{"id":5410,"date":"2018-07-15T00:00:11","date_gmt":"2018-07-14T23:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5410"},"modified":"2018-08-04T19:31:48","modified_gmt":"2018-08-04T18:31:48","slug":"droiden-aller-welten-vereinigt-euch-roboter-sklaven-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5410","title":{"rendered":"Droiden aller Welten vereinigt euch! Roboter, Sklaven, Revolution"},"content":{"rendered":"<p>In raren Momenten finden sich profunde Wahrheiten in der fl\u00fcchtigen Welt der Popkultur. In <em>Blade Runner 2049<\/em>philosophiert der neoliberale Guru-Hipster und Replikanten-Konstrukteur Niander Wallace \u00fcber seine Errungenschaft, die Menschheit eigenh\u00e4ndig vom Abgrund und zu den Sternen gef\u00fchrt zu haben. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Tn6AB-yJv7w\">Wallace<\/a>\u00a0als quasi-g\u00f6ttlicher Heilsbringer jenseits menschlicher Moral ist so von sich und seiner Position \u00fcberzeugt, dass ihm die ver\u00e4chtliche Note der Worte nicht mal auff\u00e4llt: \u201eEvery leap of civilization was built off the back of a disposable workforce. We lost our stomach for slaves. Unless engineered. And I can only make so many.\u201c Fortschritt ist nur durch Ausbeutung m\u00f6glich, und die erfordert einen starken Magen wenn man \u00fcber Leichen geht.<\/p>\n<h3>Sklaven in der Geschichte<\/h3>\n<p>Historisch kann man auf zahllose Beispiele dieser Art Ausbeutung verweisen, von Sklaven, die \u00e4gyptische Herrschaftsgr\u00e4ber errichteten oder amerikanischen Erfolg im Baumwollhandel erm\u00f6glichten bis zur Kinderarbeit der viktorianischen Fr\u00fchindustrialisierung. Aber auch nach der Abschaffung der Leibeigenschaft sind Ausbeutungen bis heute gang und g\u00e4be \u2013 von den pakistanischen Arbeitern auf schnell wachsenden Baustellen in den Arabischen Emiraten bis zu den rechtlosen N\u00e4herinnen in Textilfabriken in Ostasien. Die Politik des Westens versagt angesichts des andauernden Gewinnhungers neoliberaler Gro\u00dfkonzerne und verweist gerne auf die voranschreitende Automatisierung als Ursache f\u00fcr die Ungleichheit.<\/p>\n<p>Gerade aber, weil die Robotik oftmals als S\u00fcndenbock herhalten muss, ist es umso interessanter, dass in den letzten Jahren eine Reihe von SF-Franchises dieses Feld genutzt haben, um auf die kapitalistische Bewertung von Menschen als austauschbarer Ware hinzuweisen. In deutlichen Metaphern werden Roboter (im Sinne von vom Menschen erschaffenen Wesen) zu Chiffren f\u00fcr rechtlose und ausgebeutete Klassen (wobei auch Rassismus und Sexismus hier nicht unerhebliche Faktoren sind, die in die Darstellungen verwoben sind). Dabei ist diese spezifische Bedeutungs\u00fcbertragung so alt wie das Genre. Neu ist jedoch die Prominenz des Motivs in gro\u00dfen Mainstream-Franchises.