{"id":5977,"date":"2023-02-01T13:54:04","date_gmt":"2023-02-01T12:54:04","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=5977"},"modified":"2024-07-08T13:56:24","modified_gmt":"2024-07-08T12:56:24","slug":"5977","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=5977","title":{"rendered":"Strange World: Schlechtes Marketing oder zu progressiver Inhalt?"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<div class=\"gridWrap\">\n<div class=\"w24 mw21 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Lars Schmeink geht der Frage nach, warum der Film \u201eStrange World\u201c an den Kinokassen so gefloppt ist, erkl\u00e4rt, warum das zu Unrecht geschehen ist, was diesen progressiven Film so besonders macht und warum er sich ganz auf der H\u00f6he der Zeit befindet.<\/em><\/p>\n<p>Habt Ihr den Trailer zu \u201eStrange World\u201c im Kino gesehen? Und den Film? Nicht? Da geht es Euch wie den meisten anderen Zuschauern weltweit. Der Film ist an den Kinokassen untergegangen. Und dass, obwohl der Disney-Film mit einem fetten Budget ausgestattet war und kurz vor Weihnachten in die Kinos kam. Noch dazu ist es ein Feel-Good-Movie f\u00fcr die ganze Familie \u2014\u00a0also was ist da los?<\/p>\n<p>Ok, der Film ist nicht auf der H\u00f6he von \u201eDie Eisk\u00f6nigin\u201c und bietet keine Mitsing-Musicalnummern, aber daf\u00fcr eine wundervolle, fantastische Welt, tolle Charaktere und mehr Vielfalt als alle anderen Disney-Filme zusammen. Und das meine ich jetzt im Sinne einer extrem sozial-bewussten Politik, ganz so wie die auch hier auf der Plattform vielbeschworene \u201eProgressive Phantastik\u201c. Ist es aber vielleicht genau das, was den Film f\u00fcr Disney so problematisch machte? Denn klar ist, Disney hat das Marketing v\u00f6llig in den Sand gesetzt, den Film in mehr als 30 Territorien aus Angst vor Repressalien gar nicht erst in die Kinos gebracht und ihn in anderen fast schon totgeschwiegen. Zum Gl\u00fcck gab es einen schnellen Release auf Disney+, wo der Film dann doch noch ein Publikum gefunden hat. Aber immer noch zu wenig, um nicht als Verlust abgeschrieben zu werden.<\/p>\n<p>Es liegt also vielleicht doch an der Politik des Films, der kurz vor \u201eAvatar 2 \u2013 Der Weg des Wassers\u201c in die Kinos kam und eine \u00e4hnlich atemberaubende Welt zeichnet, dabei aber wie ein Anti-Avatar voll und ganz auf progressive Werte und hoffnungsvoll-heilsame Botschaften setzt. Es geht um die Familie Clade und deren Abenteuerleben, das Sohn Searcher an den Nagel h\u00e4ngt, als er eine pflanzliche Energiequelle findet, das Pando, und damit ein eigenes Business aufbaut und eine industrielle Revolution in seiner Heimat Avalonia anzettelt. Dank Pando entstehen Wohlstand und Sicherheit f\u00fcr alle. 25 Jahre sp\u00e4ter aber gibt es Probleme mit dem Pando, dessen Wurzeln langsam absterben und damit die Energie versiegen lassen. Hier holt das Abenteuer Searcher, dessen Frau Meridian und Sohn Ethan ein. Sie alle brechen auf, um Pando und Avalonia zu retten und gelangen tief im Inneren ihrer Welt in eine fantastische, grandios kreative Szenerie voller seltsamer Kreaturen und Pflanzen, die sie erkunden m\u00fcssen. Dabei finden sie auch Jaeger Clade wieder, Searchers vor 25 Jahren verschollenen und etwas antiquiert wirkenden Abenteurer-Vater.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"text\">\n<div class=\"gridWrap\">\n<div class=\"w24 mw21 lw14 lw-left-5\">\n<h2><strong>Was ist hier so progressiv?<\/strong><\/h2>\n<p>Was aber ist daran jetzt so progressiv, dass ich in gl\u00fccklich strahlende Social-Justice-Warrior-Pose verfalle und Disney schurkenhaft unterstelle beim Marketing Angst vor der eigenen Courage gehabt zu haben? Naja, zum einen ist die junge Familie Clade \u201amulti-ethnisch\u2018 gezeichnet: w\u00e4hrend Searcher wei\u00df gelesen wird, ist Meridian schwarz und Sohn Ethan entsprechend \u201abi-racial\u2018. Callisto Mal, die Pr\u00e4sidentin von Avalonia ist \u201aof-color\u2018, ihre Stimme im Original von der chinesisch-st\u00e4mmigen Schauspielerin Lucy Liu gesprochen. Auch in Hinsicht auf Genderrollen ist der Film deutlich progressiver als andere Disney-Produktionen: Callisto kann dank draufg\u00e4ngerischem Abenteurer-Verve, ihrer Rolle als Pr\u00e4sidentin und Machtmensch, und in ihrem \u00c4u\u00dferen (und im Namen) als \u201anicht gender-konform\u2018 gelesen werden. Noch deutlicher aber ist, dass mit Ethan erstmals (!) eine eindeutig queere Figur im Mittelpunkt der Geschichte steht. Ethan ist in einen anderen Jungen verliebt, also homo-romantisch (von -sexuell kann bei Disney noch nicht gesprochen werden), was ein zentraler Aspekt der Geschichte ist. Und weil hier nicht einfach ein paar Sekunden geschnitten werden k\u00f6nnen, um alle LGBTQ-Aspekte auszul\u00f6schen, hat sich Disney nicht getraut den Film etwa im Mittleren Osten, Teilen Afrikas oder aber auch in China, Malaysia, Indonesien oder der T\u00fcrkei in die Kinos zu bringen. Und damit geht eben auch ein dicker Batzen des Kino-Umsatzes fl\u00f6ten.