{"id":6012,"date":"2026-08-26T10:26:13","date_gmt":"2026-08-26T09:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6012"},"modified":"2026-09-01T10:30:50","modified_gmt":"2026-09-01T09:30:50","slug":"6012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6012","title":{"rendered":"Die Odyssee &#8211; Der Kampf um die Deutungshoheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"magazine-intro\">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw21 lw14 lw-left-5\">\n<p><em style=\"font-size: 16px;\">Wie &#8222;woke&#8220; ist <\/em><span style=\"font-size: 16px;\">Die Odyssee<\/span><em style=\"font-size: 16px;\">\u00a0von Christopher Nolan eigentlich? In welchem Verh\u00e4ltnis steht der Film zu jener \u00c4ra, die als historisches Vorbild gilt und zur literarischen Vorlage Homers? Lars Schmeink kl\u00e4rt uns auf.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>Unter Kulturk\u00e4mpfern \u2013 vor allem auf der rechten Seite des Spektrums \u2013 galt Christopher Nolan lange Zeit als sichere Bank f\u00fcr Filme, die f\u00fcr den wei\u00dfen Mann wie gemacht waren. Ja, immer schon etwas verkopft, aber actionreich, d\u00fcster, mit viel Testosteron und viel Pathos f\u00fcr seine Heldenfiguren. Warum also die gro\u00dfe Aufregung ausgerechnet um seinen neuesten Film,\u00a0<em>Die Odyssee<\/em>, die Verfilmung eines fast dreitausend Jahre altem griechischen Fantasy-Epos um einen typischen wei\u00dfen Mann und sein leider viel zu gro\u00dfes Ego.<\/p>\n<p>Nolan hatte es gewagt, sich ausgerechnet eines Textes anzunehmen, der der rechten Bubble als Gr\u00fcndungstext westlicher Zivilisation gilt. Eines Kriegers, dessen Taten im Trojanischen Krieg von den Kulturk\u00e4mpfern bewundert werden und der als Sinnbild f\u00fcr den menschlichen Helden (kein Halbgott, nur ein \u201eeinfacher\u201c Mann) schlechthin gilt. Und ausgerechnet bei diesem Thema wagt es Nolan, eine Besetzung bekannt zu geben, die von den lautesten Stimmen sofort als \u201ewoke\u201c verschrien wurde. Ausgerechnet die Frau, deren Sch\u00f6nheit angeblich f\u00fcr einen 10-j\u00e4hrigen Kriegszug verantwortlich sei, sollte eine Schwarze sein? Lupita Nyong\u2019os Besetzung als Helena von Troja war nicht der einzige Kritikpunkt. Auch die Besetzung von trans Schauspieler Elliot Page \u2013 den Ger\u00fcchten zufolge als Held Achilles, was nicht stimmte \u2013 l\u00f6ste viel Kritik aus. Page hat einen kurzen Auftritt, spielt den jungen griechischen Soldaten Sinon, der am Pferd zur\u00fcckgelassen wird und es als Geschenk f\u00fcr die G\u00f6ttin Athena deklariert, nur um kurz darauf von trojanischer Hand zu sterben. Keine 5 Minuten lang ist Page zu sehen, in einem fast drei-st\u00fcndigen Epos, und doch reicht seine Pr\u00e4senz, um Nolan den Ausverkauf an die Diversity zu unterstellen.<\/p>\n<p>Und das liegt vor allem an der Bedeutung, den die Rechten der griechischen Mythologie beimessen. Das griechische Altertum gilt vielen als Wiege der Demokratie, ja als Wiege der westlichen Zivilisationen, und damit als Ursprung unserer Kultur, Werte, und Gesellschaften. Die Mythen wiederum, gerade weil sie Fantasy-Geschichten im historischen Gewand sind, k\u00f6nnen \u00e4hnlich den nordischen G\u00f6ttersagen, ideal f\u00fcr den Kulturkampf eingespannt werden. Da vermischen sich idealisierte Aussagen \u00fcber die Reinheit der Kultur, die Homers Griechenland zur Geburtsst\u00e4tte einer vermeintlich reinen wei\u00dfen Zivilisation machen, mit M\u00e4nnlichkeitsbildern von hypermaskulinen Helden und Anf\u00fchrern, wie es sie heute wieder brauche. Donald Trump zum Beispiel nutzte zuletzt\u00a0<a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/news\/world\/americas\/us-politics\/trump-truth-social-world-image-b3004315.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">das Bild des Titanen Atlas<\/a>, der die Welt auf seinen Schultern tr\u00e4gt, um sich einen heldenhaften Anstrich zu verleihen \u2013 eingereiht in eine Vielzahl von Darstellungen, die aus dem SF-, Fantasy- und Mythologie-Bereich stammen, von Jesus bis zum Space Commander. Und Alt-Right-Gruppen verwenden liebend gerne den Mythos der Spartaner im Pelopennesischen Krieg, um sich als unterz\u00e4hlige Widerstandsk\u00e4mpfer gegen eine dekadente \u00dcbermacht zu stilisieren. Das Lambda-Symbol der Spartanischen Armee wird dabei genauso gerne symbolisch umgedeutet wie Thors Hammer oder diverse Runen aus der nordischen Mythos-Kultur.