{"id":5392,"date":"2017-04-25T00:00:54","date_gmt":"2017-04-24T23:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5392"},"modified":"2018-08-04T18:29:39","modified_gmt":"2018-08-04T17:29:39","slug":"can-we-talk-ein-plaedoyer-fuer-mehr-diversitaet-in-der-fantastik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5392","title":{"rendered":"Can we talk? Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Diversit\u00e4t in der Fantastik"},"content":{"rendered":"<p>Das Statement vorweg: Ich glaube, die Fantastik ist der ideale Bereich, um sich mit politisch- und sozial-relevanten Themen auseinanderzusetzen und somit bietet die Fantastik die M\u00f6glichkeit eine deutliche Position zu Fragen der Repr\u00e4sentation, der Diversit\u00e4t und der Gleichberechtigung zu beziehen. <em>Political Correctness\u00a0<\/em>und <em>Social Justice Warrior\u00a0<\/em>sollten keine bedeutungsschweren Phrasen sein, mit denen wir um uns werfen (oder die wir gar auf einander richten), sondern Ans\u00e4tze f\u00fcr einen anderen Umgang miteinander, die es offen und ehrlich zu verhandeln gilt. Wo, wenn nicht in der Fantastik, k\u00f6nnen wir die Gedanken frei bewegen und alternative Denkweisen ausprobieren?<\/p>\n<p>Zum Hintergrund dieser Behauptung: \u201e<a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/und-der-ganze-rest\/2017\/04\/wie-viel-political-correctness-benoetigt-die-fantastik\/\">Wie viel Political Correctness ben\u00f6tigt die Fantastik?<\/a>\u201c, fragt mein Kollege Stefan Servos in seiner aktuellen Kolumne, die zugleich als Werbung und Aufh\u00e4nger f\u00fcr den anstehenden Live-Videotalk #geeksmeet4 fungieren soll. Dass der Artikel einen rei\u00dferischen Click-Bait-Titel bekommen hat, hilft der Diskussion vielleicht nicht unbedingt dabei, sachlich und ruhig gef\u00fchrt zu werden, wie auch die Kommentare auf Facebook schon anzeigen m\u00f6gen. Das grundlegende Problem wird aber deutlich, n\u00e4mlich dass es auch in der deutschen Fantastik-Landschaft als eine Einschr\u00e4nkung der kreativen Freiheiten oder als politische Bevormundung gilt, Fragen nach Diversit\u00e4t und Repr\u00e4sentation zu stellen. Ich verstehe Stefan Servos in seiner Kolumne ausdr\u00fccklich nicht als Vertreter einer konservativen Haltung, die ruckartig auf alle Formen sexueller oder ethnischer Vielfalt mit Ablehnung und Widerstand reagiert und doch finde ich die Sto\u00dfrichtung seines Textes problematisch.<\/p>\n<h3>Mir hat es doch auch nicht geschadet<\/h3>\n<p>Da wird in der Diskussion (sowohl im Text als auch in den Kommentaren dazu) eine historische oder literarische Authentizit\u00e4t vorgebracht, die es zu bewahren gilt, weil sonst die Integrit\u00e4t des Kunstwerkes leidet. Die Argumentation wird dabei mal konservativ (im Wortsinn \u201eerhaltend\u201c), mal pers\u00f6nlich emotional vorgebracht. Die <em>Conan<\/em>-Welt von Robert E. Howard war schon immer sexistisch, das ist Teil des Settings einer Urwelt, in der Frauen nun mal Objekte sind \u2013 so schlimm ist das nicht, ist ja historisch nun mal so gewesen. Und ich habe als Kind \u00fcber Pippi Langstrumpfs Vater gelesen, der rassistisch als N***rk\u00f6nig bezeichnet wurde \u2013 aus mir ist aber kein Rassist erwachsen. Da muss man durch, das Wort steht da nun mal. Und wehe, wenn ein aktives Franchise versucht neue Varianten einer Welt oder Geschichte zu finden, wenn die Fantastic Four auf einmal einen Afro-Amerikaner im Team haben, oder die Armeen von Gondor gleichberechtigt M\u00e4nner und Frauen f\u00fchren, wo doch vor 50, 60 oder 70 Jahren ein Autor (ja, m\u00e4nnlich) das nie so geschrieben hat.<\/p>\n<p>Warum wird die Thematik als so bedrohlich empfunden, dass es zu einer so emotionalen Verteidigungsreaktion kommt? Was geht denn der Geschichte von Pippi Langstrumpf (um das Selbstbewusstsein und die Entscheidungsprozesse einer jungen Frau) verloren, wenn ihr Vater der S\u00fcdseek\u00f6nig ist? Ich glaube nicht, dass die Botschaft des Kinderbuchs darunter leidet, dass Pippis Vater sich nicht kolonial-hegemonial als wei\u00dfer Gott \u00fcber die schwarzen Horden aufschwingt, sondern nur (immer noch kolonial-hegemonial) als Europ\u00e4er \u00fcber die S\u00fcdsee-Bev\u00f6lkerung. Wer hier den Verlust von Authentizit\u00e4t eines literarischen Werkes beklagt, hat vielleicht die Botschaft desselben nicht richtig bewertet. Dabei will ich keineswegs sagen, dass jede Form von Ver\u00e4nderung oder Anpassung immer sinnvoll erscheint \u2013 aus der Kritik zur Sklavenhaltung von Mark Twain Jim herauszuschreiben oder seinen Status als Sklaven und die damit einhergehenden Bezeichnungen w\u00e4re fatal, weil es in dem Werk um genau diese Thematik geht. Nur, dass kaum jemand <em>Tom Sawyer\u00a0<\/em>oder <em>Huck Finn\u00a0<\/em>lesen wird, ohne sich mit der historischen Dimension zu besch\u00e4ftigen, weil Sklaverei und die Angst vor Gewalt und Bestrafung so zentral in die B\u00fccher eingearbeitet sind.