{"id":5395,"date":"2017-07-15T00:00:46","date_gmt":"2017-07-14T23:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5395"},"modified":"2018-08-04T18:35:44","modified_gmt":"2018-08-04T17:35:44","slug":"von-spotttoelpeln-und-rebellen-gewalt-als-politisches-mittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5395","title":{"rendered":"Von Spottt\u00f6lpeln und Rebellen: Gewalt als politisches Mittel"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts der aktuellen Ereignisse in Hamburg finden sich in den Medien, nicht zuletzt in den Sozialen Netzwerken, jede Menge Kommentare und Forderungen, die auf verschiedenste Arten versuchen, den verbreiteten Bildern eine Bedeutung abzuringen. Abseits aller politischen Forderungen und rechtlichen Aufarbeitung scheinen sich alle offiziellen Seiten dabei einer Sache gewiss: Gewalt ist kein probates Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Wer Gewalt aus\u00fcbt, der ist der massenmedialen Ablehnung sicher, wird mittels BILD und Facebook an den Pranger gestellt und aus der friedfertigen Gemeinschaft ausgeschlossen.<\/p>\n<p>In die Debatte um die richtige Handhabe einer so extremen Situation wie am G20 Wochenende m\u00f6chte ich mich nicht einreihen, aber bei der konsequenten und breiten Ablehnung von Gewalt als politischem Protestmittel scheint mir doch wichtig, hier eine Beobachtung zu unserem Medienkonsum festzuhalten. Denn es gibt einen wichtigen Bereich unseres Lebens, in dem wir Gewalt nicht nur akzeptieren sondern quasi propagieren: in der Fiktion. In Darstellungen von Konflikten wird die (vor allem amerikanische) Popul\u00e4rkultur nicht m\u00fcde, das Potential der Gewalt als L\u00f6sung zu betonen. Egal, ob individualistische Gewalt oder milit\u00e4rische \u2013 Hollywood zeigt uns, dass sich Probleme mit Faustrecht aus der Welt schaffen lassen. Doch gerade in der zugespitzten Darstellung der Fantastik ist die Gewalt als Mittel politischer Konflikte ein weit verbreitetes und beliebtes Mittel des rechtschaffenen Aufstands gegen herrschende Systeme.<\/p>\n<h3>Anstiftung zur Revolution<\/h3>\n<p>Wenn Katniss Everdeen in der <em>Hunger Games<\/em>-Reihe (dt. <em>Die Tribute von Panem<\/em>) sich gegen das Regime des Kapitols auflehnt und zur Symbolfigur wird, entz\u00fcnden sich in den Distrikten gewaltt\u00e4tige Aufst\u00e4nde. Das Kapitol ist f\u00fcr uns das Sinnbild einer sinnleeren Konsumgesellschaft, voller sozialer Ungerechtigkeit, kapitalistischer Ausbeutung, und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger Machtaus\u00fcbung \u2013 ein Widerstand, wie von Katniss anfangs gewaltlos durch Gesten inszeniert, scheint also moralisch richtig. In den Stra\u00dfenschlachten, die auf diesen Akt des Widerstands folgen, und die in der Verfilmung der Buchreihe visuell eindr\u00fccklich umgesetzt sind, greifen die Menschen jedoch mit Gewalt die Friedensw\u00e4chter-Truppen an, Steine fliegen, Barrikaden werden errichtet. Angriffe auf Polizei und Staat werden von der Serie also als vollkommen gerechtfertigt angesehen, weil die Perspektive der Handlung auf den unterdr\u00fcckten Au\u00dfendistrikten liegt. Die Realit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung des Kapitols oder der wohlhabenden Distrikte 1 und 2, bzw. die Situation der Polizisten oder der unbeteiligten Anwohner bei gewaltt\u00e4tigen Konflikten wird ausgeblendet.