{"id":5465,"date":"2018-08-19T00:00:55","date_gmt":"2018-08-18T23:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5465"},"modified":"2018-08-19T13:23:20","modified_gmt":"2018-08-19T12:23:20","slug":"illegal-aliens-von-intergalaktischen-und-anderen-fluchtbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5465","title":{"rendered":"\u201eIllegal Aliens\u201c \u2013 Von intergalaktischen und anderen Fluchtbewegungen"},"content":{"rendered":"<p>Eine un\u00fcberwindliche Mauer durchzieht die W\u00fcste, ihre Spitze s\u00e4umt NATO-Draht, dessen Rasiermesserklingen in der gl\u00fchenden Sonne gl\u00e4nzen. Kamerat\u00fcrme alle paar hundert Meter \u00fcberwachen den Grenzbereich und \u00fcber allem schwirren Dronen, die mit MGs bewaffnet sind und daf\u00fcr sorgen, dass niemand illegal in das Land im Norden eindringen. Sollte sich doch ein Ungl\u00fccklicher \u00fcber das Hindernis wagen, wird scharf geschossen. &#8230;<\/p>\n<p>Ein Szenario, das ebenso plausibel nach einem feuchten Traum Donald Trumps klingt, wie nach der dystopischen Vision eines Science-Fiction-Films. Tats\u00e4chlich wird die totale Abschottung der USA in Alex Riveras mexikanischem Film <em>Sleep Dealer\u00a0<\/em>(2008) als L\u00f6sung gegen ungewollte Migrationsbewegungen gezeigt. Im Film ben\u00f6tigen die Amerikaner der Zukunft dank einer neuen Technologie zur Fernsteuerung via Gehirnwellen die Mexikaner nicht mehr als Servicekr\u00e4fte. Stattdessen l\u00e4sst man deren Arbeitskraft (\u201eall the work, without the workers\u201c) in Fabriken mittels neuraler Knoten zur Steuerung von Maschinen fern-\u00fcbertragen. Mexikanische Gehirne steuern Reinigungsmaschinen und Bau-Roboter in den USA, mexikanische K\u00f6rper sterben in Armut in Tijuana. Kein Amerikaner muss mehr mit den sozialen Sorgen der Einwanderer konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Angesichts der sich immer weiter radikalisierenden Rhetorik der Politik in vielen L\u00e4ndern Europas und Nordamerikas und der massiven globalen Konflikte und Probleme (Krieg, Vertreibung, Armut, etc.) ist es wohl kein Wunder, dass wir gerade in den letzten Jahren den Themenkomplex Flucht und Migration auch verst\u00e4rkt in der Fantastik wahrnehmen. Dass ganze Volksgruppen vor Gewalt, Leid und Ungerechtigkeit fliehen m\u00fcssen ist aber nicht wirklich ein neues Thema. So findet man schon in Tolkiens <em>Hobbit\u00a0<\/em>das Motiv in den Zwergen, die von Smaug aus ihrem Berg vertrieben wurden. Wie aktuell das f\u00fcr uns ist, zeigt die Untersuchung des World Hobbit Project, bei dem Forscher die Publikumsreaktionen zu Peter Jacksons Verfilmungen ausgewertet haben. Flucht wurde hier von einigen Zuschauern durchaus als zentrales Motiv der Filme angegeben (siehe <a href=\"http:\/\/www.participations.org\/Volume%2013\/Issue%202\/s1\/5.pdf\">folgenden Artikel<\/a>).<\/p>\n<p>Aber auch und gerade in aktuellen Produktion wird das Thema vielseitig diskutiert. Dabei ist deutlich erkennbar, wie komplex Migration und Flucht sind und wie schwierig eine ideologische Positionierung etwa f\u00fcr Kreative ist. In den Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre scheint zwar einerseits sowas wie ein Boom der Vertreibungen eingetreten zu sein, andererseits ist die Darstellung nicht immer unproblematisch.