{"id":6017,"date":"2026-07-23T10:28:20","date_gmt":"2026-07-23T09:28:20","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6017"},"modified":"2026-09-01T10:30:20","modified_gmt":"2026-09-01T09:30:20","slug":"6017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6017","title":{"rendered":"Backrooms, Obsession &#8211; Gibt es bald ein New New Hollywood?"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Statt inhaltsloser Spektakelberieselung und dem xten Melken der IP-Kuh bieten Filme wie\u00a0<\/em>Backrooms\u00a0<em>und\u00a0<\/em>Obsession\u00a0<em>Stoff f\u00fcr kontroverse Diskussionen \u00fcber Kunst und Gesellschaft. Lars Schmeink geht der Frage nach, ob daraus ein New New Hollywood entstehen k\u00f6n<\/em>nte.<\/p>\n<p>Trends und Ver\u00e4nderungen sind Teil des t\u00e4glichen Gesch\u00e4fts in Hollywood und waren es schon immer. Als das alte Studiosystem Ende der 1960er Jahre nur noch die immer gleichen, teuren und bombastischen Historienschinken und ausgelutschten klassischen Western produzierte, da schickte sich eine Riege junger hungriger Regisseure (ja, m\u00e4nnlich) an, Hollywood zu revolutionieren. New Hollywood war geboren und ver\u00e4nderte die Filmproduktion nachhaltig. Neue Genres, neue Idee, neue Konzepte. Filme wie\u00a0<em>Easy Rider, Der wei\u00dfe Hai, 2001: Odyssee im Weltraum<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Die Nacht der lebenden Toten<\/em>\u00a0waren radikal anders und wandelten, wie Hollywood Geschichten erz\u00e4hlte. Es entstand ein neues Studiosystem, das bis heute beliebte Intellectual Properties (IP) etablierte, die auf den kommerziellen Erfolgen der 1970er bis 1990er Jahre beruhen:\u00a0<em>Star Wars, Alien, He-Man, Indiana Jones, Transformers, Jurassic Park<\/em>, usw. Aber mit den Jahren verkrustete auch dieses System und produzierte nichts Neues mehr. Und so wundert es nicht, dass Hollywood in einer \u00e4hnlichen Krise steckt, wie schon Ende der 1960er Jahre.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Produktionen wie\u00a0<em>Star Wars: The Mandalorian and Grogu<\/em>\u00a0oder die neue He-Man-Verfilmung\u00a0<em>Masters of the Universe<\/em>\u00a0leiden an Einfallslosigkeit und verlassen sich einzig auf ihren IP-Appeal. Diese IPs aus den 1980er Jahren zielen aber vornehmlich auf die Generationen, die mit ihnen aufgewachsen sind \u2013 nicht auf das Publikum der Gen Z, das gerade zwischen 16 und 29 ist. Dass dank KI und immer billiger werdendem CGI auch die Qualit\u00e4t der Filme sinkt wird diesem Trend nicht helfen. Dabei ist es gerade die Gen Z, die aktuell die Kinos bev\u00f6lkert. Eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.fandango.com\/movie-news\/fandangos-2026-moviegoing-trends-and-insights-study-755270\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aktuelle Studie zeigt<\/a>, dass ein gr\u00f6\u00dferer Prozentsatz der 16 bis 29-J\u00e4hrigen ins Kino geht und das auch deutlich h\u00e4ufiger als etwa die Boomer oder Gen-Xer. Es stimmt also nicht, wenn Hollywood ganz klagend davon spricht, Gen Z und die Pandemie h\u00e4tten das Kino zerst\u00f6rt \u2013 vielmehr ist das Problem, dass es keine Filme gibt, die speziell das neue Publikum anlocken k\u00f6nnten. Alte IPs und platter AI-Slop sind es jedenfalls nicht \u2013 wie es\u00a0<a href=\"https:\/\/www.telegraph.co.uk\/films\/2026\/07\/10\/christopher-nolan-interview-odyssey-backlash\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Christopher Nolan in einem aktuellen Interview<\/a>\u00a0sch\u00f6n ausdr\u00fcckte. Vielmehr, so Nolan, sei die Zeit f\u00fcr \u201etaktilere, realere Formen des Erz\u00e4hlens\u201c.