{"id":5461,"date":"2018-06-01T00:00:25","date_gmt":"2018-05-31T23:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5461"},"modified":"2018-08-05T08:14:56","modified_gmt":"2018-08-05T07:14:56","slug":"artikel-im-programmheft-des-cine-rex-in-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5461","title":{"rendered":"Artikel im Programmheft des CIN\u00c9 REX in Bern"},"content":{"rendered":"<h1><strong>This is the End<\/strong><\/h1>\n<p>M\u00f6glichkeiten, wie diese unsere Welt ein Ende finden k\u00f6nnte, gibt es gen\u00fcgend \u2013 und das nicht erst seit Donald Trump. Doch gerade das Wiederaufkeimen nationalistischer Isolationspolitik und die damit verbundene Bedrohung durch Kriege jeglicher Art oder die Destabilisierung globaler Systeme (sozial, \u00f6konomisch, \u00f6kologisch) zeugt davon, wie fragil unsere Existenz auf diesem Planeten ist. Untergangsszenarien sind keineswegs eine Erfindung unserer Zeit, erfreuen sich aber im Moment eben aufgrund dieser neuen komplexen Bedrohungen einer erh\u00f6hten Beliebtheit beim Publikum. Vor allem aus Hollywood findet sich ein stetiger Strom neuer Produktionen, die das Ende der Welt, wie wir sie kennen, voraussagen.<\/p>\n<p>In der aktuellen Kinoproduktion \u00fcberwiegen die actionreichen Szenarien: die Zerst\u00f6rung erfolgt durch Alien-Invasionen oder vom Menschen selbst generierte technologische Entwicklungen wie Viren oder Genmutationen. In ihnen dr\u00fccken sich \u00c4ngste aus, selbst das Opfer einer nationalistischen Expansionspolitik zu werden oder sich durch die globale soziale Ungerechtigkeit einer Bedrohung durch das Fremde ausgesetzt zu sehen. H. G. Wells, dessen Roman Der Krieg der Welten(1898) als erstes ber\u00fchmtes Beispiel der Invasionsthematik gelten mag, bezog sich in seiner Vision vom Einmarsch der Marsianer auf die britische Kolonialpolitik und die r\u00fccksichtslose Invasion des Empire in Afrika und Asien. Es kann also schon als ironisch gesehen werden, dass dessen aktuellste Verfilmung von Steven Spielberg der amerikanischen Seele 2005 eine M\u00f6glichkeit zur Verarbeitung des 9\/11-Traumas verschaffen wollte, dabei aber Parallelen zur milit\u00e4rische Invasion des Iraks produzierte.<\/p>\n<p>Die Bedrohung durch das Fremde, aktuell das wohl dominanteste Thema der US Regierung und seines cholerischen Pr\u00e4sidenten, ist aber nicht nur Ausdruck f\u00fcr Sorgen um nationale Konflikte, sondern ebenso Reflexionsfl\u00e4che einer anwachsenden sozialen Ungleichheit. So waren die kulturellen Umsetzungen solcher Invasionen Mitte des 20. Jahrhunderts noch ideologisch motiviert, wie etwa in Don Siegels Film Invasion of the Body Snatchers (1956), der als Ausdruck der Angst vor Unterwanderung durch den Kommunismus gelesen werden kann. 12 Jahre sp\u00e4ter erschafft der junge Regisseur George A. Romero mit Night of the Living Dead (1968) einen Film, dessen Monster-Figur \u2013 der Zombie \u2013\u00a0sich \u00fcber Jahrzehnte als produktive Folie f\u00fcr ver\u00e4ndernde \u00c4ngste und Probleme der westlichen Gesellschaft erweist, vom hirnlosen Konsum einer voll und ganz kapitalistischen Welt bis zur Fl\u00fcchtlingskrise im Nahen Osten. In Nightzeigt sich aber am eindrucksvollsten, wie schnell institutionelle Kontrolle verloren geht und der Nachbar, den man zu kennen meint zur Bedrohung f\u00fcr das eigene Leben werden kann. Die Welt, wie sie war \u2013 so heimelig und sicher \u2013 wird danach nie wieder so sein wie zuvor. Das Ende ist hier symbolisch, der Zusammenbruch einer Illusion von Sicherheit.<\/p>\n<p>Basierend ist dieses Sicherheitsgef\u00fchlt auf der Macht der Institutionen, sowohl der Staatsorgane des Inneren, die in Nightversagen, als auch der Staatsorgane des \u00c4u\u00dferen, die zur selben Zeit am anderen Ende der Welt einen Krieg f\u00fchren. Das Trauma des Vietnamkrieges, in dem die milit\u00e4rische \u00dcbermacht der USA an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft, ist ebenfalls ein Weltuntergang. Im Konflikt mit dem kommunistischen Vietcong muss erstmals die vermeintlich weltoffene und positive Ideologie der USA, der es auf dem Papier um die Befreiung des Landes und die Errichtung einer Demokratie geht, eine herbe Niederlage einstecken. In Apocalypse Now (1979) f\u00fchrt Francis Ford Coppola den Zuschauern vor, mit welcher Unmenschlichkeit das Unterfangen der Demokratisierung vorangetrieben wird und welchen individuellen Preis die US-Soldaten in der H\u00f6lle des Dschungels daf\u00fcr zahlen. Das Grauen, dem Captain Willard (Martin Sheen) im Herz der Dunkelheit begegnet, wirkt sich auch in der amerikanischen Zivilbev\u00f6lkerung aus \u2013 es zeigt das Ende eines gro\u00dfen historischen Narrativs, die USA k\u00f6nnen sich nach Vietnam nicht mehr als rechtschaffene Befreier sehen.