{"id":5973,"date":"2021-12-01T13:48:53","date_gmt":"2021-12-01T12:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5973"},"modified":"2024-07-08T13:53:18","modified_gmt":"2024-07-08T12:53:18","slug":"welcome-to-the-metaverse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5973","title":{"rendered":"Welcome to the Metaverse!"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<div class=\"gridWrap\">\n<div class=\"w24 mw21 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Der Facebook-Konzern wird in Zukunft \u201eMeta\u201c hei\u00dfen, kurz f\u00fcr \u201eMetaverse\u201c, ein Begriff, der von Neal Stephenson in seinem epochemachenden Cyberpunk-Klassiker \u201eSnow Crash\u201c gepr\u00e4gt wurde. Doch was hat Stephensons Metaverse eigentlich mit den Pl\u00e4nen von Mark Zuckerberg zu tun?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere digitale Realit\u00e4t, die Welt der Daten, in der wir uns seit Jahren schon bewegen und eine Art paralleles Leben f\u00fchren, ist mit uns direkt verbunden, wie ein M\u00f6bius-Streifen, dessen Seiten zwar distinkt, aber doch untrennbar miteinander verbunden sind. Wir bewegen uns in beiden Welten, generieren Daten im Digitalen, die wiederum R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber uns und unsere Aktivit\u00e4ten in der materiellen Welt zu lassen \u2013 und umgekehrt. Wir sind mit dem Metaverse verwoben.<\/p>\n<p>Metaverse. So nannte der damals relativ unbekannte Science-Fiction-Autor Neal Stephenson 1992 seine digitale Welt und brachte damit die krude geometrische Darstellung des Cyberspace, die William Gibson acht Jahre zuvor in\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3CrmJv7\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Neuromancer<\/em><\/a>\u00a0(1984) beschrieben hatte, auf eine neue Ebene. Ein Update. Cyberspace 2.0, von Stephenson erkl\u00e4rt, mit 2k Aufl\u00f6sung und 72fps vom menschlichen Auge nicht mehr von der Realit\u00e4t zu unterscheiden. Und von Avataren bev\u00f6lkert, ein Spielplatz der Eitelkeiten. In seinem Cyberpunk-Roman\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3qLN19o\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>\u00a0begeben sich die Menschen dorthin, um zu arbeiten, sich zu treffen und zu flanieren. Wer kann, der zeigt dort seinen Status, seine Skills als Programmierer oder einfach, wie viel Geld er hat. Im Roman ist Hiro Protagonist (ja, der hei\u00dft tats\u00e4chlich so) lieber im Metaverse als im realen L.A.: \u201eUnd so besitzt Hiro ein sch\u00f6nes gro\u00dfes Haus im Metaverse, muss sich in der Realit\u00e4t aber ein Neun-mal-Sechser-Abteil in einem Lagerschuppen teilen. Das richtige Gesp\u00fcr f\u00fcr Immobiliendeals erstreckt sich nicht immer \u00fcber Welten.\u201c<\/p>\n<h2><strong>Kapitalismus und kein Ende<\/strong><\/h2>\n<p>In Deutschland hatte der Roman nicht so richtig Erfolg und Stephenson auch nicht. Erst 1999 mit\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3nlAg38\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Cryptonomicon<\/em>\u00a0<\/a>konnte der Mann das deutsche Publikum \u00fcberzeugen. Und doch blieb\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3DrN0KX\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>, der Roman, der dem Autor international zum Durchbruch verhalf und bis heute als eines der wichtigsten Cyberpunk-Werke \u00fcberhaupt gilt, hierzulande kaum beachtet. Dabei ist er gerade in der heutigen Zeit so unglaublich wichtig\u2014und das nicht erst seit Marc Zuckerberg die grandios d\u00e4mliche Idee hatte, seinen Megakontrollzwang auf das gesamte Internet auszudehnen und es \u201eMeta\u201c zu nennen. Aber dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/amzn.to\/3DrN0KX\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>, der gerade von Fischer Tor in einer neuen \u00dcbersetzung wiederver\u00f6ffentlicht wurde, erz\u00e4hlt die Geschichte von Hiro Protagonist, einem gewitzten Hacker und grandiosen Schwertkampfmeister (ein Katana ist sein st\u00e4ndiger Begleiter), der sich seinen Lebensunterhalt mit Pizza-Lieferungen verdient. Das macht er vor allem deswegen, weil die Welt eine Hyperkapitalisierung erfahren hat und alles, aber auch wirklich alles, jetzt privatisiert und auf Profit ausgerichtet ist. Und Pizza geh\u00f6rt der Cosa Nostra, die sich weltweit als Franchise ausbreitet. Nebenbei f\u00fcttert er die Central Intelligence Corporation mit Informationen und bekommt auch daf\u00fcr Geld. Das Leben ist eben teuer geworden und jeder braucht einen Nebenjob. Kommt euch bekannt vor? Stephenson beschrieb bereits vor 30 Jahren, was der Kapitalismus heute so f\u00fcr Ausw\u00fcchse haben w\u00fcrde \u2026<\/p>\n<h2><strong>Cyberspace, Metaverse, Matrix<\/strong><\/h2>\n<p>Die Satire schwingt zwar immer mit, ist aber niemals die dominante Note des Romans. Daf\u00fcr ist es zu ernst, denn\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3DrN0KX\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>\u00a0beweist immer wieder, wie sehr unser Weg vorausgezeichnet war. Science Fiction ist keine Prophezeiung einer Zukunft, und doch trifft sie manchmal ins Schwarze. So vereinen sich Tausende von Fl\u00fcchtlingen auf Booten zu einem riesigen extraterritorialen Flo\u00df-Staat, weil die Nationen zu sehr mit ihrer eigenen Abschaffung besch\u00e4ftigt sind und die Migrationswellen halt irgendwo hinm\u00fcssen. Die Bilder der tausenden Schlauchboote und Rettungswesten in der griechischen \u00c4g\u00e4is brennen sich ein. Auch wie der Hyperkapitalismus sich alle Biomasse dieser Welt zu eigen macht, hat Stephenson beschrieben: \u201eAmerika jedoch gleicht einer gro\u00dfen, alten, qualmenden und scheppernden Maschine, die durch die Gegend rumpelt, und alles, was sie sieht, grabscht und verschlingt. Die eine kilometerbreite M\u00fcllspur hinter sich her zieht.