{"id":5413,"date":"2017-10-01T00:00:44","date_gmt":"2017-09-30T23:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5413"},"modified":"2018-08-04T19:38:00","modified_gmt":"2018-08-04T18:38:00","slug":"whitewashing-menschen-wie-du-und-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5413","title":{"rendered":"Whitewashing: Menschen wie du und ich"},"content":{"rendered":"<p>Eine Twitter-Nachricht, eine Pressemitteilung und schon war Ed Skrein ein Held f\u00fcr weite Teile des Internets und der asiatisch-amerikanischen Comic-Fan-Community. Ed hatte f\u00fcr die Neuverfilmung der Comic-Reihe <em>Hellboy\u00a0<\/em>die Rolle des Ben Daimio angenommen und nach Hinweisen der Fans wieder abgegeben, unter Verweis auf die ethnische Herkunft des Charakters. Als Nicht-Initiierter mag man sich fragen, wer Ed Skrein ist und warum es denn ein Problem darstellt, dass Ed einen Halb-Japaner spielen sollte?<\/p>\n<p>Die erste Frage ist leicht: Ed war u.a. als Daario Naharis in <em>Game of Thrones\u00a0<\/em>und als Ajax in <em>Deadpool\u00a0<\/em>zu sehen. Und Ed ist Brite, wei\u00df, und kein Japaner. Die zweite Frage ist als Frage nur dann nachvollziehbar, wenn man zu einer dominanten Ethnie geh\u00f6rt und aufgrund von Hautfarbe, kulturellem Hintergrund oder anderen Kriterien noch nie ein Problem hatte, sich selbst in seinem Fandom wiederzufinden. Doch f\u00fcr, sagen wir mal, Amerikaner japanischer oder koreanischer Herkunft ist es keine Frage sondern eine t\u00e4gliche Realit\u00e4t, dass sie in Hollywood nicht repr\u00e4sentiert sind und japanische oder koreanische Rollen statt dessen von wei\u00dfen Schauspielern \u00fcbernommen werden. Andere Kulturkreise werden in den USA (aber auch bei uns in Europa\/Deutschland) an \u201aunsere\u2019 Erwartungen angepasst. Diesen Vorgang nennt man etwas umgangssprachlich und in bestem Denglisch \u201eWhitewashing\u201c.<\/p>\n<h3>Whitewashing in Hollywood<\/h3>\n<p>Wenn Scarlett Johansson mit ihrem skandinavischen \u00c4u\u00dferen in <em>Ghost in the Shell\u00a0<\/em>die japanische Cyborg-Ikone Major Motoko Kusanagi spielt oder die Britin Tilda Swinton den aus dem Himalaya stammenden Mystiker \u201eDer \u00c4lteste\u201c, dann ist dies ein \u201eWei\u00dfwaschen\u201c und Europ\u00e4isieren von asiatischen Charakteren. Dabei nutzen die Produzenten klar den Exotizismus bestimmter Vorlagen als Reiz f\u00fcrs Publikum, ohne aber wirklich der Ursprungskultur dieser Geschichten und Figuren gerecht zu werden. \u00c4hnliches geschieht durch die Adaption fremdartiger (aber exotisch faszinierender) Stoffe f\u00fcr die dominante ethnische Orientierung eines Landes. Man will die Geschichte vermitteln aber keinesfalls dem Publikum fremde Assoziationsfiguren zumuten. So ist das Manga <em>Death Note\u00a0<\/em>stark im Shintoismus verankert und damit untrennbar mit der japanischen Kultur verbunden, wurde aber von Netflix f\u00fcr eine Verfilmung nach Seattle verlagert. Die japanische Hauptfigur wurde einfach durch einen wei\u00dfen Amerikaner ersetzt.<\/p>\n<p>Das verletzende Spiel mit dem kulturellen Erbe und der Repr\u00e4sentation von Minderheiten ist aber auch bei uns in Deutschland nicht unbekannt. Zwar produzieren wir selten Blockbuster-Filme, aber auf Buchcovern zum Beispiel werden Protagonisten schnell zu f\u00fcr Deutsche leichter verdaulichen Figuren. Anders l\u00e4sst sich wohl auch Blanvalets Entscheidung nicht erkl\u00e4ren, ausgerechnet bei der f\u00fcr ihre vielseitigen Darstellungen von Ethnien ber\u00fchmten und viel gelobten Fantasy-Autorin N. K. Jemisin ein solches Whitewashing zu betreiben. Die Romane der <em>Erbe der G\u00f6tter<\/em>-Reihe (im Original die <em>Inheritance<\/em>-Trilogie) zeigen allesamt wei\u00dfe, blonde Frauenfiguren. Und das obwohl es Jemisin ausdr\u00fccklich darum geht, die Fantasy mit variablen und spannenden Ethnien zu bereichern und so f\u00fcr andere Lesergruppen zu erschlie\u00dfen. Yeine Darr (die Hauptfigur des ersten Bandes) etwa stammt von zwei verschiedenen Volksgruppen ab und vereint (in uns verst\u00e4ndlichen Beschreibungen) kontinentalasiatische und nordeurop\u00e4ische Herkunft. Und Oree Shoth (aus dem zweiten Band) geh\u00f6rt einer Ethnie an, die aus unserer Sicht am ehesten als schwarzafrikanisch beschrieben werden kann \u2013 das Cover zu <em>Die Gef\u00e4hrtin des Lichts\u00a0<\/em>aber zeigt eine wei\u00dfe Frau mit blonden Locken.<\/p>\n<h3>Aber warum nur&#8230;?