<\/p>\n<p>Eines der bekanntesten Beispiele ist sicherlich <em>Battlestar Galatica\u00a0<\/em>(2003, 2004-09), wo der Krieg mit den Zylonen die Menschen nahezu vernichtet und der Rest als Vertriebene durch das All flieht, konstant neue Angriffe der Zylonen f\u00fcrchtend. Ethisch kompliziert wird diese Flucht-Geschichte durch die Historie der Zylonen, die als Sklaven von und f\u00fcr Menschen entwickelt wurden und sp\u00e4ter f\u00fcr eigene B\u00fcrgerrechte revoltierten (Link zu meinem Artikel \u00fcber Robotersklaven). Die Serie zeigt damit auf, dass Krieg und Vertreibung letztlich selbstverursacht sind. Eine ethisch \u201erichtige\u201c Position in globalen Konflikten wie diesem \u2013 und damit allegorisch dem US-Krieg gegen den Terror \u2013 ist nicht wirklich m\u00f6glich. Flucht und Migration sind hier Nebenwirkungen politischer Machtbestrebungen und inh\u00e4renter Ungleichbehandlungen in der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Das Erbe der Vergangenheit ist auch das Thema in den folgenden Beispielen. Den Bewohnern von Asgard wird ihre gewaltt\u00e4tige und koloniale Vergangenheit in <em>Thor: Ragnarok\u00a0<\/em>(2017) zum Verh\u00e4ngnis, als sie in Form der Todesg\u00f6ttin Hela zur\u00fcckkehrt und neu die Macht ergreift. Der Film zeigt, dass selbst vermeintlich paradiesische und zivilisierte Gesellschaften eine dunkle und gewaltt\u00e4tige Vergangenheit haben, die jederzeit wieder manifest werden kann. Hela wird zur autokratischen Herrscherin, inklusive Milit\u00e4raufr\u00fcstung, ikonoklastischer Zerst\u00f6rungswut und Verfolgung anders Denkender. Am Ende m\u00fcssen Thor und die verbleibenden Asgardianer in Richtung Erde fliehen und ihre Heimat vollends aufgeben. Problematisch in Hinsicht auf die Darstellung von Flucht und Migration ist hier vor allem, dass die Fl\u00fcchtenden den westlichen Gesellschaften \u00e4hneln und sogar als \u00fcberlegene Kultur dargestellt werden \u2013 schlie\u00dflich ist Asgard die Heimat der nordischen G\u00f6tter. Eine \u00e4hnliche Position vermitteln auch die neuen <em>Star Trek<\/em>-Filme (2009-16), in denen Vulkan zerst\u00f6rt wird und die verbleibenden Vulkanier zur Migration gezwungen sind. Ihre technologische wie auch spirituelle Hochkultur f\u00fchrt aber nicht zu Ausgrenzungen und Diskriminierungen, sondern zu relativ unkomplozierter Assimilation in der F\u00f6deration. Probleme aktueller, realer Fluchtbewegungen und deren \u00fcberw\u00e4ltigend negative Darstellung sind hier ausgeblendet. Die Fl\u00fcchtenden sind keine illegalen Grenz\u00fcbertreter, kommen nicht wie eine Naturkatastrophe als \u00dcberschwemmung daher oder bringen nur Gewalt und Verbrechen mit sich. Vulkanier und Asgardianer sind durchweg positiv konnotiert und werden im Sinne einer menschlichen Willkommenskultur akzeptiert.<\/p>\n<p>Ganz anders ergeht es aber Aliens, die sich deutlich im Aussehen und Verhalten von den Menschen unterscheiden wie die als \u201eShrimp\u201c bezeichneten Au\u00dferirdischen des Films <em>District 9\u00a0<\/em>(2009). Regisseur Neill Blomkamp nutzt die Aliens als Bild f\u00fcr Wirtschaftsmigration, f\u00fcr gestrandete Unterprivilegierte, die von den Beh\u00f6rden mittels Segregation und Unterdr\u00fcckung nur noch weiter misshandelt werden. Der Film zeigt die unfreiwillige Ghettobildung, die fehlende Integration und den zwangsweise folgenden Abstieg in Sucht, Verbrechen und Elend. Als Allegorie hat der Film angesichts zu Tausenden in Europa strandender Gefl\u00fcchteter aus Afrika und der diskutierten Migrationslager und Ankerzentren eine zeitgeschichtliche Bedeutung erlangt, die 2009 in diesem Ma\u00df nicht abzusehen war. Die R\u00e4umung von Lagern durch die Staatsgewalt, der systemische wie individuell pr\u00e4sente Rassismus gegen die \u201eAliens\u201c und deren medial generierte Darstellung als Verbrecher und Drogens\u00fcchtige zeigen die auch heute wirkenden Mechanismen, mit denen Fl\u00fcchtlinge entmenschlicht werden.