{"id":5398,"date":"2017-10-01T00:00:30","date_gmt":"2017-09-30T23:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5398"},"modified":"2018-08-04T18:41:51","modified_gmt":"2018-08-04T17:41:51","slug":"lovecraft-und-die-vorurteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5398","title":{"rendered":"Lovecraft und die Vorurteile"},"content":{"rendered":"<p>Es muss ein seltsames Gef\u00fchl f\u00fcr AutorInnen wie Nnedi Okorafor oder Sofia Samatar sein, wenn sie auf ihren World Fantasy Award schauen und in das Gesicht von H. P. Lovecraft blicken. Denn Lovecraft, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Providence, Rhode Island lebte und schrieb war nicht nur ein begnadeter Horror-Autor, sondern leider auch rassistisch, frauenfeindlich und anti-semitisch veranlagt. Afro-amerikanische Autorinnen d\u00fcrften sich also gleich doppelt an Diskriminierungen erinnert f\u00fchlen beim Anblick des \u201eHoward\u201c, wie der Preis mit Spitznamen hei\u00dft.<\/p>\n<p>Angesto\u00dfen durch eine Petition wurde die B\u00fcste des Autors, die zwischen 1975 und 2015 als Preis vergeben wurde, nun durch eine neue Troph\u00e4e ersetzt: eine goldene Scheibe gehalten von einem <a href=\"https:\/\/www.theverge.com\/2017\/4\/15\/15308118\/world-fantasy-award-h-p-lovecraft-toxic-legacy\">alten, verschlungenen Baum<\/a>. Doch diese Entscheidung traf nicht \u00fcberall auf Verst\u00e4ndnis, da der Preis ja nicht die historische Person Lovecrafts ehrte, sondern vielmehr dessen k\u00fcnstlerische Leistung zum Anlass nimmt, die besten Werke der Fantastik zu ehren. Auch w\u00fcrde ein Austausch schnell als \u00dcberdecken eines Problems interpretiert werden k\u00f6nnen. Okorafor etwa schrieb auf ihrem <a href=\"http:\/\/nnedi.blogspot.de\/2011\/12\/lovecrafts-racism-world-fantasy-award.html\">Blog<\/a>, sie w\u00fcrde sich eine Auseinandersetzung mit \u201ediesem Teil der Geschichte der Literatur\u201c w\u00fcnschen und nicht deren Verschweigen. Sie warnt, dass es wichtig sei, sich als unterdr\u00fcckte AutorIn daran abzuarbeiten, dass \u201eviele der Ahnen, die wir ehren und von denen wir lernen m\u00fcssen, uns hassen oder gehasst haben\u201c.<\/p>\n<h3>Literarisches Erbe<\/h3>\n<p>Noch gr\u00f6\u00dfer jedoch war der Protest an der Entscheidung gegen den \u201eHoward\u201c bei Literaturwissenschaftler und Lovecraft-Biograf S. T. Joshi, der selbst indisch-amerikanischer Abstammung ist und die Petition als fehlgeleiteten Kreuzzug f\u00fcr vermeintliche Political Correctness sieht. In pers\u00f6nlichen <a href=\"http:\/\/stjoshi.org\/news2015.html\">Blogeintr\u00e4gen<\/a>\u00a0wehrt sich Joshi gegen die Abwertung von Lovecrafts literarischem Erbe aufgrund seiner pers\u00f6nlichen Charakterz\u00fcge und fehlgeleiteter \u00dcberzeugungen, die \u2013 und das sei hier auch erw\u00e4hnt \u2013 bereits seit Jahrzehnten bekannt sind und bislang nicht zu Protesten gef\u00fchrt hatten. Joshi verweist darauf, dass das Werk Lovecrafts zu wichtig und zu einflussreich sei, und dass der Autor eben sehr viele und oft auch widerspr\u00fcchliche Facetten habe.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich ist es ja so, dass Lovecrafts Geschichten unbestritten einen starken Einfluss auf den heutigen Horror-Markt haben. Die Sch\u00f6pfungen des Autors aus Providence haben unsere Popul\u00e4rkultur erobert und sind schwer aus dem Genre wegzudenken. Die Gr\u00f6\u00dfen des Horror, von Stephen King bis Guillermo del Toro, lassen sich bei Lovecraft inspirieren und das schreckliche Gef\u00fchl als Mensch nur ein kleiner Staubfleck im riesigen Kosmos zu sein, buchst\u00e4blich wie metaphorisch, ist heute angesichts von wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Entwicklungen so treffend wie nie zuvor. Warum also sollte man diesen Einfluss schm\u00e4lern wollen, in dem man den World Fantasy Award ver\u00e4ndert?