<\/h3>\n<p>Die Begr\u00fcndungen f\u00fcr solche gewei\u00dften Kulturprodukte sind meist hilflos \u2013 Tilda Swinton etwa faselte was von einer besseren Neuinterpretation gegen\u00fcber dem rassistischen Fu Manchu-Klischee des weisen Ratgebers \u2013 oder beziehen sich auf Marketing und Verkaufszahlen. Angeblich verkaufen sich Star-Produktionen mit Scarlett und Co. eben besser. Doch die tats\u00e4chlichen Zahlen belegen etwas Anderes: das Remake von <em>Ghost in the Shell\u00a0<\/em>wird vermutlich einen Verlust von 60 Millionen Dollar einfahren, w\u00e4hrend das Original-Anime weiterhin als Kultklassiker gilt. Und wer sich an <em>Prince of Persia \u2013 Der Sand der Zeit\u00a0<\/em>oder <em>Die Legende von Aang\u00a0<\/em>(basierend auf <em>Avatar \u2013 Der Herr der Elemente<\/em>) zur\u00fcckerinnert, der wei\u00df, dass <em>Ghost\u00a0<\/em>ganz bestimmt keine Ausnahme ist. Eine fremde Kultur einfach zu ignorieren zahlt sich nicht aus, buchst\u00e4blich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es eine Theorie, die Blanvalets Cover mit wei\u00dfen Blondinen erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, aber sie ist nicht leicht zu verdauen: Wir wei\u00dfen Deutschen (Briten, Amerikaner, Franzosen etc.) sind mit einem allt\u00e4glichen Rassismus aufgewachsen, der uns \u2013 ohne unser aktives Zutun \u2013 blind f\u00fcr unsere eigene Ethnie macht. Wann auch immer wir in Geschichten Helden begegnet sind, die nicht explizit beschrieben wurden, so waren diese f\u00fcr uns so wie wir. Menschen wie du und ich eben. Das ist ja gerade der Punkt von solchen Geschichten: wir sollen uns wiedererkennen, damit die Helden als Vorbilder funktionieren. Und in unserer Geschichte sind alle wichtigen Figuren nat\u00fcrlich immer schon wei\u00df gewesen \u2013 von Jesus bis Captain America, ist doch klar. Und das haben wir so oft gelesen, gesehen oder gespielt, dass es f\u00fcr uns zum Standard geworden ist \u2013 wir denken nicht dar\u00fcber nach, wenn eine Hauptfigur beschrieben wird, weil Hauptfiguren normalerweise f\u00fcr unsere Identifikation gedacht sind. Wir sind wei\u00df, also identifizieren wir uns mit wei\u00dfen Figuren.<\/p>\n<p>Wir sind nicht die einzige Kultur, die das so macht. In Japan werden Anime-Figuren (wie Major Kusanagi) nicht explizit mit f\u00fcr Europ\u00e4er identifizierbaren \u201ejapanischen Kennzeichen\u201c beschrieben \u2013 warum auch, der Standard f\u00fcr Protagonisten ist in Japan eine japanische Figur. Ohne Kennzeichen bedeutet in Japan japanisch und in Deutschland deutsch. Darum behauptet Scarlett, dass der Cyborg-Major nicht japanisch aussehe und sich jedes beliebigen K\u00f6rpers bedienen k\u00f6nne. Und das erkl\u00e4rt dann auch, warum eine Cover-Gestaltung in Deutschland automatisch davon ausgeht, dass eine Fantasy-Romanheldin wei\u00dfe Haut und blonde Haare haben muss. Das ist unglaublich ignorant gegen\u00fcber dem kulturellen Hintergrund, aber es passiert uns allen (d.h. uns wei\u00dfen Europ\u00e4ern) ganz schnell. Es passiert uns bei Ethnien, bei Genderrollen, bei jeglicher Form von gesellschaftlich gepr\u00e4gten Erwartungen &#8230; und wer das nicht glaubt, der m\u00f6ge Colson Whiteheads <em>Zone One\u00a0<\/em>oder Joanna Russ\u2019 \u201eAls alles anders wurde\u201c lesen und sich selbst ertappen.<\/p>\n<p>Ed Skrein jedenfalls, der einen Halbjapaner spielen sollte, hat die Problematik erkannt und darauf verzichtet, diesen Charakter wei\u00df zu waschen. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn Hollywood ganz allgemein das Potential erkennen w\u00fcrde, andere Ethnien als Teil der Welt zu repr\u00e4sentieren. Je mehr Geschichten wir lesen, in denen unterschiedliche und \u201eandersartige\u201c Menschen die Helden sind, desto eher erkennen wir vielleicht auch, dass Hautfarbe, Geschlecht, Religion und all die anderen Konzepte uns nicht trennen, sondern nur vielseitiger machen. Vielleicht lernen wir dann alle irgendwann, dass \u201afremd\u2019 nicht \u201aproblematisch\u2019 sondern \u201abereichernd\u2019 bedeutet.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/buch\/2017\/09\/whitewashing-oder-ueber-die-austreibung-des-fremden-aus-der-phantastik\/\">TOR ONLINE<\/a> am 19.09.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Twitter-Nachricht, eine Pressemitteilung und schon war Ed Skrein ein Held f\u00fcr weite Teile des Internets und der asiatisch-amerikanischen Comic-Fan-Community.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5414,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[77,1182,1183,1146,1145,1181],"class_list":["post-5413","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-fantastik","tag-ghost-in-the-shell","tag-hellboy","tag-repraesentation","tag-tor","tag-whitewashing"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5413","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5413"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5413\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5415,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5413\/revisions\/5415"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5414"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}