{"id":5401,"date":"2017-10-10T00:00:00","date_gmt":"2017-10-09T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5401"},"modified":"2018-08-04T19:10:48","modified_gmt":"2018-08-04T18:10:48","slug":"ein-nobelpreis-fuer-fantastik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5401","title":{"rendered":"Ein Nobelpreis f\u00fcr Fantastik?"},"content":{"rendered":"<p>Der Nobelpreis f\u00fcr Literatur 2017 geht an den japanisch-britischen Autor Kazuo Ishiguro, \u201eder in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat\u201c, so die Begr\u00fcndung der schwedischen Akademie. Sein Kollege Neil Gaiman schreibt im <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2017\/oct\/06\/kazuo-ishiguro-neil-gaiman-sebastian-barry-nobel-win\"><em>Guardian<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em>sogleich \u00fcber den Geehrten: \u201eKazuo Ishiguro ist ein guter, ernster, brillanter und hart arbeitender Schriftsteller, der niemals davor zur\u00fcckgeschreckt ist, die gro\u00dfen Themen anzugehen, noch davor Science Fiction (<em>Alles, was wir geben mussten<\/em>) oder Fantasy (<em>Der begrabene Riese<\/em>) als Vehikel zu nutzen, mit denen er diese Ideen transportieren konnte.\u201c<\/p>\n<p>Dabei steht Gaiman mit seiner Zuordnung Ishiguros zur Fantastik nicht unbedingt unangefochten dar \u2013 zumindest wird sein Roman <em>Der begrabene Riese\u00a0<\/em>von seinem eigenen <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Der-begrabene-Riese\/Kazuo-Ishiguro\/Blessing\/e464070.rhd#info\">Verlag<\/a> eher als hochliterarischer Reiseroman vermarktet und der Autor f\u00fcr seinen \u201eunpr\u00e4tenti\u00f6sen und zugleich bet\u00f6renden Realismus\u201c gelobt. Die Begriffe \u201eFantastik\u201c, \u201eFantasy\u201c, \u201eDrache\u201c oder \u201eOger\u201c kommen jedenfalls nirgendwo im Marketing zum Buch vor. Auch Ishiguro selbst war sich nicht sicher, wie sein Publikum und die Kritik auf die fantastischen Elemente reagieren w\u00fcrden. Im Interview mit der <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2015\/02\/20\/books\/for-kazuo-ishiguro-the-buried-giant-is-a-departure.html?_r=1\"><em>New York Times<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em>bef\u00fcrchtete er eine Voreingenommenheit gegen die \u201eOberfl\u00e4chenelemente\u201c und fragte sich \u201eWerden sie sagen, dass es Fantasy ist?\u201c<\/p>\n<p>Wie schwierig die Zuordnung zu den fantastischen Genres f\u00fcr eine AutorIn sein kann und welche Automatismen sowohl bei literarischer Kritik als auch im Genre selbst aufgerufen werden, sieht man an der Debatte, die in Feuilletons und Literaturblogs nach der Ver\u00f6ffentlichung des Romans aufkam. Ursula K. Le Guin rieb sich an Ishiguros Worten zur Fantasy und schrieb auf einem <a href=\"http:\/\/bookviewcafe.com\/blog\/2015\/03\/02\/are-they-going-to-say-this-is-fantasy\/\">Blog<\/a>, der Autor bef\u00fcrchtete wohl eine Zuordnung zum Genre, die seine \u201eautorielle Gravit\u00e4t mit kindlichen Anfl\u00fcgen der Fantasy\u201c unterlaufen k\u00f6nnte. Auch wenn Ishiguro selbst bei <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2015\/mar\/08\/kazuo-ishiguro-rebuffs-genre-snobbery\">Interviews<\/a>\u00a0betont, er stelle sich nicht gegen die Fantasy, sprechen er und andere als Hochliteraten angesehene AutorInnen wie David Mitchell (Autor von <em>Wolkenatlas\u00a0<\/em>und <em>Die Knochenuhren<\/em>) oder Margaret Atwood (Autorin von <em>Das Herz kommt zuletzt\u00a0<\/em>und <em>Der Report der Magd<\/em>) immer wieder von einem Stigma der Fantasy und Science Fiction. Da hilft es auch nicht, dass Ishiguro die Funktion von Genre insgesamt in Frage stellt und im <a href=\"https:\/\/www.newstatesman.com\/2015\/05\/neil-gaiman-kazuo-ishiguro-interview-literature-genre-machines-can-toil-they-can-t-imagine\">Gespr\u00e4ch mit Gaiman<\/a>\u00a0zu einer simplen Masche des Marketings degradiert, die k\u00fcnstliche Grenzen hochziehe und die gro\u00dfe Literaten schon immer zu \u00fcberspringen wussten. Der Verweis auf einen Grenz\u00fcbertritt ist leider doch eine Best\u00e4tigung, dass die Grenze existiert, oder? Und f\u00fcr Genrefans stellt sich die Frage doch auch so: Ist Kazuo Ishiguro nun ein Autor der Fantastik oder nicht?