloser,\u201c witzelt Kuhn und trifft aber doch eine Wahrheit. Wie in Jim Jarmusch\u2019 Film <em>Broken Flowers<\/em> zeigt auch <em>Super Black<\/em> seine f\u00fcr die Welt der <em>It<\/em>-Bands doch schon alternden Helden auf der Sinnsuche. Northern Lite hetzen keinem Stil nach, sie m\u00fcssen sich nicht mehr beweisen, daf\u00fcr haben sie ihr eigenes Leben zu gut erkannt. Keine Illusionen vom Dasein als Rockstar. Daf\u00fcr die Erkenntnis, dass jede Art des Musikerlebens seinen Preis hat. Und so wundert es nicht, dass auf Super Black die pers\u00f6nlichsten Songs ihrer Karriere zu finden sind. Wie etwa der Opener \u201eI\u2019m A Liar\u201c der schon an sich in poetischer Wahrheit eine ganz private Sicht bietet. Der Song ist nicht etwa ein medialer Disclaimer, der dem Album vorangestellt wird, sondern in seiner Offenheit das Eingest\u00e4ndnis einer pers\u00f6nlichen Erfahrung: \u201eDer Song ist so ehrlich, dass es schon ein bisschen weh tut. Ich bin mal von einer Ex-Freundin L\u00fcgner genannt worden, und da war ich sehr sauer. Das fand ich schlimmer als Arschloch. Das ging mir sehr nahe und dann habe ich den Song geschrieben \u2013 ok, dann bin ich halt ein L\u00fcgner.\u201c Selbsterkenntnis, die zur Offenbarung wird. Die alles absorbierende Seifenblase als Spiegel der eigenen Fehlbarkeit. Wer nur noch sich selber sieht, der muss auch seine eigenen Fehler erkennen. Northern Lite offenbaren nicht das Jetset-Leben, sondern die L\u00fccken, die fehlenden Ankn\u00fcpfungen, die ein solches Leben mit sich bringt. \u201eDu denkst auf einmal anders \u00fcber das Leben nach. Das da ein Preis f\u00fcr das Leben als Musiker ist, ist uns allen klar. Und wir sind bereit ihn zu zahlen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zum Gl\u00fcck sind wir nicht im Film, brauchen uns nicht dar\u00fcber streiten ob Jarmusch seinem Helden ein befriedigenderes Ende h\u00e4tte geben sollen. Denn \u201eSuper Black\u201c ist ein Album, das zweite Majoralbum einer Band, die noch viel vor hat. Und somit stellt der Film, der sich vor unseren Augen abspielt, wenn wir das Album h\u00f6ren, nicht die letzte Fassung dar. Er kann sich ver\u00e4ndern, immer wieder. Neue Bilder k\u00f6nnen der Musik hinzugef\u00fcgt werden und die Band kann mit jedem neuen Gig, mit jeder neuen Erfahrung, eine neue Ebene zu ihrere eigenen Geschichte addieren. Eine Geschichte, die nach eigenen Aussage gerade erst Aufwind bekommen hat. \u00dcberlassen wir also Kuhn das letzte Wort: \u201eIch bin Musiker, was anderes kann ich eh nicht machen. Ich meine, uns gibt es jetzt 10 Jahre. Und wir haben das auch schon gemacht, obwohl wir nicht dick bekannt waren oder viel Geld damit verdient h\u00e4tten. Wenn das dann jetzt dazukommt, dann ist das nat\u00fcrlich supergeil. Das gibt uns wahrscheinlich wieder Schub f\u00fcr noch 10 Jahre.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urspr\u00fcnglich erschienen als Titelstory im Piranha 04\/2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langsam gleitet das Licht hin\u00fcber in eine angenehme Dunkelheit. 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