{"id":5416,"date":"2017-06-25T00:00:34","date_gmt":"2017-06-24T23:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5416"},"modified":"2018-08-04T19:43:39","modified_gmt":"2018-08-04T18:43:39","slug":"wonder-woman-feminismus-und-die-schoenheitsfehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5416","title":{"rendered":"Wonder Woman: Feminismus und die Sch\u00f6nheitsfehler"},"content":{"rendered":"<p>Die sch\u00f6nste Aussage zur Frage, warum wir vier weibliche Ghostbusters br\u00e4uchten, fiel auf der NordCon in Hamburg relativ zu Beginn der Diskussionsrunde \u201ePolitik in der Fantastik\u201c. Eine junge Frau sagte, sie h\u00e4tte das Original aus den 80er Jahren geliebt, habe sich aber dort nicht wiedergefunden. Die 2016er Version jedoch bot ihr, und unz\u00e4hligen anderen jungen Frauen, \u00a0vier starke Rollenmodelle, die sie sich aneignen konnte \u2013 so wie es auch die Journalistin <a href=\"http:\/\/www.gamepro.de\/artikel\/ghostbusters,3276921.html\">Rae Grimm<\/a> beschrieben hat und wie es sich jetzt gerade wieder am Beispiel von <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>wiederholt.<\/p>\n<p>Der neue Film des DC Extended Universe ist der erste Mega-Franchise-Blockbuster, der sich traut komplett eine Superheldin, nicht ein m\u00e4nnliches Exemplar, ins Zentrum zu r\u00fccken. Daf\u00fcr wird der Film weltweit mit Lob \u00fcbersch\u00fcttet und als feministisches Leuchtfeuer gefeiert. Und schaut man sich die Memes, Tweet-Storms und Foren-Explosionen an, die um den Film entstanden sind, dann war es h\u00f6chste Zeit, dass Hollywood dem Erfolg von weiblichen Hauptfiguren in Action-Filmen endlich voll und ganz Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<h3>Repr\u00e4sentation und Vorbilder<\/h3>\n<p>Denn Repr\u00e4sentation ist wichtig f\u00fcr die Entwicklung von Kindern. Wer sich selbst in den \u00fcbergro\u00dfen Figuren sieht und danach strebt, so wie sein Idol zu werden, der nimmt auch dessen Werte in sich auf. Aber gerade kleine M\u00e4dchen haben im Kontext gro\u00dfer Action-Franchises, die an den Kinokassen und im Merchandise dominieren, immer noch das Nachsehen. Wenn Rey aus <em>Star Wars\u00a0<\/em>oder Black Widow aus <em>The Avengers\u00a0<\/em>nur schwer als Action-Figuren zu finden sind, dann machen dumme Marketing-Entscheidungen es schwieriger sie in das imaginative Spiel der Kleinen einzubauen. Warum aber sollten nicht auch M\u00e4dchen mit starken Heldinnen aufwachsen? Es gibt unz\u00e4hlige Listen und Memes im Netz, wie sich <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>auf die Sehns\u00fcchte von Kindern auswirkt \u2013 weiblich wie m\u00e4nnlich. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich dr\u00fcckt das Bild von Twitter-User Mike Elston (#5 auf <a href=\"http:\/\/www.boredpanda.com\/wonder-woman-movie-twitter-reactions\/\">dieser Liste<\/a>) das am besten aus \u2013 ein M\u00e4dchen im Wonder Woman-Kost\u00fcm blickt sehns\u00fcchtig auf zu einer riesigen Gal Gadot auf einem <em>Justice League<\/em>-Teaserposter.<\/p>\n<p>Die wirkungsvollsten Szenen im Film finden sich dann auch am Anfang: die 8-j\u00e4hrige Diana (Lilly Aspel) flieht vor ihrer Amme und beobachtet das Training der Amazonen. Sie imitiert mit leuchtenden Augen die Kampfk\u00fcnste ihrer Tante Antiope (Robin Wright) und will unbedingt selbst k\u00e4mpfen lernen. Ihre Mutter Hippolyta (Connie Nielson) jedoch will sie beh\u00fctet sehen, will ihre Prinzessin nicht zur K\u00e4mpferin werden lassen. Doch Dianas Wille ist stark und in ihrer Tante hat sie ein Vorbild, dem sie nacheifert und so wird sie zur st\u00e4rksten K\u00e4mpferin der Amazonen, so wird sie zur Heldin. Es w\u00e4re uns allen zu w\u00fcnschen, dass wir es schaffen diesen Prozess im realen Leben zu imitieren und eine Generation von jungen M\u00e4dchen dazu inspirieren wie Rey oder Diana zu werden. Dass <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>der erfolgreichste Film des DC Extended Universe ist und selbst bei Marvel bisher nur von <em>Iron Man<\/em>\u00fcberfl\u00fcgelt wird, ist ein Zeichen, dass diese Art der Repr\u00e4sentation mehr als \u00fcberf\u00e4llig war.