<\/p>\n<h3><strong>Ja: Ishiguro, der Fantast<\/strong><\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Ishiguro ein Autor der Fantastik, denn die Fantastik bietet ja einen riesigen Raum an unterschiedlichen Spielarten und darunter f\u00e4llt eben auch der neue Nobelpreistr\u00e4ger. Sein Roman <em>Alles, was wir geben mussten\u00a0<\/em>setzt etwa die Pr\u00e4misse einer Gesellschaft, in der sich reiche Menschen Klone erschaffen, um f\u00fcr evtl. Unf\u00e4lle oder Krankheiten gewappnet zu sein. Eindeutig also ein Science Fiction Novum, wie es gerne als zentrales Genreelement gesetzt wird. \u00c4hnlich zu finden in Hollywoodfilmen wie Michael Bays <em>Die Insel,\u00a0<\/em>in Michael Marshall Smiths Roman <em>Geklont\u00a0<\/em>oder in Charlotte Kerners <em>Blueprint\/Blaupause<\/em>. Wenn man also die Pr\u00e4senz eines solchen Novums \u2013 einer neuen und alles ver\u00e4ndernden Technologie etwa \u2013 als Kennzeichen f\u00fcr SF ansieht, dann erf\u00fcllt der Roman dies. Auch <em>Der begrabene Riese\u00a0<\/em>kann ein solches definierendes Kriterium aufweisen, wie es in der Fantasy h\u00e4ufig gesetzt wird: die zweifelsfreie Pr\u00e4senz von Magie und magischen Wesen. Im Roman gibt es einen Drachen, dessen magischer Atem als ein Nebel des Vergessens \u00fcber das Land weht und der allen Bewohnern die Erinnerung stiehlt. Und da mit diesem Drachen interagiert wird, seine Existenz niemals in Frage gestellt ist, ist das ein eindeutiges Zeichen f\u00fcr Fantasy.<\/p>\n<p>Aber selbst, wenn man von solchen \u201epr\u00e4skriptiven\u201c Markern von Genre absieht und sich der soziologischen Seite zuwendet, also der Idee folgt, dass Genre eine Art Vertrag zwischen AutorInnen und LeserInnen ist, der bestimmte Erwartungen und Haltungen an das Buch festlegt. Selbst dann, wenn Genre immer wieder neu von Praxisgemeinschaften (also denen, die ein Buch \u201enutzen\u201c \u2013 schreiben, verkaufen, publizieren, lesen, dar\u00fcber reden etc.) bestimmt wird, mit jedem neuen Buch, das jemand einem Genre zuschreibt, selbst dann ist Ishiguro ein Autor der Fantastik. Science Fiction Fans und Kritiker haben <em>Alles, was wir geben mussten\u00a0<\/em>gelesen und als SF bewertet, sie haben es diskutiert und wie ich gerade eben in einen Kontext mit anderen Werken der SF gestellt. Fantasy-Autoren wie Le Guin und Gaiman haben <em>Der begrabene Riese\u00a0<\/em>diskutiert und rezensiert, sie haben auf die Fantasy im Buch hingewiesen und damit den Roman automatisch ins Genre geholt, ob nun ins Zentrum oder an den \u00e4u\u00dfersten Rand ist dabei egal. Ishiguro ist also auf jeden Fall ein Autor fantastischer B\u00fccher und jeder, der Fantastik liest kann in die Diskussion eingreifen und f\u00fcr sich selbst bestimmen, wie viel Genre er darin wiederfindet.<\/p>\n<h3><strong>Nein: Ishiguro, der postmoderne Literat<\/strong><\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Ishiguro kein Autor der Fantastik, weil seine Werke nicht den literarischen Konventionen der Science Fiction oder Fantasy entsprechen, sondern vielmehr der postmodernen oder realistischen Hochliteratur. <em>Alles, was wir geben mussten\u00a0<\/em>erz\u00e4hlt zwar von Klontechnologie, ist aber literarisch ein Roman realistischer Konventionen, der das Zusammenleben einiger Internatssch\u00fcler beschreibt und deren Umgang mit drohender Sterblichkeit. Es geht nicht um die Ver\u00e4nderung der Gesellschaft durch Technologie. Es geht darum, wie Menschen mit dem Tod umgehen, wie sich Gemeinschaften gegen Verlust wehren oder mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit umgehen. Die Klontechnologie w\u00e4re auch durch eine besondere Krankheit oder eine Strahlenvergiftung oder einen erblichen Defekt ersetzbar \u2013 der Fokus der Geschichte ist die realistische Darstellung von Verlust.