<\/p>\n<p>Vietnam ist jedoch nur ein Stellvertreterkonflikt, liegt die eigentliche Bedrohung doch im Gegenpol der UdSSR, mit denen sich die USA in einem bedrohlichen Kalten Krieg befinden. Der nukleare Machtvergleich und die ewige Drohkulisse station\u00e4re und mobiler Raketenbasen in Reichweite des Gegners befl\u00fcgeln die Endzeit-Fantasien auch in Hollywood. On the Beach(1959) von Stanley Kramer etwa zeigt nicht den Konflikt selbst, sondern konzentriert sich auf das langsame und schleichende Ende durch nukleare Verstrahlung und die Unm\u00f6glichkeit einem solchen Ereignis zu entkommen. Selbst im abgelegenen Australien nimmt die Trag\u00f6die unaufhaltsam ihren Lauf. Dahingegen ringt Stanley Kubrick der \u201ewechselseitig zugesicherten Zerst\u00f6rung\u201c in seinem Film Dr. Strangelove (1964) einen makabren Galgenhumor ab. Am Ende des Films wird die diplomatische Logik des Kalten Krieges als derart absurd entlarvt, dass allen Beteiligten nur der manische Ritt auf der Bombe bleibt. Unser eigener Erfindungsreichtum erm\u00f6glicht mit perfider Perfektion die Selbstzerst\u00f6rung \u2013 die Atombombe als Zerst\u00f6rer der Welten, wie Oppenheimer weltbekannt die Bhagavad Gita zitierte.<\/p>\n<p>Doch die wenigsten Filme, die das Ende thematisieren sind so radikal und lassen nur noch Schutt und Asche im Nachhall von Atompilzen zur\u00fcck. Vielmehr ist die Besch\u00e4ftigung mit dem Ende ein Weg der Menschen die aktuelle Situation unter neuen Gesichtspunkten zu betrachten und daraus neben der Kritik eben auch abzuleiten, welche Chancen in einem solchen Neuanfang zu liegen verm\u00f6gen. Weltuntergang beinhaltet auch das Potential, es noch einmal neu und anders zu versuchen. So zeigt bereits einer der ersten Katastrophenfilme der Filmgeschichte, Verdens Undergang (1916) von August Blom, ein Leben nach dem Untergang im finalen Bild des Films: zwei Menschen kniend vor den Ruinen einer Kirche, sich gegenseitig in den Armen halten, den Blick zu Gott in den Himmel gerichtet.<\/p>\n<p>Im symbolischen Neuanfang, in den einsamen Menschen, die sich eine ver\u00e4nderte und v\u00f6llig zerst\u00f6rte Welt neu urbar machen m\u00fcssen, darin liegt der abschlie\u00dfende Kommentar des apokalyptischen Films. Selbst wenn die Welt uns feindlich gesonnen ist, durch Klimawandel und Naturkatastrophen, so scheint uns Bong Joon-ho am Ende von Snowpiercer (2013) sagen zu wollen, wenn die Welt nur noch aus Eis besteht, dann haben wir die M\u00f6glichkeit den Zug anzuhalten und auf das Sonnenlicht zu hoffen. Oder aber wir \u00fcberlassen die Welt den Anderen, die sie vielleicht besser behandeln. So, wenn auch vermutlich subversiv verstanden, k\u00f6nnte man n\u00e4mlich auch Franklin Schaffners Planet of the Apes (1968) verstehen, der nach den Menschen einer anderen Spezies an die Spitze der Evolution verhilft. Vielleicht, so die Hoffnung, machen die Affen es ja besser \u2013 wenn sie nur nicht die Fehler der Menschen wiederholen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>This is the End M\u00f6glichkeiten, wie diese unsere Welt ein Ende finden k\u00f6nnte, gibt es gen\u00fcgend \u2013 und das nicht<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5462,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,6,934,184],"tags":[1204,1205,1016,1202,190,1203],"class_list":["post-5461","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-film","category-kultur","category-pr","tag-bern","tag-cine-bern","tag-film","tag-kino","tag-pr-2","tag-untergang"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5461","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5461"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5461\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5463,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5461\/revisions\/5463"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5462"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5461"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}