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<h2>Historisch nicht haltbar<\/h2>\n<p>Dabei nutzen die Vertreter der Rechten eine Deutung, die sich geschichtswissenschaftlich nicht halten l\u00e4sst, und das v\u00f6llig ohne das Argument zu bringen, dass die Odyssee wohl kaum eine historische Abhandlung ist, sondern vielmehr ein Fantasy-Werk. Die vielen Stadtstaaten und Micro-K\u00f6nigreiche in Homers Dichtung waren auf Migration und Vielfalt angewiesen, der Handel mit Nordafrika oder dem Mittleren Osten brachte Fremde verschiedenster Kulturen nach Griechenland. Die rein-wei\u00dfe Zivilisation war kunterbunt. Und die Heldengeschichten sind keineswegs nur positive Bilder von m\u00e4nnlicher Dominanz, nein, sie zeigen auch die Fehlerhaftigkeit, die Arroganz der Helden \u2013 und den Preis den sie oder ihre Mitstreiter daf\u00fcr bezahlen. Ein wesentlicher Punkt der Odyssee ist ja gerade, dass Odysseus l\u00e4ngst zu Hause w\u00e4re, h\u00e4tte er nicht aus reiner Egomanie einen\u00a0<em>pissing contest<\/em>\u00a0mit Poseidon angefangen, indem er dessen Sohn Polyphem (den Zyklopen) nicht nur geblendet, sondern auch noch verh\u00f6hnt hat. Im Film hat Nolan diese Egomanie abgeschw\u00e4cht und l\u00e4sst Odysseus stattdessen ver\u00e4rgert einen Pfeil auf den blinden Zyklopen schie\u00dfen, der viele seiner M\u00e4nner get\u00f6tet hat. Statt Hochmut ist es vermeintlich nachvollziehbare Wut, die hier das Schicksal ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Wenn man den Film erstmal geschaut hat, muss einem aber auch auffallen, dass Nolan gar nicht so woke ist, wie die Kritik es scheinen l\u00e4sst. Odysseus ist in vielerlei Hinsicht ein ebenso d\u00fcsterer, zweifelnder Held, wie es Nolans Dark Knight war, oder sein Oppenheimer. Ja, hier geht es viel um die Introspektion eines Kriegers, der des Krieges m\u00fcde ist. Es geht um die Idee der \u201eXenia\u201c, der Gastfreundschaft der Griechen, die eine Offenheit gegen\u00fcber dem Fremden garantiert und deren Verlust herbeigef\u00fchrt wird durch die Angst vor der unbekannten Bedrohung der \u201epeople from the sea\u201c. Die Erkenntnis, dass Odysseus selbst als erster die Xenia gebrochen hat und als \u201epeople from the sea\u201c durch das Mittelmeer irrte, um zu pl\u00fcndern und zu rauben, ist der wahrscheinlich \u201ewokeste\u201c Moment im Film. Da hat Nolan aber schon fast zweieinhalb Stunden recht deutlich gezeigt, wie schwer der arme Mann unter dieser Last leidet, wie sehr er bereut und deswegen unsere Sympathie verdient hat.<\/p>\n<p>Nur wenige Momente hingegen g\u00f6nnt Nolan den weiblichen Figuren wie Zirze, die zurecht als alleinlebende Frau davon ausgehen muss, dass die Soldaten sie ausrauben und vergewaltigen w\u00fcrden, h\u00e4tte sie sie nicht in Schweine verwandelt. Odysseus erpresst sie, raubt ihr alles Essen und geht seines Weges. Oder auch Lupita Nyong\u2019os faszinierende Darstellung der Schwestern Helena und Klytaimnestra, denen beiden von gierigen M\u00e4nnern \u00fcbel mitgespielt wurde. Helena hat ein paar Minuten auf der Leinwand, um zu betonen, dass die M\u00e4nner in den Krieg ziehen, egal was sie dazu sagt und dass sie den Krieg und all den Tod in ihrem Namen verdammt. Doch das Leid der Klytaimnestra wird in weniger als einer Minute verhandelt und ist einzig dazu da, die Gefahr von Frauen f\u00fcr die heimkehrenden Kriegshelden zu verdeutlichen. Ihr Mann, K\u00f6nig Agamemnon, opfert ihre Tochter den G\u00f6ttern f\u00fcr wohlgesonnene Winde und zieht dann unter Vorwand (die Entf\u00fchrung ihrer Schwester) in einen lang-ersehnten Krieg um Handelsrouten. Kein Wunder, dass die verzweifelte Frau Rachegel\u00fcste hegt und den Kriegsherren nach dessen R\u00fcckkehr umbringt. Doch ihre Story dient nur dazu Odysseus gegen seine Frau Penelope aufzubringen und ihn sich heimlich nach Hause schleichen zu lassen, um sie zu testen.<\/p>\n<p>Nein, man kann dem Film nicht wirklich ansehen, dass er woke sein soll. Der Aufschrei ist also mal wieder ein Sturm im Wasserglas. Die Vielzahl der Zuschauenden wird die Casting-Entscheidungen gar nicht mitbekommen haben und den Film einfach als Unterhaltung genie\u00dfen. Mit seinem Portr\u00e4t des m\u00fcden Kriegers Odysseus beweist Nolan jedoch wieder einmal, dass er politisch beiden Lagern etwas bietet und eben weiterhin ein Kino macht, das f\u00fcr wei\u00dfe M\u00e4nner ganz wunderbar funktioniert. Eine wirkliche Kritik an dieser wei\u00dfen, dominanten M\u00e4nnlichkeit bleibt jedenfalls aus.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf Tor-Online.de<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie &#8222;woke&#8220; ist Die Odyssee\u00a0von Christopher Nolan eigentlich? 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