<\/p>\n<p>Wie drastisch eine Abwehrreaktion auf als ungerechtfertigt angesehene Flucht \u2013 was wir Wirtschaftsflucht nennen \u2013 sein kann, zeigt Regisseur Blomkamp in einem anderen Film. <em>Elysium\u00a0<\/em>(2013) kehrt das Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle zwischen den USA und Mexiko in ein buchst\u00e4bliches Oben-Unten. Die orbitale Station Elysium bietet dem Top-1% der Menschheit, den Reichen und Erfolgreichen, eine Trutzburg gegen die dreckigen, armen und ums \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Massen auf der Erde. Mit Raketen werden unbewaffnet Fl\u00fcchtlingsschiffe abgeschossen, mit Kampfdronen eine Mutter und ihre kranke Tochter verfolgt und gewaltsam aus dem Paradies extrahiert. Im Film steht Elysium ein f\u00fcr all die Segnungen, die unsere westliche Welt auch heute repr\u00e4sentiert: wirtschaftliche Sicherheit, medizinische Versorgung, stabile Institutionen. Im Gegenzug zeigt die Erde deutlich auf, welche Situation zur Flucht f\u00fchrt: Armut, Chancenlosigkeit, Elend, Korruption, Gewalt \u2013 alles ausgel\u00f6st durch die mit brutaler Gewalt durchgesetzte Ungleichheit der Lebenswelten und die Entmenschlichung und Ausbeutung der Massen. Wenn Elysium aber als Botschaft gelesen werden soll und wir mit Protagonist Max mitf\u00fchlen, dann vergessen wir dabei zu leicht, dass wir \u2013 hier in Europa \u2013 f\u00fcr die \u00fcber das Mittelmeer kommenden Fl\u00fcchtlinge das Elysium sind, das seine Tore schlie\u00dft und etwa die Landung in Italiens oder Maltas H\u00e4fen verweigert.<\/p>\n<p>Science-Fiction (und Fantasy) erlaubt uns, wie auch bei anderen schwierigen Themen der Zeit, zu Flucht und Migration andere Perspektiven einzunehmen. Wir k\u00f6nnen Max\u2019 Ausbeutung erfahren und sein Bed\u00fcrfnis danach eine Chance im Leben zu haben, wir k\u00f6nnen die Wandlung von Wikus erkennen, der in <em>District 9\u00a0<\/em>erst als Mitl\u00e4ufer-B\u00fcrokrat die Entscheidung der Umsiedlung sch\u00f6nredet und dann pl\u00f6tzlich am eigenen K\u00f6rper die Diskriminierung erf\u00e4hrt, weil er selbst zum ausgesto\u00dfenen Alien wird \u2013 eine Erfahrung, die man so manchem starrk\u00f6pfigen bayrischen Politiker auch g\u00f6nnen mag. Und wir erkennen mit der Crew der Galactica, dass wir selbst nicht unerheblichen Anteil daran hatten, die Situation herbeigef\u00fchrt zu haben. Der vermeintliche Feind ist genauso Mensch mit \u00c4ngsten und Sorgen und der Fl\u00fcchtende hat dieselben Bed\u00fcrfnisse nach Sicherheit und Wohlstand wie wir selbst. Vielleicht lernen wir sogar was daraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/feature\/film\/2018\/08\/illegal-aliens-flucht-und-migration-in-der-science-fiction\/\">Tor-Online<\/a> am 13.08.2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine un\u00fcberwindliche Mauer durchzieht die W\u00fcste, ihre Spitze s\u00e4umt NATO-Draht, dessen Rasiermesserklingen in der gl\u00fchenden Sonne gl\u00e4nzen. 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