<\/p>\n<h3>Das war aber schon immer so<\/h3>\n<p>Wenn dann sogar ein Begriff wie \u201eGeschichtsrevisionismus\u201c f\u00e4llt, um die kreative Entscheidung des Design-Teams f\u00fcr <em>Mittelerde: Schatten des Krieges\u00a0<\/em>zu kritisieren, nun auch Frauen in die Repr\u00e4sentation der k\u00e4mpfenden Armeen aufzunehmen, nur weil Tolkien eine historisch andere Wahrnehmung im ersten Weltkrieg hatte, ist das aber schon arg polemisch. Tolkiens Welt als ein historisches Faktum auszulegen (Gondors Armee hat keine Frauen!) ist problematisch, denn zum einen ist hier eine fiktive Armee die Basis der Aussage. Zum anderen aber bezieht Tolkien sich im kreativen Ausdruck auf seine lebensweltliche Erfahrung, in der 1917 nun mal keine Frauen in den Gr\u00e4ben zu finden waren. 2017 jedoch hat sich diese Situation radikal ge\u00e4ndert und Frauen sind ganz normaler Teil der meisten Armeen. Wer sagt denn, dass Tolkien heute nicht auch Frauen in Gondors Armee akzeptieren w\u00fcrde? Diese Anpassung an eine ver\u00e4nderte Realit\u00e4t sollte eine fiktive Welt aushalten k\u00f6nnen, denn <em>M:SdK\u00a0<\/em>ist ein eigenst\u00e4ndiges Kunstwerk, das eine Aussage \u00fcber die Welt 2017 trifft. Peter Jacksons <em>Der Hobbit\u00a0<\/em>hat ja auch die Zwerge (und die Geschichte insgesamt) ganz anders repr\u00e4sentiert, als dies in Tolkiens Kinderbuch der Fall war \u2013 was beim Publikum unter anderem dazu gef\u00fchrt hat, dass der Film als zu gewaltt\u00e4tig f\u00fcr Kinder gesehen wurde und dass Zuschauer Parallelen zu Vertreibung und Flucht erkannt haben (ob durch Jackson tats\u00e4chlich motiviert oder nicht ist dabei egal).<\/p>\n<p>Jedes fiktionale Werk wird von einer Gemeinschaft \u201egenutzt\u201c und interpretiert \u2013 dabei gibt es keine Deutungshoheit des Werkes selbst (oder dessen ErschafferIn). Vielmehr wird die Bedeutung durch die Praxisgemeinschaft (also durch uns, die LeserInnen etc.) bestimmt. Eine ganz wundervoll produktive Umdeutung bzw. Aneignung des fiktionalen Werks finden sich etwa im Reboot von <em>Battlestar Galactica<\/em>, das den Hauptcharakter Starbuck durch <em>Gender Bending\u00a0<\/em>von Mann zu Frau umgedeutet und somit eine starke feministische Rolle entwickelt hat, die im Original schmerzlich fehlt, die aber im Reboot bis heute junge Frauen inspiriert: Starbuck liefert das Vorbild einer K\u00e4mpferin, einer Pilotin, einer Actionheldin. Die Figur ist kein Zeichen von Geschichtsrevisionismus sondern eine Anpassung an die ver\u00e4nderte Lebenswelt von 1978 zu 2003. Eine ver\u00e4nderte Lebenswelt, die Frauen als gleichberechtigt ansieht und deswegen auch sehr erfolgreiche weibliche (Haupt-)Rollen, etwa im <em>Star Wars<\/em>-Franchise oder bei <em>Mad Max\u00a0<\/em>generiert hat, trotz der Bedenken durch Produzenten (ob des Erfolgs von \u201efemale leads\u201c) oder der Proteste und Boykottaufrufe von M\u00e4nnerrechtsgruppen.<\/p>\n<h3>Gute Intention, schlecht umgesetzt<\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich gelingt es nicht jedem Werk, nicht jeder AutorIn gleicherma\u00dfen gut, sich mit Fragen von Diversit\u00e4t in der Repr\u00e4sentation zu besch\u00e4ftigen \u2013 unbestritten sind Werke nicht automatisch toll, nur weil ein schwuler Freund oder eine Transfrau als Charaktere die Vielfalt des menschlichen Zusammenseins propagieren. Und doch, denke ich, darf und soll die Fantastik im Grundsatz danach streben, solche Repr\u00e4sentationen zu bef\u00f6rdern. Es liegt im Potential der Fantastik, sich mit \u201efremden Welten\u201c und dem (vermeintlich) \u201eAnderen\u201c auseinander zu setzen. Warum also nicht gerade hier den Versuch wagen und hinterfragen, wieso wir bestimmte Normen setzen, ohne sie zu hinterfragen? Krieger sind m\u00e4nnlich, Helden sind wei\u00df, Paare sind Mann und Frau. Sagt wer? Wieso?