{"id":5736,"date":"2019-04-03T10:43:02","date_gmt":"2019-04-03T09:43:02","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5736"},"modified":"2019-04-14T10:47:03","modified_gmt":"2019-04-14T09:47:03","slug":"buch-tipp-nnedi-okorafor-wer-fuerchtet-den-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5736","title":{"rendered":"Buch-Tipp: Nnedi Okorafor \u2013 Wer f\u00fcrchtet den Tod"},"content":{"rendered":"<p>Nnedi Okorafor z\u00e4hlt aktuell wohl zu den wichtigsten Stimmen der US-amerikanischen Science-Fiction und Fantasy. Ihre Werke sind deutlich von ihrer nigerianischen Abstammung gepr\u00e4gt und nutzen die westafrikanische Kosmologie, um einer eher stagnierenden US-Fantastik neue Impulse zu geben. Okorafor wurde daf\u00fcr in den letzten Jahren mit diversen Preisen ausgezeichnet, vom World Fantasy Award \u00fcber den Nebula bis hin zum Hugo. Ihre Arbeit an den <em>Black Panther\u00a0<\/em>Comics war so erfolgreich, dass Marvel ihr die M\u00f6glichkeit gab, eine eigene Miniserie \u00fcber die Dora Milaje (die Elitetruppe des Black Panther) zu entwickeln. Und zumindest aus kommerzieller Sicht schl\u00e4gt dann noch ihr Debut-Roman <em>Wer f\u00fcrchtet den Tod\u00a0<\/em>zu buche, der gerade von HBO eingekauft wurde und unter der Produktion von George R. R. Martin als Serie umgesetzt wird.<\/p>\n<p>Stilistisch ist <em>Wer f\u00fcrchtet den Tod\u00a0<\/em>dabei schwer einzuordnen, finden sich in der Geschichte doch Elemente die klar einer postapokalyptischen Science Fiction zuzuordnen sind, ebenso wie Elemente, die man eher der Fantasy zuschlagen w\u00fcrde. Der Roman spielt weit in der Zukunft im Sudan und folgt der jungen Frau Onyesonwu (der Name ist die Igbo-\u00dcbersetzung des Titels). Onyesonwu ist eine Ewu, eine Ausgesto\u00dfene weil sie als Kind einer Vergewaltigung geboren wurde. Ihre Existenz verweist die dunkelh\u00e4utigen Okeke auf das Leid, das ihnen durch die hellh\u00e4utigen Nuru t\u00e4glich widerf\u00e4hrt. Im Verlauf des Romans erf\u00e4hrt Onyesonwu jedoch nicht nur die schreckliche Historie ihrer eigenen Zeugung, sondern auch, dass ihr Vater ein m\u00e4chtiger Nuru-Magier ist, der gerade seinen finalen Schachzug plant, um die Okeke ein f\u00fcr alle mal auszul\u00f6schen. Onyesonwu, die das Potential f\u00fcr Magie von ihrem Vater geerbt hat, muss sich auf den Weg machen, um ihre Mutter zu r\u00e4chen und zugleich ihren Vater aufzuhalten.<\/p>\n<p>Folgt man dieser Zusammenfassung, so erkl\u00e4rt sich der Fantasy-Anteil relativ leicht, spiegelt die Geschichte doch klar die mythische Heldenqueste, die quasi das Grundger\u00fcst von 90% der klassischen High Fantasy ausmacht. Doch Okorafor verwebt diese Geschichte in die Kultur Westafrikas und eine postapokalyptische Welt. So schickt sie Onyesonwu zusammen mit Schulfreunden auf den Weg, die rein gar nichts mit mythischen Questen am Hut haben. Deren Fokus auf ein gutes Leben, Partnerschaften und Alltagsprobleme l\u00e4sst uns ganz andere Blickwinkel auf die Magie finden, die jenseits typischer Fantasy-Kost liegen. Dazu kommt, dass die Welt des Romans in vielerlei Hinsicht Reminiszenzen unserer Welt aufweist, viele Motive auf unsere Zeit (als narrative Vergangenheit) verweisen. So findet sich westliche Technologie, verweht vom W\u00fcstenwind unter vielen tausend Sandk\u00f6rnern. Das zerkratzte Computertablet wird zum Verweis auf eine Welt vor dem Zerfall, doch der Roman weigert sich diese Welt direkt aufzurufen. Konsequent weigert sich Okorafor eine Historie des \u00dcbergangs zu erschaffen. Stattdessen, wie es heute buchst\u00e4blich der Fall ist, erh\u00e4lt die afrikanische Realit\u00e4t nur die Abfallprodukte einer fr\u00fcheren, anderen Zivilisation \u2013 ohne Kontext, ohne Erkl\u00e4rungen. Und so liest sich der Roman auch als Warnung, dass unsere Welt historisch dem Ende zugeht, und dass die folgende Welt vielleicht die Zeichen nicht entziffern k\u00f6nnen wird, die wir hinterlassen. <em>Wer f\u00fcrchtet den Tod\u00a0<\/em>zeigt wie eine alte, magische Realit\u00e4t unsere technologisch aufgekl\u00e4rte ersetzt und mit neuer Bedeutung erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Dabei ist der Roman keineswegs nur mit der zuk\u00fcnftigen Entwicklung unser konsum- und technikorientierten Welt besch\u00e4ftigt, sondern verweist vor allem in seinen traumatisierten und dennoch wirkm\u00e4chtig gezeichneten Charakteren auf reale Konflikte und Praktiken. Die Ewu sind Okorafors Versuch, die grausame Praktik der Vergewaltigung als Kriegsstrategie zu verarbeiten, wie sie etwa im Dafur Konflikt eingesetzt wurden. In der Darstellung des Terrors von hellh\u00e4utigen Nuru gegen dunkelh\u00e4utige Okeke verweist der Roman auf Genozide innerhalb Afrikas, in denen Marker wie der Helligkeit der Haut zur rassistischen Motivation brutalster Taten herhalten mussten. Diese realweltliche Kritik verbindet sich im Roman mit den Motiven und Perspektiven sowohl der Fantasy als auch der Science Fiction und zeigt, dass jenseits starrer Genregrenzen faszinierende Geschichten m\u00f6glich sind. <em>Wer f\u00fcrchtet den Tod\u00a0<\/em>ist ein furioser Deb\u00fctroman, der die Fantastik bereichert und um eine ungewohnte Perspektive erweitert.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen im SF Jahr 2018, Golkonda<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nnedi Okorafor z\u00e4hlt aktuell wohl zu den wichtigsten Stimmen der US-amerikanischen Science-Fiction und Fantasy. 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