{"id":5379,"date":"2017-09-01T00:00:01","date_gmt":"2017-08-31T23:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5379"},"modified":"2018-08-04T17:59:41","modified_gmt":"2018-08-04T16:59:41","slug":"hollywood-macht-schlank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5379","title":{"rendered":"Hollywood macht schlank"},"content":{"rendered":"<p>Man kann es nicht oft genug sagen: Repr\u00e4sentation ist wichtig. Das gilt f\u00fcr Frauen im Fernsehen, wie auch f\u00fcr Persons of Color in fantastischen Blockbusterfilmen. Es gilt f\u00fcr uns alle, f\u00fcr diese bunte, vielschichtige Bev\u00f6lkerung, die eben nicht gleichf\u00f6rmig einem willk\u00fcrlich festgesetztem Ideal entsprechend aussieht. Vielmehr gibt es uns Menschen in Milliarden verschiedener Auspr\u00e4gungen \u2013 aber das scheint ein Fakt zu sein, den Hollywood und Co. gerne vergessen.<\/p>\n<h3>Nerd-Sein als Freiraum<\/h3>\n<p>Spannend ist dabei, dass vor allem in der Fantastik, bzw. insgesamt im Nerdtum die Au\u00dfenseiter einen vermeintlich sicheren Hafen finden. Das ist schlie\u00dflich eines der gro\u00dfen Argumente, dass der Fantastik entgegengebracht wird: Eskapismus. Wenn ich in der realen Welt nicht klarkomme, so die Argumentation, dann fl\u00fcchte ich mich halt in die der Elfen, Aliens oder Superhelden. \u00dcbergewicht, Brille, Zahnspange, Pickel, wilde Haare, billige Klamotten \u2013 wie sehr auch immer dein \u00c4u\u00dferes Anderen Anlass dazu gibt, sich \u00fcber dich lustig zu machen und dich auszugrenzen, so sehr kannst du dich darauf verlassen, dass die Helden von Computerspielen und Fantasy-Romanen f\u00fcr dich da sind. Nicht umsonst k\u00e4mpfen Superhelden in Comics \u00f6fters mal mit Selbstzweifeln und ihrer nicht so coolen Secret Identity. In der Fantastik kann ein Nerd, ein Geek, ein Freak, ein Au\u00dfenseiter trotzdem zum Helden werden.<\/p>\n<h3>Aus Dick wird Schick<\/h3>\n<p>Und dann kommt der Film. Pl\u00f6tzlich werden aus den so liebenswert fehlerhaften, verqueren, sozial unangepassten, sch\u00fcchternen oder dicken Helden der Fantastik die glamour\u00f6sen, nimm-doch-mal-die-Brille-ab Sch\u00f6nen der Hochglanz-Factory. Da n\u00fctzt es auch nichts, dass die Vorlage explizit die Imperfektionen der Teenager-Helden darstellt \u2013 wenn die Kameras laufen, dann muss selbst ein fetter Nerd mit Cheeto-Fingern zum Unterw\u00e4schemodel werden. Man nehme Ernest Clines Roman <em>Ready Player One<\/em>, in dem der Autor das Leben des Unterschicht-Teenagers Wade Watts beschreibt: Wade lebt in einem Wohnwagenpark, schl\u00e4ft im W\u00e4scheraum, muss seine Essensmarken an seine Tante abgeben, ern\u00e4hrt sich entsprechend ausschlie\u00dflich von billigem Fast Food, tr\u00e4gt schlabberige und kaputte Klamotten und verbringt seine gesamte Zeit in der virtuellen Realit\u00e4t, bewegt sich also fast nie. Ist es da ein Wunder, dass Cline ihn als \u00fcbergewichtig, schwitzend und pickelig beschreibt und erkl\u00e4rt, dass er in der Realwelt-Schule t\u00e4glich einer Tortur durch seine Mitsch\u00fcler ausgesetzt war?<\/p>\n<p>Wieso nur meint Steven Spielberg dann, den unsicheren 15-j\u00e4hrigen Nerd Wade ausgerechnet mit dem 20-j\u00e4hrigen Herzensbrecher Tye Sheridan zu besetzen, der trotz kindlichem Aussehen \u00fcber einen wohldefiniert muskul\u00f6sen K\u00f6rperbau verf\u00fcgt? Da ist in Hinsicht auf Repr\u00e4sentation die Entt\u00e4uschung vieler Gamer und Fantastik-Fans vorprogrammiert. Und doch scheint es v\u00f6llig in Ordnung zu sein, diese Art der Umdeutung vorzunehmen. Und das auch nicht erst seit neuestem. Schon im 1979 erschienenen Roman <em>Die unendliche Geschichte\u00a0<\/em>von Michael Ende war der Protagonist Bastian Bux ein sch\u00fcchterner, dicklicher und von allen geh\u00e4nselter Junge, der im Reich Phant\u00e1sien ein Held wird. In der Verfilmung von 1984 jedoch hat Wolfgang Petersen den durchaus \u201aniedlichen\u2019 und schlanken Kinderstar Barret Oliver gecastet.