<\/p>\n<p>In der weit, weit entfernten Galaxis von <em>Star Wars\u00a0<\/em>gilt diese Logik ebenso. Denn auch hier gibt es ein herrschendes Regime, das in der Darstellung der Filme und B\u00fccher eindeutig als \u201eb\u00f6se\u201c gekennzeichnet ist. Die Rebellen, die hier Widerstand leisten, sind die \u201eGuten\u201c und ihre Angriffe sind gerechtfertigte politische Mittel. Niemand nimmt die Perspektive des Imperiums ein, niemand fragt nach den unbeteiligten Zivilisten, die einfach \u00fcberleben wollen und unpolitisch sind. (Niemand, au\u00dfer nat\u00fcrlich Regisseur Kevin Smith in einem brillanten Dialog \u00fcber die Handwerker auf dem Todesstern in seinem Film <em>Clerks \u2013 Die Ladenh\u00fcter<\/em>.) Dabei zeigt die Filmreihe ja auch, wie das Imperium mit den Mitteln der Demokratie aus dem Galaktischen Rat hervorgeht, also im politischen Sinne sehr wohl eine legitime Regierung darstellt. Die Klone der Strumtruppen sind zuerst nichts anderes als Ordnungsinstrumente der Galaktischen Republik, bevor sie sp\u00e4ter zu imperialen Unterdr\u00fcckern werden. Die Einordnung von Gewalt als Freiheitskampf oder Terrorismus ist eben immer abh\u00e4ngig von der bewertenden Perspektive, von politischer Macht und historischem Definitionsmonopol.<\/p>\n<p>Und diese Beispiele sind bei weitem nicht die Ausnahme in der Fantastik. Im Gegenteil: die Haltung, dass Gewalt ein ad\u00e4quates Mittel der politischen, wie auch individuellen Konfliktl\u00f6sung sei, wird von unserer Popul\u00e4rkultur normalisiert. In <em>Avatar \u2013 Aufbruch nach Pandora\u00a0<\/em>kann nur ein gewaltt\u00e4tiger Konflikt die RDA daran hindern, die indigenen Na\u2019vi und ihre Naturgottheit vollst\u00e4ndig zu zerst\u00f6ren. In der Reihe <em>Die Auserw\u00e4hlten\u00a0<\/em>m\u00fcssen sich die Jugendlichen mit Gewalt gegen die Experimente der regierenden Organisation \u201eANGST\u201c wehren, die \u201ezum Wohle der Menschheit\u201c durchgef\u00fchrt werden. Die Reihe <em>Die Bestimmung\u00a0<\/em>inszeniert die politische Machtergreifung einer Fraktion, die Verfolgung einer Minderheit und eine brutale Rebellion. Selbst in der <em>Harry Potter<\/em>-Reihe kommt es zum magisch-physischen Kampf zwischen den Fraktionen der Gesellschaft. Und \u00fcber <em>Game of Thrones\u00a0<\/em>reden wir in diesem Zusammenhang lieber gar nicht erst &#8230;\u00a0 Gewalt ist in der Fantastik ein von uns vollkommen akzeptiertes Mittel, um f\u00fcr moralische wie auch politische Ideale zu k\u00e4mpfen oder pers\u00f6nlich erfahrene Ungerechtigkeiten zu richten.<\/p>\n<h3>Fantasy vs. Realit\u00e4t<\/h3>\n<p>Um es noch einmal deutlich zu sagen, ich sehe keinen Sinn im Versuch direkter und plumper Vergleiche die Autonome mit dem Distrikt 12 oder die USA mit dem Imperium gleichsetzen. Das w\u00e4re viel zu kurz gegriffen. Meiner Ansicht nach sollte Gewalt niemals ein leichtfertig akzeptiertes Mittel zur L\u00f6sung von Problemen sein. Punkt. Im Angesicht der Realit\u00e4t menschlichen Handelns ist das aber wohl ein frommer Wunsch. Insofern ist es aber eine relevante Beobachtung, dass politisch oder moralisch motivierte Gewalt in fiktionalen Stoffen als legitimes Mittel zur Konfliktl\u00f6sung angesehen wird und so eine Rechtfertigung f\u00fcr Gewalt gefunden werden kann. Nur wird diese Rechtfertigung eben beliebig auf politische Zwecke aufgest\u00fclpt \u2013 Terroristen sind immer die Anderen. Und von diesem logischen Kurzschluss kann