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n ist an dem Film auch, wie <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>den Gestus und die Attit\u00fcde von Superhelden aufgreift und Diana selbstverst\u00e4ndlich die F\u00fchrung \u00fcbernimmt \u2013 ganz egal, was eine britische Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts davon halten m\u00f6ge, oder wie ihre m\u00e4nnlichen Begleiter sich dabei f\u00fchlen. Wenn M\u00e4nner gerettet werden m\u00fcssen (vor dem Ertrinken, vor Kugeln) und ihr Ego dadurch angeschlagen ist, wenn sich ihre Gedanken um die Sch\u00f6nheit der Amazone drehen (und diese das alles komplett kalt l\u00e4sst), oder wenn sie buchst\u00e4blich vor ihr in die Knie gehen, um Diana ein Sprungbrett zu liefern, immer dann ist der Film sich der Gesten und Klischees bewusst, die im Genre \u00fcblicherweise f\u00fcr Frauen reserviert sind. Das ist eine Wohltat und hat im Kinosaal so mancher Frau ein Johlen entlockt. Denn wo Ripley in <em>Alien<\/em>1979 noch entsexualisiert wurde, da zelebriert <em>Wonder Woman<\/em>den Reiz auf M\u00e4nner, den eine Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin in die Rolle einbringt, ohne dabei die Frau im m\u00e4nnlichen Blick zum reinen Objekt zu machen.<\/p>\n<h3>Und doch ein paar Probleme &#8230;<\/h3>\n<p>Und da mag dann auch das gr\u00f6\u00dfte Problem des Films liegen \u2013 denn als Ikone des Feminismus kann der Film nur gelten, wenn man den Begriff eng eingrenzt und eben nicht im maximalen Sinne als Gleichstellung aller versteht. <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>schreckt vor dem Potential der Comic-Vorlage zur\u00fcck und l\u00e4sst die feministische Repr\u00e4sentation von gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder auch \u201ePersons of Color\u201c (POC) nicht zu. Das ist extrem schade, wird der Film doch damit zu schnell Opfer von Vorw\u00fcrfen eines wei\u00dfen, normativen Feminismus, der sich der Verschr\u00e4nkung mit anderen Ungleichberechtigungen nicht bewusst ist.<\/p>\n<p>So fehlen im Film repr\u00e4sentative Rollen f\u00fcr dunkelh\u00e4utige Menschen, auch wenn die Gesellschaft auf der Insel Themyscira egalit\u00e4r ist und Amazonen jeglicher Hautfarbe zeigt. Dennoch sind die aktiven Sprechrollen, ebenso wie die herrschenden Positionen der Gesellschaft wei\u00dfen Charakteren vorbehalten. Dianas Kinderm\u00e4dchen \u2013 welch Klischee \u2013 ist schwarz und darf einzig hilflos deren Namen artikulieren w\u00e4hrend die Prinzessin ihren eigenen Willen durchsetzt. Eine relevante Rolle etwa, wie sie im Comic in Dianas Schwester Nubia zu finden ist, vermisst man v\u00f6llig \u2013 vielleicht darf man in einem zweiten Film darauf hoffen. Auch im Hintergrund der Stadt London oder im Kriegspersonal sieht man dunkelh\u00e4utige Menschen nur selten. Und unter den handelnden Personen muss der Trickbetr\u00fcger Sameer (Sa\u00efd Taghmaoui) als einzige Repr\u00e4sentation eines nicht-wei\u00dfen Menschen dienen.