<\/p>\n<h3>Sportlich-schlanke M\u00e4dchen<\/h3>\n<p>Bei Protagonistinnen ist das Problem \u00e4hnlich gelagert: Stephenie Meyer beschreibt Bella Swan in <em>Twilight\u00a0<\/em>als blasses, d\u00fcnnes und unscheinbares Wesen, v\u00f6llig unsportlich, irgendwie weich und unkoordiniert. Veronika Roth wiederum l\u00e4sst in <em>Die Bestimmung<\/em>ihre Beatrice \u201aTris\u2019 Prior von sich selbst sagen, sie sehe noch sehr nach einem kleinem M\u00e4dchen aus, obwohl sie 16 Jahre alt sei. Und in der Geschichte achten Altruan-Mitglieder nicht auf ihr \u00c4u\u00dferes, sie treiben keinen Sport \u2013 Tris ist also ganz bestimmt nicht fit und muskul\u00f6s. Cassie aus Rick Yanceys <em>Die f\u00fcnfte Welle\u00a0<\/em>nerven ihre Sommersprossen und lockigen Haare, wobei sie sich selbst als \u201eok\u201c beschreibt, im Sport, in der Schule und im Aussehen. Und letztlich Katniss Everdeen aus Suzanne Collins <em>Die Tribute von Panem<\/em>: olivfarbenen Haut, schwarze Haare und jede Menge K\u00f6rperbehaarung (die von Cinnas Team in drei Stunden Arbeit entfernt werden muss), dazu eine eher d\u00fcnne, drahtige Physis.<\/p>\n<p>Schaut man sich nun die ausgew\u00e4hlten Schauspielerinnen f\u00fcr die Rollen an \u2013 Jennifer Lawrence als Katniss, Chloe Grace Moretz als Cassie, Shailene Woodley als Tris, und Kristen Steward als Bella \u2013 so f\u00e4llt auf, dass alle Casting-Entscheidungen massiv das \u00c4u\u00dfere ver\u00e4ndern. Sportlich, attraktiv, erwachsen. Wenn aber aus unsicheren und eher durchschnittlichen Teenagern junge attraktive Frauen werden, die mehrere Jahre \u00e4lter sind als ihre Charaktere, dann ver\u00e4ndert das die Erwartungshaltung an K\u00f6rperbilder im jugendlichen Publikum. Wenn aus der eher dunkelh\u00e4utigen, rauen, z\u00e4hen, etwas burschikosen Katniss eine filigrane, hellh\u00e4utige und charmante Jennifer Lawrence wird oder die unsportlich weiche Bella zur schlank-muskul\u00f6sen Kristen Steward, dann ver\u00e4ndert das auch die Identifikation mit diesen Figuren. Das Casting macht es ausgegrenzten und unsicheren Fans schwerer sich selbst in der Figur wiederzufinden.<\/p>\n<h3>Non-normative K\u00f6rper brauchen Repr\u00e4sentation<\/h3>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Problem mit diesen Darstellungen ist das Zielpublikum, denn alle oben genannten B\u00fccher\/Filme sind an ein jugendliches Publikum gerichtet, dass durch die Casting-Entscheidungen darauf eingeschworen wird, dass ein bestimmtes \u00c4u\u00dferes mit dem \u201eHeld sein\u201c \u00fcbereingeht. Dass dem aber nicht so sein muss, beweisen fantastische Sendungen, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. So ist Gabourey Sidibe in <em>American Horror Story: Coven\u00a0<\/em>als Queenie eine wundervoll \u00fcberzeugende und einzigartige Nachwuchshexe, dunkelh\u00e4utig, \u00fcbergewichtig und so machtvoll, dass sie die Herrschaft im Coven an sich zu rei\u00dfen droht. Ebenso dramatisch zeigt <em>Game of Thrones<\/em>, dass K\u00f6rperbilder unterschiedlich sein und wichtige Figuren in allen m\u00f6glichen Formen kommen k\u00f6nnen. So bleibt die TV-Serie der Beschreibung des sch\u00fcchternen und \u00fcbergewichtigen B\u00fccherwurms Samwell Tarly mit der Besetzung John Bradley-Wests treu und zeigt einen Charakter, der viel St\u00e4rke und G\u00fcte in sich findet und zu einem wichtigen Spieler im Reigen um den Thron wird. Auf der weiblichen Seite wiederum steht Gwendoline Christie als muskul\u00f6se Zwei-Meter-Frau Brienne von Tarth im Mittelpunkt so mancher Folge und kann ein ungew\u00f6hnlich starkes und imposantes Bild zur Rolle von Frauen in der Fantastik beitragen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn wir Jugendlichen und Kindern eine solche Vielfalt der Menschen, egal ob im K\u00f6rperbild, in der Identit\u00e4t oder im Charakter ganz selbstverst\u00e4ndlich pr\u00e4sentieren w\u00fcrden. Erwachsene Sendungen machen es zumindest in kleinen Schritten ja vor. Aber wie das aktuelle Beispiel von <em>Ready Player One\u00a0<\/em>wieder einmal zeigt, sind wir dank Celebrity-Maschinerie und tollen Hochglanzpostern eben immer noch Meilenweit davon entfernt sind. Schade eigentlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/und-der-ganze-rest\/2017\/07\/hollywood-macht-schlank-oder-warum-mir-tye-sheridan-jennifer-lawrence-oder-kristen-stewart-auf-den-nerv-gehen\/\">TOR-ONLINE<\/a> am 25.07.17<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann es nicht oft genug sagen: Repr\u00e4sentation ist wichtig. 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