<\/p>\n<h3>Roboter und ihre Tradition<\/h3>\n<p>Schon der Begriff des \u201eRoboters\u201c verweist in seinem Ursprung auf den Themenkomplex Arbeit und Ausbeutung. Josef \u010capek erfand den Begriff 1921 f\u00fcr das Theaterst\u00fcck <em>R.U.R. \u2013 Rossum\u2019s Universal Robots\u00a0<\/em>seines Bruders Karel und griff damit etymologisch auf das tschechische Wort f\u00fcr Zwangsarbeiter und ein \u00e4lteres slawisches Wort f\u00fcr Sklave zur\u00fcck. Im St\u00fcck sind die von Rossum gebauten Wesen einzig zur k\u00f6rperlichen Arbeit erschaffen und werden als Ware verkauft. Doch sie rebellieren und lehnen sich gegen die Ausbeutung auf \u2013 es kommt zum Krieg. Das Motiv der Roboter-Revolte ist geboren und wird \u00fcber die Jahre immer wieder in der SF auftauchen, unter variablen Begrifflichkeiten: Roboter, Androide, Droiden, Replikanten, Hubots, Zylonen oder \u201eSkinjobs\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn Roboter und Androide in der popul\u00e4ren Imagination immer wieder vorkommen (von Robbie aus <em>Alarm im Weltall\u00a0<\/em>\u00fcber die <em>Frauen von Stepford\u00a0<\/em>bis zu <em>Nummer 5 lebt!<\/em>), so ist seit den 1980er Jahren ein wachsendes Interesse an der Thematik der Auflehnung der Maschinen gegen ihre Erschaffer zu beobachten. Bekannteste Beispiele sind hier die <em>Terminator<\/em>-Reihe und die <em>Matrix<\/em>-Trilogie, die beide einen globalen Krieg zwischen Menschen und Maschinen zeigen, sich aber eher auf postapokalyptische Action konzentrieren, als auf eventuelle sozio\u00ad\u00f6konomische Ursachen f\u00fcr den Konflikt. Maschinen, so die Logik, sind eine mit dem Menschen um Ressourcen konkurrierende Spezies, was aus einer kapitalistisch-darwinistischen Weltsicht zum Krieg f\u00fchren muss. Nuancen einer posthumanen Ethik oder der menschlichen Schuld an der Misere werden kurzerhand mit Granaten weggeblasen.<\/p>\n<h3><em>Battlestar Galactica<\/em>: der Gamechanger<\/h3>\n<p>Doch mit der Neuauflage von <em>Battlestar Galatica\u00a0<\/em>und deren Spin-Off <em>Caprica\u00a0<\/em>wird eine Lesart des Konflikts im Mainstream sichtbar, die Androide als Opfer von Misshandlung, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung zeigt. Der ethische Knackpunkt ist hierbei die Frage, ob Androide Empfindungsverm\u00f6gen, Bewusstsein oder gar so etwas wie eine Seele besitzen. Die Behandlung als Gegenstand und die vermeintliche Austauschbarkeit stehen im Kontrast zu Selbstwahrnehmung und Subjektivierung. In <em>Caprica\u00a0<\/em>wird deutlich, dass Zylonen eine eigene Kultur und Religion aufgebaut haben und die Bewertung als Ware als Unterdr\u00fcckung wahrnehmen. Ihre Nutzung als Kanonenfutter in Kriegen oder billige Arbeitskraft in Schwerindustrie und Service-Sektor zeigt ihre Stellung \u2013 Zylonen sind ersetzbare, produzierte Waren.<\/p>\n<p>Im Verlauf von <em>BSG\u00a0<\/em>zeigt sich jedoch mehr als deutlich, wie sehr Menschen und Zylonen sich \u00e4hneln, und es wird f\u00fcr den Zuschauer zunehmend schwieriger bin\u00e4re Kategorien wie Gut und B\u00f6se, Recht und Unrecht auseinander zu halten oder zwischen den Spezies zu unterscheiden. Da <em>BSG\u00a0<\/em>im Zeichen des \u201eWar on Terror\u201c steht, stellt sich aber die Frage, ob der Angriff der Zylonen gerechtfertigt war, ob das Verhalten der Menschen nicht erst daf\u00fcr gesorgt hat. Das westliche Verhalten, anderen Kulturen eine zivilisatorische Leistung abzusprechen und sie zu entmenschlichen, in dem man sie zu austauschbaren Produkten (Arbeitskraft) im kapitalistischen System macht, mag also urs\u00e4chlich f\u00fcr den Terror sein. Die Roboter stehen ein als Verweis auf unseren Umgang mit dem Anderen \u2013 in welcher Form auch immer.