{"id":5724,"date":"2019-04-01T10:19:46","date_gmt":"2019-04-01T09:19:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5724"},"modified":"2019-04-14T10:25:10","modified_gmt":"2019-04-14T09:25:10","slug":"buch-tipp-nnedi-okorafor-binti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5724","title":{"rendered":"Buch-Tipp: Nnedi Okorafor \u2013 Binti"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich besteht der aktuelle Roman von Nnedi Okorafor aus drei separat ver\u00f6ffentlichten Novellen, die aktuell nur noch als Ebooks erh\u00e4ltlich sind und nun im aktuellen Herbstprogramm noch einmal gesammelt in Buchform erscheinen. In den Erz\u00e4hlungen zeichnet Okorafor die Entwicklung der namensgebenden jungen Frau Binti nach, die als Angeh\u00f6rige der Himba-Minderheit in einem von Khousch besiedelten Afrika lebt und von einer Ausbildung an der intergalaktischen Universit\u00e4t von Oomza tr\u00e4umt. Als sie einen Studienplatz erh\u00e4lt, macht sie sich \u2013 gegen den Willen ihrer Familie und als erste Himba \u00fcberhaupt \u2013 auf den Weg nach Oomza. Dabei ger\u00e4t sie mitten in einen immer noch schwelenden interplanetaren Konflikt zwischen Khoush und den Medusen, einer als besonders kriegerisch und blutr\u00fcnstig verschrienen Spezies. Auf dem Weg nach Oomza wird das Schiff von den Medusen angegriffen und alle Khoush an Bord get\u00f6tet. Doch die Begegnung mit Binti verl\u00e4uft unerwartet: Binti hat eine alte Himba-Technologie, die es ihr erlaubt mit den Medusen zu kommunizieren und ihre traditionelle Erdschicht, die ihren ganzen K\u00f6rper bedeckt und sie unter den Khoush als \u201eanders\u201c stigmatisiert wird hier zu ihrem Vorteil. Die Medusen entdecken, dass das Otijze heilende Wirkung hat. Binti \u00fcberlebt den Angriff nicht nur, sie schlie\u00dft Freundschaft mit einem der Medusen und wird sp\u00e4ter sogar genetisch zum ersten Interspezies-Hybriden ver\u00e4ndert. Binti wird zum Botschafter eines m\u00f6glichen Friedens zwischen Menschen und Medusen.<\/p>\n<p>In <em>Binti\u00a0<\/em>bricht Okorafor mit dem Motiv des ersten Kontakts als stereotyper Science-Fiction-Trope gleich in mehrerlei Hinsicht. Zum einen hinterfragt Okorafor die in der SF weit verbreitete Idee, dass ein Planet sich durch eine Ethnie vertreten l\u00e4sst und zeigt so auf, wie dominante Kulturen das Bild der Welt pr\u00e4gen. Im Gegensatz zu den technologisch fortgeschrittenen, aggressiv nach ihrem Vorteil suchenden und das Weltall besiedelnden Khoush sind die Himba eine besonders traditionsbewusste und mit der Natur, vor allem der W\u00fcste, verbundene Kultur, die stark durch Mythen und Ahnenglauben gepr\u00e4gt ist. Eine solche Kultur sucht eben nicht nach neuem Lebensraum, sie erforscht nicht das Unbekannte und ger\u00e4t so eben auch nicht in Konflikte. Und doch, so zeigt sich an Binti, kann es in einer sonst relativ homogen wirkenden Gruppe Einzelne geben, die sich gegen die Traditionen stellen. Die Idee, vielschichtiger und variabel agierender Individuen innerhalb einer Gruppe widerspricht vehement der simplen Sicht etwa der typischen Space Opera, in der ein Planet eine dominante Spezies hat, die in Konflikten uniforme Ziele verfolgt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus trifft Binti in den Medusen auf Aliens, die ebenso vielschichtig und variabel sind. Okorafor urteilt \u00fcber keine der handelnden Gruppen pauschal, sondern zeigt auch bei den Medusen, wie komplex deren Kultur ist. Die Vorurteile und Ger\u00fcchte \u00fcber das brutale kriegerische Verhalten der Spezies werden in der Begegnung mit Binti, deren eigener Verwandlung und deren Freundschaft zu Okwu, einem Medusen und Studenten der Oomza Universit\u00e4t, wirksam unterlaufen. Okwu zeigt uns, dass die Medusen-Gesellschaft Konflikte durch St\u00e4rke und Kampf l\u00f6st und dass ehrvolles Handeln von oberster Bedeutung ist. Im Gegensatz zu den Klingonen in fr\u00fchen Darstellungen bei <em>Star Trek<\/em>, verkommen die Medusen jedoch keineswegs zu einseitigen Klischees, sondern werden als komplexe und fremdartige Wesen gezeigt. Okwu begleitet Binti in der zweiten Erz\u00e4hlung nach Hause und ist erstaunt \u00fcber die Konflikte, die Binti dort zu l\u00f6sen hat, er ist aber auch fasziniert von den traditionellen Himba und deren Beziehungen untereinander.<\/p>\n<p>Denn, und das ist vielleicht die wichtigste Subversion des Erster-Kontakt-Motivs, die Himba sind bereits eine fremdartige Kultur in den Reihen der Khoush. Die rote Erdpaste Otijze, die f\u00fcr Himba eine sakrale Verbindung mit der Heimat und ein Schutz vor Umwelteinfl\u00fcssen zugleich ist, gilt den Khoush als fremd und schmutzig. In den Augen der Medusen jedoch wird Otijze zur heilenden Kraft. So wird deutlich, dass Binti teils mehr mit Okwu verbindet als mit den Menschen um sie herum. Als Binti in Begleitung des Medusen auf die Erde zur\u00fcckkehrt, da muss sie vor allem die Ablehnung und die Vorurteile der Khoush \u00fcberwinden. Doch auch ihre eigene Kultur sieht das Verhalten, das Weggehen aus der Heimat, die Verbindung mit und die genetische Ver\u00e4nderung durch die Medusen als einen Affront gegen die Traditionen und Ahnen der Himba. In den vielschichtigen Beziehungen der einzelnen Gruppen zueinander \u2013 Khoush, Himba, Medusen \u2013\u00a0zeigt der Roman auf, wie komplex und verworren unser Miteinander sein kann, wie kulturelle Unterschiede im Weg stehen, wenn wir doch eigentlich Integration und Kommunikation erreichen wollen. Und so dreht sich <em>Binti<\/em>dann nicht nur um den ersten Kontakt, sondern tiefgehender noch um die widerspr\u00fcchlichen Impulse von Tradition und Wandel, von konservativem Festhalten an Identit\u00e4t und der Offenheit f\u00fcr Neues. Binti zeigt, mit den Mitteln der Science Fiction, welche Kr\u00e4fte n\u00f6tig sind, um alte Konflikte zu \u00fcberwinden und sich neuen Chancen f\u00fcr die Zukunft zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen im SJ Jahr 2018, Golkonda Verlag<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich besteht der aktuelle Roman von Nnedi Okorafor aus drei separat ver\u00f6ffentlichten Novellen, die aktuell nur noch als Ebooks erh\u00e4ltlich<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5727,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[934,66],"tags":[1243,94,1017,1168,99,1244],"class_list":["post-5724","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-literatur","tag-binti","tag-buch","tag-literatur","tag-okorafor","tag-science-fiction","tag-sf-jahr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5724","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5724"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5724\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5726,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5724\/revisions\/5726"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5727"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}