<\/p>\n<p>In ihrem erleuchtenden Text <a href=\"http:\/\/pages.stolaf.edu\/cis-agomoll\/files\/2012\/10\/Defining-Racism-Can-We-Talk-Tatum.pdf\">\u201eDefining Racism: Can we talk?\u201c<\/a> beschreibt Beverly Daniel Tatum die Wirkung eines systemischen Rassismus, eines allt\u00e4glichen Klimas, das nicht etwa durch aggressiv rassistisches Verhalten Einzelner entsteht, sondern durch das Ignorieren einer generellen Ausrichtung von Kultur und Diskurs. Stereotype, Klischees und Normsetzung, die Verwendung einer gef\u00e4rbten Sprache oder bestimmter kultureller Praktiken, und das Relativieren und Normalisieren von problematischen Verhaltensweisen f\u00fchren dazu, dass wir alle einem systematisch unterdr\u00fcckenden Grundton ausgesetzt sind \u2013 in Hinsicht auf unterschiedliche Formen von Identit\u00e4t, sei es Gender, sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft, Religion, Klasse etc. Tatum nutzt ein sehr wirksames Bild, um die verschiedenen Formen von Beteiligung an diesem System zu verdeutlichen. Systemische Unterdr\u00fcckung ist f\u00fcr sie wie ein F\u00f6rderband am Flughafen, das langsam und stetig in eine Richtung f\u00e4hrt. Rassisten laufen schnell mit dem Band und nutzten das System zu ihrem Vorteil. Aber auch diejenigen, die sich keinen Gedanken darum machen, wie das System funktioniert, auf welche Art es wirksam ist und aus welchem Grund, werden langsam mit dem Band in diese Richtung getragen. Passiv und ohne eigenes Zutun, aber dennoch unaufhaltsam. Nur diejenigen, die sich umdrehen und gegen das Band anlaufen, werden es irgendwann schaffen, sich dem System zu entziehen.<\/p>\n<p>Werke wie die <em>Imperial Radch<\/em>-Trilogie von Ann Leckie, Ursula Le Guins Klassiker <em>Freie Geister, <\/em>oder Nnedi Okorafors <em>Lagune\u00a0<\/em>und <em>Wer f\u00fcrchtet den Tod\u00a0<\/em>sind brillante Beispiele daf\u00fcr, dass die Fantastik in der Lage ist, dieses systemische F\u00f6rderband stillzulegen, oder zumindest den Menschen darauf eine andere Laufrichtung vorzuschlagen. Nicht alle fiktionalen Werke schaffen dies gleich gut, und doch ist ein wenig graziler Versuch sich umzudrehen immer noch besser, als einfach stehenzubleiben und auf Geschichte, Tradition oder Konservatismus zu beharren. Aktiv gegen die systemische Normsetzung anzugehen und die Diversit\u00e4t der menschlichen Existenz zu f\u00f6rdern (vielleicht sogar wertiges Leben als noch weiter als nur die Kategorie \u201eMensch\u201c zu begreifen), dieser Aufgabe darf sich die Fantastik gerne stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Disclaimer:<\/strong> Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ich als wei\u00dfer, mitteleurop\u00e4ischer, heterosexueller Cis-Mann in der privilegierten Position stehe hier meine Meinung ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen, ohne mich oben genannter systemischer Diskriminierung ausgesetzt zu sehen. Ich m\u00f6chte mit diesem Beitrag f\u00fcr niemanden anderes sprechen als f\u00fcr mich selbst, aber ich glaube daran, dass wir eine bessere Gesellschaft haben, wenn alle Stimmen, so divers sie in ihrer Subjektivit\u00e4t auch sein m\u00f6gen, eine Repr\u00e4sentation finden.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/und-der-ganze-rest\/2017\/04\/can-we-talk-ein-plaedoyer-fuer-mehr-diversitaet-in-der-fantastik\/%0A\/\">TOR ONLINE<\/a> am 20.04.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Statement vorweg: Ich glaube, die Fantastik ist der ideale Bereich, um sich mit politisch- und sozial-relevanten Themen auseinanderzusetzen und<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5393,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[1157,1156,77,1158,1146,1145,1153],"class_list":["post-5392","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-diskurs","tag-diversity","tag-fantastik","tag-gender","tag-repraesentation","tag-tor","tag-twitter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5392","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5392"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5392\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5394,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5392\/revisions\/5394"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}