{"id":5407,"date":"2017-11-01T00:00:48","date_gmt":"2017-10-31T23:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5407"},"modified":"2018-08-04T19:24:22","modified_gmt":"2018-08-04T18:24:22","slug":"erinnerungskultur-wie-uns-der-horrorfilm-unsere-nazi-vergangenheit-nicht-vergessen-laesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5407","title":{"rendered":"Erinnerungskultur \u2013 wie uns der Horrorfilm unsere Nazi-Vergangenheit nicht vergessen l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<p>In der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gelten Nazis als Allzweckb\u00f6sewichte. Neben Zombies und Aliens sind es vor allem Nazis in ihren schwarzen und braunen Uniformen, die zu Gewaltorgien einladen und dabei durch zelebriertes Ableben dem Publikum das urdeutsche Gef\u00fchl der Schadenfreude vermitteln. Von <em>Castle Wolfenstein\u00a0<\/em>bis <em>Inglourious Basterds<\/em>, von <em>Indiana Jones\u00a0<\/em>bis <em>Iron Sky<\/em>\u2013 deutscher Nationalsozialismus ist universell g\u00fcltiges Chiffre f\u00fcr das B\u00f6se, das Schlechte, das Grauen (und manchmal auch das L\u00e4cherliche, denn es ist leichter \u00fcber das Grauen zu lachen, als es ernst zu nehmen). Und es galt lange Zeit \u2013 inspiriert von Comicfiguren wie <a href=\"http:\/\/www.cbr.com\/the-history-behind-captain-america-punching-hitler\/\">Captain America<\/a>\u00a0und Superman oder wundervoll am\u00fcsant demonstriert im Kultklassiker <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ulCw7RJ5eE8\">Blues Brothers<\/a>\u00a0<\/em>\u2013 als guter Stil und richtige Handlungsweise einen jeden Nazi direkt zu konfrontieren (hier <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9rh1dhur4aI\">US-Neonazi Richard Spencer<\/a>. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich, in den USA wie in Deutschland.<\/p>\n<h3>Internationale Vorbilder<\/h3>\n<p>Denn je mehr wir Nazis mit Klischees belegen, sie in Comics und Filmen zu Grotesken \u00fcberzeichnen oder zu Nazi-Zombies (<em>Dead Snow, Frankenstein\u2019s Army<\/em>) oder Supersoldaten (<em>Hell Boy<\/em>, <em>Captain America: The First Avenger<\/em>) hochstilisieren, desto weniger erkennen wir sie im realen politischen Leben noch als Bedrohung. Mit verheerenden Folgen, wenn in der deutschen Parteienlandschaft Debatten um Kriegsschuld, die Ehre der Wehrmacht, oder die Bedeutung von Begriffen wie \u201ev\u00f6lkisch\u201c gef\u00fchrt werden, wenn Geschichtsrevisionismus und Holocaust-Leugnung wieder m\u00f6glich sind und von gew\u00e4hlten Parlamentariern vertreten werden. Vielleicht haben wir verlernt die Gr\u00e4uel des Nationalsozialismus als realen Schrecken in unserem Leben zu erkennen? Dabei g\u00e4be es dank der Fantastik doch die M\u00f6glichkeit durch Verfremdung (etwa im Horrorfilm) diesen dort neu zu entdecken, wo wir sonst gerne dar\u00fcber hinwegschauen. Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p>Als Klassiker amerikanischer Machart sei hier auf Bryan Singers Fr\u00fchwerk <em>Der Mustersch\u00fcler\u00a0<\/em>von 1998 verwiesen, der auf brillante Weise zeigt, wie verf\u00fchrerisch die Ideologie und der faschistoide Apparat der Nazis auch heute noch sein kann. Der Film, basierend auf Stephen Kings gleichnamiger Kurzgeschichte, zeigt die Faszination, die Gewalt und Macht aus\u00fcben und wendet diese gegen einen in der amerikanischen \u00dcberflussgesellschaft unterforderten Jugendlichen. Sehenswert, nicht nur, weil Ian McKellen erschreckend schnell vom harmlosen Nachbarn zum brutalen SS-Offizier mutiert.<\/p>\n<h3>Deutscher Horrorfilm<\/h3>\n<p>Doch auch der deutsche Horrorfilm kann seit einigen Jahren seinem Publikum subtile Botschaften gegen die rechte Gesinnung vermitteln. Dabei setzen aktuelle Filme weit weniger auf Nazis als offensichtliche Feindbilder, sondern entlarven eher, wie stark die vergessen geglaubte Vergangenheit noch in der Gesellschaft Widerhall findet und wie schnell das rechte Gedankengut zur\u00fcck an die Oberfl\u00e4che ger\u00e4t. Ein gutes Beispiel dieser Art des \u201ehistorisch Unheimlichen\u201c ist der Film <em>Anatomie\u00a0<\/em>(2000) von Stefan Ruzowitzky, in dem Franka Potente als Medizin-Studentin einer Geheimloge auf die Spur kommt, die sich mit unmoralischen und t\u00f6dlichen