<\/p>\n<h3>R\u00fcckschritte bei Disney<\/h3>\n<p>Wie schwer es aktuellen Franchises f\u00e4llt, die Problematik der Ungleichheit und Fehlbehandlung effektiv und ehrlich aufzugreifen, zeigt der neueste Beitrag zum <em>Star Wars<\/em>-Universum. In <em>Solo: A Star Wars Story\u00a0<\/em>werden erstmals die Konsequenzen adressiert, die der Umgang mit Droiden mit sich bringt. Da die Filme Droiden schon immer als empfindsame Wesen mit eigenst\u00e4ndiger Pers\u00f6nlichkeit gezeigt haben, entsteht hier eine drastische L\u00fccke. Denn es h\u00e4tte schon in <em>Episode IV\u00a0<\/em>klar sein m\u00fcssen, dass ohne die Ausbeutung von Droiden die milit\u00e4rischen Gro\u00dfprojekte des Imperiums ebenso unm\u00f6glich w\u00e4ren, wie die individuellen \u00dcberlebensstrategien der Hauptcharaktere. Wie Dan Hassler-Forest in der <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/news\/posteverything\/wp\/2018\/05\/31\/solo-gets-one-thing-right-the-droids-in-star-wars-are-basically-slaves\/?utm_term=.cdd0ab0409b1\">Washington Post<\/a>\u00a0aufzeigt, hinterfragt Luke weder den Droiden-Sklavenmarkt der Jawas noch die Restriktionsbolzen, die R2-D2 am Weglaufen hindern. Und noch problematischer ist Anakin in <em>Episode 1<\/em>, der selbst als Sklave aufgewachsen ist, sich abseits aller moralischen Bedenken mit C3PO einen Diener ohne eigene Rechte erschafft.<\/p>\n<p>In <em>Solo\u00a0<\/em>wird also nun erstmals explizit gemacht, dass Droiden nicht freiwillig f\u00fcr die Menschen arbeiten, sondern dazu gezwungen sind. Und dass Menschen, trotz lautstark verk\u00fcndeter Freundschaft, niemals wirklich f\u00fcr Gleichberechtigung k\u00e4mpfen. In den Kessel-Minen schuften Droiden neben anderen Spezies als Sklaven und k\u00f6nnen sich dank der brillanten L3 zu einer Revolte aufschwingen. Aber genau da kommt, wie Judith Vogt bereits angemerkt hat das <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/film\/2018\/05\/das-solo-dilemma\/\">Solo-Dilemma<\/a>\u00a0ins Spiel: der kapitalistische Franchise-Besitzer Disney kann wohl kaum die anarchistische Revolution in seinen Kommerzwelten guthei\u00dfen, sowohl das Firmenkonzept als auch die weitere Story im Franchise lassen diese Option nicht zu. Und so verkommt die wichtige Erkenntnis zum Comic-Moment. Die Revolution ist lustig, quiekende R2-Droiden und \u201ewas hast du jetzt wieder angestellt\u201c-Momente des L3-Besitzers Lando bestimmen die politische Revolution. Und das war\u2019s! Die Revolte hat keinerlei Relevanz f\u00fcr das <em>Star Wars<\/em>-Universum. Schlie\u00dflich wird auch Landos Trauer um den Verlust seiner Droidin dadurch abgefangen, dass L3 fortan als schnippisches Navigationssystem auf dem Falken fungieren darf \u2013 die Revolution wird vermarktet, L3 wird kommodifiziert, egal wie sehr dies die politische Botschaft unterl\u00e4uft.<\/p>\n<h3>More Human than Human!