<\/p>\n<p>Mehr noch aber als diese Identit\u00e4tspolitik, k\u00f6nnte es bei Disney-Bossen in der Produktion unter dem Radar durchgeflogen sein, dass der Film eine schmerzhafte Botschaft in Sachen Klimawandel und der Rolle von Industrie, Wohlstand und generationaler Mitschuld vertritt. Ich w\u00fcrde sogar so weit gehen, dass \u201eStrange World\u201c sich quasi als eine Art \u201eDon\u2019t Look Up\u201c f\u00fcr Kiddies ergeht und die n\u00e4chsten FFF-Aktivisten produziert. Dabei ist der Film nicht gerade subtil in seiner Botschaft, aber deswegen so effektiv.<\/p>\n<p><strong>+++ Achtung, ein paar kleinere Spoiler finden sich in diesem Absatz! +++<\/strong><\/p>\n<p>Ohne zu sehr ins Detail des Films gehen zu wollen, kann man sagen, dass Jaeger und Searcher Clade beide f\u00fcr \u00fcberholte Weltbilder einstehen, eventuell sogar als Vertreter der zumindest in den USA weit verbreiteten Boomer- und Millenial-Generationen gelten k\u00f6nnen. Jaeger repr\u00e4sentiert die individualistische Leistungsgesellschaft der Boomer-Jahre, zerst\u00f6rt die fragile Umwelt mit einem Flammenwerfer und verfolgt einzig seine egoistischen Ziele der Selbst\u00fcberh\u00f6hung. Passend dazu ist er der Abenteurer und Entdecker, selbstbestimmter Held der Avalonier \u2014 kritisch betrachtet aber der Kolonialherr einer l\u00e4ngst \u00fcberholten Zeit. Doch auch sein Sohn, der sich pazifistisch gegen ihn aufgelehnt hat, ohne je seinen Schatten loszuwerden, ist in denselben toxischen Mechanismen gefangen. Er hat sich f\u00fcr die Service-Gesellschaft und das \u201egr\u00fcne Image\u201c entschieden, seine Pando-Farm bringt Wohlstand und wird als Verbesserung der Welt gefeiert, ist aber auch f\u00fcr Unmengen an Energie-Bedarf verantwortlich. Dabei ist sie ebenso kolonial und raumgreifend, zerst\u00f6rt auf andere Art den Lebensraum Avalonias. Er ist ebenso \u00fcberzeugt davon, das Richtige zu tun, ein Held zu sein. Beide aber h\u00f6ren nicht auf die j\u00fcngere Generation (also Ethan, Gen Z) und deren v\u00f6llig neuen Ansatz, die Welt zu verstehen, weniger zu brauchen und lieber im Einklang mit der Natur zu leben. Im Film gibt es eine Schl\u00fcsselszene, in der die drei Generationen ein Kartenspiel miteinander spielen und sowohl Jaeger als auch Searcher das Spielprinzip von Kooperation und Harmonie mit der Umwelt einfach nicht verstehen wollen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln, des Bezwingers und des Verwerters der Natur, kommen sie gemeinsam zu der Frage, wen es zu besiegen gilt, wer der Gegner, wer der B\u00f6sewicht im Spiel sei? Und Ethan kann nur entnervt aufgeben und die beiden anschreien: \u201eIhr! Ihr seid der B\u00f6sewicht!\u201c \u2026 genau, besser kann man es nicht sagen.<\/p>\n<p><strong>++++<\/strong><\/p>\n<p>Einen so aufgeweckten und in seiner Botschaft schlagfertigen Film m\u00f6gen die Bonzen des weltweit gr\u00f6\u00dften, kapitalistischen, kultur-imperialen Unterhaltungskonzerns nicht erwartet haben, als sie die Vertr\u00e4ge unterschrieben haben. Die Art und Weise, wie sie aber das Marketing versemmelt haben und den Film aus Angst vor Autokraten und Kleingeistern gar nicht erst einem Publikum vorf\u00fchren lie\u00dfen, zeigt wie wichtig seine Botschaft vielleicht doch ist. Das hier ist kindgerecht verpackt eine dringende Warnung an alle Erwachsenen, sich endlich zusammenzurei\u00dfen und zu akzeptieren, dass die Welt sich \u00e4ndert, ob sie es wollen oder nicht. Wer den Film noch nicht gesehen hat, der sollte dies schleunigst nachholen, denn ob Big-Disney will oder nicht, wir brauchen mehr solcher Filme. Geben wir ihnen eine Chance produziert zu werden\u2026<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen bei <a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/magazin\/science-fiction\/strange-world-schlechtes-marketing-oder-zu-progressiver-inhalt\">Tor-Online.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lars Schmeink geht der Frage nach, warum der Film \u201eStrange World\u201c an den Kinokassen so gefloppt ist, erkl\u00e4rt, warum das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5978,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,1144,6,114,934],"tags":[772,1292,1291,1290],"class_list":["post-5977","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-fantastik","category-film","category-kolumnen","category-kultur","tag-disney","tag-progressive-fantastik","tag-queer","tag-strange-world"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5977","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5977"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5977\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5980,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5977\/revisions\/5980"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5978"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5977"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5977"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5977"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}