Experimenten f\u00fcr medizinischen Fortschritt einsetzt. Dabei nutzt der Film deutliche Verweise auf Josef Mengele und dessen genetische Studien in den Konzentrationslagern, um eine historische Linie zu ziehen, die man bis hin zur Verschwiegenheitskultur heutiger Universit\u00e4tskliniken und zur Profitorientierung von Pharmaunternehmen verfolgen kann. Auch nicht ohne gesellschaftliche Relevanz bleibt das filmisch-visuelle Aufgreifen der K\u00f6rperwelten-Ausstellung des wissenschaftlich stark umstrittenen Gunter von Hagens und dessen Beschaffung von \u201eFreiwilligen\u201c f\u00fcr die Plastination zum medizinischen Lehrzweck. Der Film macht damit deutlich, wie schnell eine Einteilung in Menschen erster und zweiter Klasse m\u00f6glich ist, wenn man ethische Bedenken f\u00fcr Fortschritt, Erfolg oder Profit verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Im Deb\u00fct des schweizerischen Regisseurs Tim Fehlbaum, dem post-apokalyptischen Horrorfilm <em>Hell\u00a0<\/em>(2011), findet sich auf \u00e4hnliche Weise ein Bezug zu den perfiden Ideologien, die das Nazi-Regime genutzt hat, um ihre Gr\u00e4uel zu rechtfertigen. Ausgehend von einer lebensfeindlichen Umwelt \u2013 dank Klimawandel ist die Natur v\u00f6llig ausged\u00f6rrt \u2013 zielt der Film auf die Frage danach, was wir bereit sind zu tun, um zu \u00fcberleben. Die Hauptfiguren begegnen im bayerischen Idyll eines Bauernhofs einer brutalen Familie, die ihren menschenverachtende Kannibalismus damit rechtfertigt, dass Hof und Sippe nur mit extremer Gewalt zu erhalten sind. Was hier im Film eindr\u00fccklich inszeniert ist, ist nicht die hinterw\u00e4ldlerische Ignoranz und Degeneration, mit der US-Filme wie das <em>Texanische Kettens\u00e4genmassaker <\/em>ihre Morde rechtfertigen. Vielmehr entspringt die Rechtfertigung f\u00fcr die menschliche \u201eViehhaltung\u201c, den Kannibalismus und die Suche nach geb\u00e4rf\u00e4higen Frauen einer kranken Blut-und-Boden-Ideologie, wie sie von den Nazis gebraucht wurde, um territoriale Expansion oder die Entmenschlichung nicht sesshafter Bev\u00f6lkerungs\u00adgruppen zu erkl\u00e4ren. Vom Erbhof bis zum Lebensborn &#8211; in <em>Hell\u00a0<\/em>finden sich einige Konzepte, die man lange vergessen glaubte wieder. Kommt es hart auf hart, so der Film, dann sind Familien- und Lebenserhalt eben wichtiger als die Menschw\u00fcrde.<\/p>\n<p>Noch subtiler l\u00e4sst sich die Kritik am Nationalsozialismus als lebensfeindlicher Ideologie in Huan Vus Film <em>Die Farbe\u00a0<\/em>(2010) erkennen. Der Film basiert eigentlich auf der Kurzgeschichte \u201eDie Farbe aus dem All\u201c von H. P. Lovecraft (selbst nicht unproblematisch bzgl. <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/09\/der-fall-h-p-lovecraft-ueber-den-umgang-mit-einem-rassistischen-autor\/\">Rassismus<\/a><a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/09\/der-fall-h-p-lovecraft-ueber-den-umgang-mit-einem-rassistischen-autor\/)\">)<\/a>, versetzt die Handlung aber nach Deutschland und in direkte N\u00e4he zum zweiten Weltkrieg. Die unerkl\u00e4rliche, alles Leben vernichtende Farbe rauscht urpl\u00f6tzlich in den 1930er Jahren in die deutsche Idylle und beginnt dort ihren alles korrumpierenden Einfluss zu nehmen. Sie saugt alles Leben in sich auf, verd\u00f6rrt einen ganzen Landstrich und kann erst mit Hilfe der amerikanischen Befreier wieder vertrieben werden \u2013 aber ob dies vollends gelungen ist, das bleibt offen. Die Hauptfigur jedenfalls, ein Bauer und sp\u00e4terer Wehrmachtssoldat, ist sein Leben lang von der Farbe fasziniert und am Ende des Films erstaunlich lebendig, wo doch alle seine Nachbarn der Farbe zum Opfer fielen \u2013 nur die Schuldgef\u00fchle wird er nicht los. Was das mit dem Nationalsozialismus zu tun hat, davon kann sich jeder selbst ein Bild machen. Zwar k\u00f6nnen alle Filme mit einem Nazi-kritischen Subtext gelesen werden, doch ist diese Lesart keinesfalls ein MUSS &#8230; einen Blick wert sind die Filme aber allemal.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/film\/2017\/10\/blut-und-boden-nazi-horror-filme\/\">TOR ONLINE<\/a> am 23.10.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gelten Nazis als Allzweckb\u00f6sewichte. 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