<\/p>\n<h3>Das Schlechte im guten Autor<\/h3>\n<p>Das Problem ist, dass auch AutorInnen nicht davor gefeit sind, sich falsch oder gar g\u00e4nzlich abscheulich zu verhalten \u2013 Orson Scott Cards Homophobie, Marion Zimmer Bradley und der Vorwurf des Kindesmissbrauch, oder Hans-Heinz Ewers zeitweise N\u00e4he zum Faschismus lassen sich nicht einfach ausblenden, nur weil man die Werke der AutorInnen mag. Und es ist eben grundlegend unbestritten, dass Lovecraft ein Rassist war; sein Werk \u201eOn the Creation of Niggers\u201c etwa kann auf Okorafors Blog nachgelesen werden. Michel Houellebecq geht in seiner Studie zu Lovecraft (<em>Gegen die Welt, gegen das Leben<\/em>; Rowohlt 2007) davon aus, dass sich ein f\u00fcr die Zeit \u00fcblicher rassistischer Elitismus aufgrund pers\u00f6nlicher \u00c4ngste und privater R\u00fcckschl\u00e4ge bei Lovecraft zu einem ausgepr\u00e4gten und existenziellem Hass verst\u00e4rkt hat. Seine fiktionale Auseinandersetzung mit der Unreinheit und Degeneration des Menschen habe sich davon angefacht entwickelt, ebenso wie der Wunsch nach Zerst\u00f6rung dieses unwerten Lebens, der sich in den Gro\u00dfen Alten und deren kosmischem Horror manifestiert.<\/p>\n<p>Wenn wir AutorIn und Werk gleichsetzen und das eine f\u00fcr die Taten der anderen verurteilen, dann geht uns etwas verloren. Hat doch die Geschichte um Ender Wiggins, der vom Milit\u00e4r schamlos ausgebeutet und ohne sein Wissen zum Massenmord getrieben wird, eine wichtige Botschaft zum ethischen Handeln. Und der feministisch befreiende Einfluss einer alternativ-mythologischen Geschichte wie der <em>Nebel von Avalon\u00a0<\/em>sollte nachfolgenden Generationen junger Frauen auch nicht vorenthalten werden. Daf\u00fcr sind die Werke als solche zu wichtig und wertvoll. Wie also geht man dann mit Werk und AutorIn um, wenn letztere fragw\u00fcrdige Ideologien verfolgen oder sich scheu\u00dflich verhalten?<\/p>\n<h3>Umgang mit der Kritik<\/h3>\n<p>In Hinsicht auf Lovecraft \u2013 und \u00fcbertragbar auf andere Konflikt- oder Problemstoffe \u2013 fordern Literaturwissenschaftler wie Carl Sederholm und Jeffrey Weinstock eine st\u00e4rkere Auseinandersetzung mit der Frage des Rassismus und dessen Einfluss auf das Werk des Autors. Hierbei sollte eben nicht, wie von Joshi argumentiert, zwischen Person und Werk unterschieden werden (<em>The Age of Lovecraft<\/em>; University of Minnesota Press, 2016). Vielmehr muss es einer kritischen Haltung darum gehen, die Verbindungen von Biografie und literarischem Schaffen herauszuarbeiten. F\u00fcr Leser sollte es darum gehen, Lovecrafts Werk vielschichtig beurteilen zu k\u00f6nnen, seinen Rassismus einerseits zu erkennen, diesen aber andererseits nicht als einzig m\u00f6gliche Lesart zu sehen.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche Hilfestellung f\u00fcr diesen Akt doppelten Lesens und Verstehens findet sich in editierten Ausgaben, die dank eines literarischen Kontextes die AutorIn aus verschiedenen Perspektiven vorstellen und das Werk zu entschl\u00fcsseln helfen. Gerade bei historischen Texten sind LeserInnen heutzutage die Bedeutung bestimmter Passagen oder Wortwahlen vielleicht nicht vollst\u00e4ndig bewusst. In Sachen Lovecraft kann hier die neue Werkausgabe Abhilfe schaffen, die von Leslie Klinger editiert wurde und die im September bei Fischer Tor erscheinen wird. Neben erg\u00e4nzenden Texten wie Vorwort, Biografie und Einf\u00fchrung besteht der Nutzen einer solchen Ausgabe vor allem in den erkl\u00e4renden Notizen am Rand der jeweiligen Geschichten, die Formulierungen erl\u00e4utern oder Bez\u00fcge zu Leben und anderen Werken des Autors beleuchten. F\u00fcr interessierte LeserInnen wird hier ein Bild von Lovecraft deutlich, dass ihn sowohl als brillanten Autor zeigt, als auch als einen zutiefst unsicheren und kranken Mann, dessen \u00c4ngste seine Ideologie bestimmen. Auf diese Weise kann man mit dem Widerspruch umgehen lernen, und vielleicht hoffen, wie Nnedi Okorafor es tut, dass sich in Lovecraft nach dessen Tod das Gift des Hasses aus seinen Gedanken gel\u00f6st hat und ihm nun in Geisterform seine Fehler bewusst geworden sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/09\/der-fall-h-p-lovecraft-ueber-den-umgang-mit-einem-rassistischen-autor\/\">TOR ONLINE<\/a> am 25.09.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es muss ein seltsames Gef\u00fchl f\u00fcr AutorInnen wie Nnedi Okorafor oder Sofia Samatar sein, wenn sie auf ihren World Fantasy<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5399,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[77,1166,1167,1165,1168,1155,1145],"class_list":["post-5398","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-fantastik","tag-horror","tag-joshi","tag-lovecraft","tag-okorafor","tag-rassismus","tag-tor"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5398"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5400,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5398\/revisions\/5400"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}