sich auch, oder vielleicht insbesondere die Fantastik nicht freisprechen: Rebellen gut, Imperium b\u00f6se. Dabei w\u00e4re hier doch eigentlich das Potential, neue und kreative Wege politischen Widerstands zu ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Warum aber ist es so schwer, sich Werkzeugen wie dem zivilen Ungehorsam, der Konfliktmediation, der Deeskalation, oder sogar demokratisch oppositionellen oder juristischen Mitteln zu bedienen? Der Griff zum bewaffneten und gewaltt\u00e4tigen Konflikt ist attraktiv, er generiert Aufmerksamkeit und ist geradezu populistisch einfach. Ein Actionfilm \u00fcber Gesetzesinitiativen ist eben kein Kassenschlager und eine TV-Serie \u00fcber Mediation und Gruppenpsychologie funktioniert nur begrenzt (geht aber, etwa bei\u00a0<em>Lie to Me<\/em>).<\/p>\n<p>In der Fantastik geht diese Form von Protest theoretisch auch, wie die politisch-imaginativen Werke von Cory Doctorow zeigen, in denen vor allem mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams und der Gemeinschaftsbildung gegen ungerechte und korrupte Systeme vorgegangen wird. In <em>Little Brother\u00a0<\/em>und <em>Homeland\u00a0<\/em>etwa sind es vor allem Gamer, Hacker und Netzaktivisten, die dem Polizeistaat durch koordinierten Ungehorsam begegnen, die ein alternatives Kommunikationsnetzwerk aufbauen und so die politische Fehlentwicklung mit Hilfe einer freien Presse unterbinden. In seinen Buch <em>For The Win\u00a0<\/em>wiederum steht die Gr\u00fcndung einer weltweiten Gewerkschaft ausgebeuteter und unterdr\u00fcckter Arbeiter im Zentrum, der es gelingt, die kapitalistischen Systeme zu st\u00fcrzen. Und in <em>Pirate Cinema\u00a0<\/em>reichen friedliche Hausbesetzungen und kreativer Open Access Protest in Form von illegalen Remix-Filmproduktionen aus, um repressiven Copyright-Einschr\u00e4nkungen und \u00dcberwachung im Netz zu begegnen.<\/p>\n<p>Mein Punkt ist, dass sich unsere Realit\u00e4t nur allzu schnell auf die fiktionale Logik von Gewalt und Action beruft, wie am G20 Wochenende, wo Protest gegen ein herrschendes System zu einem drehbuchreif inszenierten Gewaltspektakel geworden ist. Im Kontrast dazu gab es zwar auch Demonstrationen und Aktionen, die auf ein anderen Gesellschaftsentwurf hingearbeitet haben, nur waren diese weit weniger spannend medial in Szene gesetzt. Dar\u00fcber nachzudenken, ob es auch ohne Gewalt ginge, und wenn ja, was daf\u00fcr n\u00f6tig w\u00e4re, das ist doch mal ein Ziel f\u00fcr die Zukunft &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/07\/von-spottoelpeln-und-autonomen-gewalt-als-politisches-mittel\/\">TOR ONLINE<\/a> am 13.07.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der aktuellen Ereignisse in Hamburg finden sich in den Medien, nicht zuletzt in den Sozialen Netzwerken, jede Menge Kommentare<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5396,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[1161,1164,77,1159,1162,1160,1163,1145],"class_list":["post-5395","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-avatar","tag-doctorow","tag-fantastik","tag-gewalt","tag-harry-potter","tag-hunger-games","tag-little-brother","tag-tor"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5395"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5397,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5395\/revisions\/5397"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}