<\/p>\n<p>Ebenso problematisch und in Hinsicht auf den Plot auch noch arg dominant in Szene gesetzt ist die Heteronormativit\u00e4t des Films \u2013 also das Bed\u00fcrfnis Hollywoods eine starke Frau unbedingt in eine Liebesbeziehung mit einem Mann zu zw\u00e4ngen, egal ob das nun zum Charakter passt oder nicht. Dabei werden andere Beziehungsmodelle gar nicht erst gezeigt oder besprochen. Das Leben in einer rein weiblichen Gesellschaft, die vermutlich meist lesbische Beziehungen hervorbringt, wird im Film entsprechend so dezent angedeutet, dass die minimalen Gesten schnell \u00fcbersehen werden. Und auch wenn Diana laut Comic-Vorlage bisexuell ist und im Film eine Faszination f\u00fcr Steve Trevor (Chris Pine) entwickelt, w\u00e4re hier eine Bezugnahme zur Sexualit\u00e4t auf der Insel und die v\u00f6llige Normalit\u00e4t und Akzeptanz lesbischer Beziehungen sowohl notwendig als auch v\u00f6llig unproblematisch gewesen. Nur leider fehlt diese und somit ist eine Chance vergeben worden, die nur schwer wieder aufzuholen ist. Wenn Diana zum ersten Mal einem Mann begegnet und sich in ihn verliebt, ihn zum ersten Mal k\u00fcsst und eine Nacht mit ihm verbringt \u2013 in all diesen Moment best\u00fcnde die Chance aber auch die Notwendigkeit sexuelle Orientierung zu thematisieren. Das wird im zweiten Film nur deutlich konstruierter m\u00f6glich sein und daher wahrscheinlich nicht passieren.<\/p>\n<p>Insgesamt ist der Film ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung, bietet er doch einen ganz wundervollen Gegenpol zu all den Testosteron-Orgien, die sonst im Actionkino stattfinden. <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>zeigt mit Diana eine starke Heldin, die ein Vorbild f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungen gleicherma\u00dfen sein kann. Und der Film bietet auch \u00e4lteren Generationen einen grandiosen Moment der Befreiung von Stereotypen, wenn Prinzessin Buttercup (Robin Wright in <em>Die Braut des Prinzen\u00a0<\/em>von 1987) durch brillantes Casting in <em>Wonder Woman\u00a0<\/em>zu General Antiope wird. Nach Leia Organa (Carrie Fisher) ist sie damit die zweite Ikone des fantastischen Films, die zu Macht gelangt ist und somit v\u00f6llig berechtigt das Meme \u201eI\u2019ve seen my princesses become generals\u201c (\u201eIch habe meine Prinzessinnen Generale werden sehen\u201c) ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Bei all dieser positiven Resonanz ist es eigentlich schade, dass die UN Wonder Woman nach nur 2 Monaten als Sonderbotschafterin wieder abgesetzt hat \u2013 Fiktionalit\u00e4t hin oder her. Denn eines zeigt der Film mehr als deutlich: dass wir eine umso reichere Gesellschaft werden, wenn wir in unseren K\u00f6pfen frei werden. Wenn wir Gender, sexuelle Orientierung, Ethnie, Herkunft, Schicht und all die anderen Grenzen einrei\u00dfen und einfach Werte und \u00dcberzeugungen transportieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/film\/2017\/06\/wonder-woman\/\">TOR ONLINE<\/a> am 19.06.2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sch\u00f6nste Aussage zur Frage, warum wir vier weibliche Ghostbusters br\u00e4uchten, fiel auf der NordCon in Hamburg relativ zu Beginn<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5417,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,114],"tags":[1156,77,1184,1158,1146,1145,1185],"class_list":["post-5416","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-kolumnen","tag-diversity","tag-fantastik","tag-feminismus","tag-gender","tag-repraesentation","tag-tor","tag-wonder-woman"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5416","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5416"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5418,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5416\/revisions\/5418"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5417"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}