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist <em>Der begrabene Riese<\/em>kein Fantasy-Roman, da es Ishiguro nicht um die Sekund\u00e4rwelt geht, wie Tolkien einmal so sch\u00f6n f\u00fcr das Genre feststellte. Vielmehr hat Ishiguro selbst darauf verwiesen, dass es ihm um die Frage eines kollektiven Ged\u00e4chtnisses geht und darum, wie Gesellschaften sich von Traumata erholen k\u00f6nnen. Den Anstrich der Fantasy brauchte er, damit die Idee nicht vom Abstrakten ins Konkrete rutscht, es eben nicht nur um den 2. Weltkrieg, um Bosnien oder den Mittleren Osten gehe: \u201eIch wollte vermeiden, dass die Leute es nicht zu w\u00f6rtlich nehmen und nicht sagen, oh ein Buch \u00fcber den Jugoslawien-Krieg\u201c, sagte er der <em>New York Times<\/em>. Die Verwendung von Fantasy-Tropen ist f\u00fcr den Roman ein Stilmittel, allegorischer Ausdruck gr\u00f6\u00dferer, abstrakter Ideen, die sich der Autor frei aus allen verf\u00fcgbaren Stilmitteln zusammenstellt. Ishiguro spielt mit Fantasy als Versatzst\u00fcck, wie er auch mit der mittelalterlichen Ballade, einem archaischen Prosastil oder dem Artus-Mythos als Hintergrund spielt \u2013 und das ist Teil eines postmodernen Verst\u00e4ndnisses von Literatur, das sich konsequent gegen Konventionen stellt und alles nutzt, mit allem spielt, was literarisch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<h3><strong>Jein: Ishiguro, der Br\u00fcckenbauer<\/strong><\/h3>\n<p>Die Tatsache, dass die Fantastik \u201eentstigmatisiert\u201c werden kann, wie David Mitchell anl\u00e4sslich Ishiguros Roman behauptet, zeigt die Grenzverl\u00e4ufe allerdings noch sehr deutlich auf. Dabei haben beide oben genannten Positionen Recht \u2013 es kommt eben auf die Sicht an, wie man Genre definieren m\u00f6chte und was man, als Leser, von einem Roman der Fantastik erwartet. Wer zu Ishiguros B\u00fcchern greift und dort Fantasy \u00e0 la Tolkien oder SF im Sinne einer Space Opera erwartet, der liegt grundlegend falsch. Genre als Marketingkategorie oder formulaischer Erf\u00fcllung von Lese-Erwartungen ist nicht vereinbar mit dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur. Vielmehr vermag es Ishiguro Genrekonventionen herauszufordern. Spannend ist, dass dies von Fantasy-LeserInnen erfordert, sich auch mal frustrieren zu lassen, keine Informationen zur Welt zu erhalten und die abstrakte Bedeutung hinter den Worten herauszufiltern. Von hochliterarischen Lesern jedoch verlangt es, eine andere Weltsicht zuzulassen, sogar eine v\u00f6llig andere Welt zuzulassen und diese nicht aus Angst vor dem Unbekannten direkt abzutun. Die Konventionen, die hier \u00fcberschritten werden, sind meiner Meinung nach also nicht die der Fantasy oder der Science Fiction \u2013 in diesen Genres war schon immer viel Platz f\u00fcr viele verschiedene Welten \u2013 sondern die des Realismus. Insofern ist der Nobelpreis f\u00fcr Ishiguro dann auch ein St\u00fcck weit ein Nobelpreis f\u00fcr die Fantastik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/10\/ging-der-nobelpreis-an-einen-autor-der-fantastik\/\">TOR ONLINE<\/a> am 08.10.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nobelpreis f\u00fcr Literatur 2017 geht an den japanisch-britischen Autor Kazuo Ishiguro, \u201eder in Romanen von starker emotionaler Wirkung den<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[77,1170,1169,1171,1017,1145],"class_list":["post-5401","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-fantastik","tag-genre","tag-ishiguro","tag-konventionen","tag-literatur","tag-tor"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5401"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5403,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5401\/revisions\/5403"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}