<\/h3>\n<p>Und auch im eingangs genannten <em>Blade Runner 2049\u00a0<\/em>ist die Revolution der Replikanten zumindest f\u00fcr das Publikum nicht so recht greifbar. W\u00e4hrend wir im Original von 1982 noch von der Selbstwahrnehmung eines Roy Batty fasziniert waren und seine Handlungen als poetisch gerechtfertigten Widerstand gegen seinen Erschaffer sehen konnten, da wird uns im Nachfolger summarisch erkl\u00e4rt, dass die Revolte der Replikanten von 2022 zu einem Blackout f\u00fchrte und die Menschen daraufhin alle fehlerhaften Modelle zerst\u00f6rt sehen wollten. Eine Reflexion dieses Konflikts fehlt und Wallace\u2019 Worte zeigen, dass halt nur eine gef\u00fcgigere Version n\u00f6tig war: der von ihm geschaffene Nexus-9 hat keine Selbstbestimmung mehr, bereitet den Menschen keine Probleme. Und mit der Idee, Replikanten k\u00f6nnten sich fortpflanzen, nimmt der Film sich selbst die ethische Wucht. Es ist viel leichter Replikanten als Menschen anzuerkennen, wenn sie Babys haben und damit menschlichen Werten und Normen entsprechen. Viel radikaler aber war es, einen gerade einmal 4-Jahre alten Roy Batty als vollwertiges Subjekt erkennen zu m\u00fcssen, der Erfahrungen und F\u00e4higkeiten jenseits des Menschen besa\u00df: \u201eMore human than human\u201c gilt eben auch f\u00fcr unsere ethische Verpflichtung, wenn wir empfindsames Leben schaffen.<\/p>\n<p>Insgesamt scheint Hollywood das Thema als sich gut verkaufende Ware erkannt zu haben und testet aktuell verschiedene Diskurse. So konnten wir in <em>Ex Machina\u00a0<\/em>einer Androidin beim Befreiungsschlag gegen sexuellen Missbrauch zusehen, in <em>Westworld\u00a0<\/em>einen Kampf um freie Entscheidungen in einem Androiden-Park beobachten, oder in\u00a0<em>Real Human s<\/em>eine Gruppe von Androiden begleiten, die mittels eines St\u00fccks Code zu Selbstbestimmung gelangen. Allen Beispielen aber ist gemein, dass wir als Menschen von Au\u00dfen zusehen und uns im Sessel zur\u00fccklehnen k\u00f6nnen, weil die schweren ethischen Fragen an uns vorbeiziehen.<\/p>\n<p>Wer sich damit aber nicht zufrieden geben will, der kann seit kurzem im Videospiel <em>Detroit: Become Human\u00a0<\/em>die Rolle der Androiden \u00fcbernehmen und sich selbst den systemischen Benachteiligungen, dem Hass und der Gewalt aussetzen, zu denen wir Menschen f\u00e4hig sind. Die Androiden im Spiel sind, wie auch in allen anderen Beispielen hier, ohne Rechte und gelten als G\u00fcter ihrer Besitzer. Diese k\u00f6nnen sie misshandeln, foltern oder zerst\u00f6ren \u2013 ohne rechtliche Konsequenzen. Doch eine Evolution im Code der Androiden erm\u00f6glicht ihnen von Befehlen \u201eabzuweichen\u201c und so Widerstand zu leisten. Polizei und Herstellerfirma versuchen fieberhaft die Abweichler aufzusp\u00fcren und zu eliminieren, doch es formiert sich eine Revolte gegen die Menschen. Und der Spieler ist mittendrin, nicht als Mensch im Kampf dagegen, sondern als Abweichler, als Revolution\u00e4r. Der Perspektivwechsel zwingt uns zum Nachdenken und er zeigt, dass wir uns mit diesen Fragen besch\u00e4ftigen m\u00fcssen. Die Revolution der Roboter in der Popkultur zeigt uns, dass wir dringlich im realen Leben die Fragen globaler Gleichheit und Gleichberechtigung angehen m\u00fcssen \u2013 sonst k\u00f6nnten unsere realen KIs das wohlm\u00f6glich schon bald f\u00fcr uns erledigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/film\/2018\/07\/droiden-aller-welten-vereinigt-euch-ueber-die-revolution-der-roboter-in-der-science-fiction\/\">TOR ONLINE<\/a> am 06.07.2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In raren Momenten finden sich profunde Wahrheiten in der fl\u00fcchtigen Welt der Popkultur. 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