\u201c Doch letztlich ist es die Vision des Metaverse, die den Roman so ideal f\u00fcr unsere Zeit sprechen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Cyberspace, Internet, Matrix, oder eben Metaverse. Die Idee ist, eine alternative Welt zu haben, die aus den Daten unserer materiellen Welt gespeist ist und uns allen \u2013 einem und einer Jeden von uns \u2013 die M\u00f6glichkeit bietet, sich selbst zu pr\u00e4sentieren, wie wir es wollen.\u00a0<em>Second Life<\/em>, das Videospiel, machte das schon m\u00f6glich, zeigte aber auch die Grenzen der Idee auf. Denn mit der Kommerzialisierung des virtuellen Raums entsteht ein Ungleichgewicht, in dem schnell eine Elite die Regeln bestimmt. F\u00fcr Stephenson gab es nicht ein Metaverse, sondern so viele, wie es Ideen gab. Kommunale Orte wie die \u201eStreet\u201c, eine an einer Linie \u00fcber 65.000 km entlang gezogene Welt, stehen im Roman f\u00fcr die anarchische Grundidee, die auch dem urspr\u00fcnglichen Internet zugrunde lag. Zwar muss man Baugrundst\u00fccke erwerben, wie URLs, doch die Erl\u00f6se dienen dem Erhalt der Infrastruktur, wie eine Steuer. Es gibt \u00f6ffentliche Transportmittel, die von einzelnen programmiert, aber von allen kostenlos genutzt werden k\u00f6nnen wie Open Source Software. Dar\u00fcber hinaus kann sich jede*r selbst verwirklichen, in individuellen Avataren oder auf dem Baugrund. Das Metaverse, das Stephenson beschreibt ist bunt, anarchisch, ein wenig Wild-West und vor allem f\u00fcr jede*n zug\u00e4nglich, ohne Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"text\">\n<div class=\"gridWrap\">\n<div class=\"w24 mw21 lw14 lw-left-5\">\n<h2><strong>Von Datenkraken und Cyberpunk-Hackern<\/strong><\/h2>\n<p>Was uns leider zu Marc Zuckerberg bringt und die neugewonnene Aufmerksamkeit auf die Idee des Metaverse erkl\u00e4rt. Dass ausgerechnet die Datenkrake Facebook, die gerade von einer Whistleblowerin darin \u00fcberf\u00fchrt wurde, den eigenen Profit \u00fcber alles zu stellen, und im Zweifel gegen die Interessen der \u00d6ffentlichkeit oder privater Nutzer*innen zu handeln, sich in Meta umbenannt hat und den Bau eines Metaverse anstrebt, ist ein Level an Ironie, das sich auf der Alanis-Morisette-Skala wohl kaum abbilden lie\u00dfe. Zuck &amp; Friends d\u00fcrften wohl am wenigsten dem Ideal der coolen Cyberpunk-Hacker entsprechen, die in\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3DrN0KX\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>\u00a0das Metaverse gebaut und bev\u00f6lkert haben. Und dass ein globaler Hyperkapitalist die Regeln einer ganzen virtuellen Welt bestimmt, ist uns ja schon bei Facebook und Co. als problematisch aufgefallen, wie etwa Diskussionen um akzeptable m\u00e4nnliche versus inakzeptabel weibliche Nippel (selbst beim Stillen oder als Awareness f\u00fcr Krebs) gezeigt haben d\u00fcrfte. Ganz zu schweigen vom offenen Machtkampf des Konzernkapitalismus in Form von MasterCard gegen die anarchische und kreative Entrepreneur-Szene von Sexworker*innen auf OnlyFans. Wenn Konzerne die Regeln bestimmen, wie sie es in den letzten Jahren im Internet getan haben, dann schwinden Freir\u00e4ume und Potentiale, die reale Welt durch Engagement in der virtuellen besser zu machen. Und das ist bestimmt nicht im Sinne von Stephenson, der von Zuckerberg nicht mal kontaktiert wurde, bevor es zur Meta-Ank\u00fcndigung kam. Kein Wunder also, dass sich der Autor etwas \u00fcberrumpelt f\u00fchlt und \u00f6ffentlich keine Stellung beziehen mag. Er hat ja selber \u00fcber den Machtmissbrauch im digitalen Raum geschrieben. Wer wissen will, wie es ausgeht, der kann es in\u00a0<a href=\"https:\/\/amzn.to\/3DrN0KX\" target=\"_blank&quot; rel=&quot;nofollow\" rel=\"noopener\"><em>Snow Crash<\/em><\/a>\u00a0nachlesen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Facebook-Konzern wird in Zukunft \u201eMeta\u201c hei\u00dfen, kurz f\u00fcr \u201eMetaverse\u201c, ein Begriff, der von Neal Stephenson in seinem epochemachenden Cyberpunk-Klassiker<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5974,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,6,114,934,93,187],"tags":[1287,1289,1288,1286],"class_list":["post-5973","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-film","category-kolumnen","category-kultur","category-lifestyle","category-technik","tag-metaverse","tag-snow-crash","tag-stephenson","tag-tor-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5973"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5976,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5973\/revisions\/5976"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5974"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}