<\/p>\n<p>Und genau das scheint die L\u00f6sung des Problems: ein radikal reales Erz\u00e4hlen des Kinos, das sich gerade in zwei besonders d\u00fcsteren Filmen Bahn bricht \u2013 in Curry Barkers\u00a0<em>Obsession<\/em>\u00a0und Kane Parsons\u00a0<em>Backrooms<\/em>. Stimmig ist, dass sowohl Barker (26 Jahre jung) als auch Parsons (gerade einmal 20) ihren Fame in den sozialen Plattformen und via Webseries auf YouTube erworben haben. Und beiden Filmen ist gemein, dass sie low-budget produzierte Horrorfilme sind, die vor allem von der psychologischen Tiefe ihrer jeweiligen Pr\u00e4misse leben, von ihrer realen Aussage \u00fcber die Abgr\u00fcnde des Menschlichen, und eben nicht von Effekten, gro\u00dfen Namen oder der Anbindung an ein bekanntes virtuell-generiertes Multiversum.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>In\u00a0<em>Backrooms<\/em>\u00a0verirrt sich ein abgehalfterter M\u00f6belverk\u00e4ufer in ein extradimensionales Labyrinth untereinander verbundener Hinterzimmer und Lieferanteng\u00e4nge, den sogenannten Backrooms, in denen unbeschreibliche Wesen auf der Jagd nach verirrten Menschen sind. Die Geschichte basiert auf einer Creepypasta, einer Internet-Urban-Legend, die von Fans weitergetragen und ausgebaut wird. Parsons entwickelte schon mit 16 seine ersten Kurzfilme zu genau diesen Backrooms und verteilte sie mittels YouTube an Millionen von Fans. Der Film ist vielseitig interpretierbar, liefert aber vor allem ein intensives Portr\u00e4t von Trauma, zwischen Freudschem Unbewusstem und Jungschem Schatten-Selbst. Alternativ repr\u00e4sentieren die Backrooms aber auch die sich ewig kopierenden und immer mehr im Uncanny Valley verschwindende Welten, die von k\u00fcnstlicher Intelligenz produziert werden und keine Orientierung mehr zulassen. Alles Menschliche wird aufgefressen \u2013 hohle Echos sind alles, was bleibt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verst\u00f6rend und den Menschen aush\u00f6hlend ist die Erfahrung von Bear und Nikki in\u00a0<em>Obsession<\/em>, der von Barker f\u00fcr gerade einmal 750.000 USD gedreht wurde und bereits mehr als 400 Millionen USD eingespielt hat. Ohne gro\u00dfe Effekte zeichnet der Film ein tief beunruhigendes Portr\u00e4t einer einseitigen Liebe, das sich eigentlich nur als exzessive Allegorie f\u00fcr eine traumatisierende Vergewaltigungserfahrung lesen l\u00e4sst. Protagonist Bear, der keinerlei verzeihbare Momente in seinem Handeln aufweist, verflucht seine Angehimmelte Kollegin Nikki in einem Anfall von Incel-Wut dazu, ihn zu lieben \u201ewie noch nie ein Mensch zuvor geliebt hat.\u201c Der Rest der Geschichte ist zwar vorhersehbar \u2013 von verst\u00f6renden Liebesbeweisen bis zur exzessiven Gewalt gegen Rivalen \u2013 aber doch so direkt und tiefgr\u00fcndig erz\u00e4hlt, dass er zur Diskussion einl\u00e4dt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<h2>Originelle Diskussionsvorlagen<\/h2>\n<p>Und genau darum geht es. Im Gegensatz zum Spektakelkino des CGI-Blockbusters bieten Filme wie\u00a0<em>Obsession<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Backrooms<\/em>\u00a0endlich wieder etwas, das sich hei\u00df und kontrovers diskutieren l\u00e4sst. Es ist die rohe Emotion, die jede Szene verspr\u00fcht und die sich auf das Publikum ergie\u00dft und hinterher verarbeitet werden will. Diese Filme verweigern die Erkl\u00e4rung, sie sind sperrige Kunst im besten Sinne des Wortes. Und sie haben einen nicht visuell weggebombt, w\u00e4hrend die Story vor sich hin rieselt. Im Gegenteil, weil sie so kryptisch und minimalistisch sind, laden sie ein, eigene Backstorys zu erschaffen, in die sie eingebettet sind. Ganz so wie die narrative Mosaikhaftigkeit der Creepypasta oder die kurze, knackige Form der YouTube-Webseries es fordern. Und genau so, wie das Publikum der Gen Z es aus diesen Medien gew\u00f6hnt es.<\/p>\n<p>Die Frage, die nun also im Raum steht ist, ob Gen Z mit ihren neuen Sehgewohnheiten, mit ihrer Forderung nach tiefen, bedeutungsvollen Stories und irgendwie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tor-online.de\/magazin\/science-fiction\/wahrheit-und-die-verpatzte-chance-von-disclosure-day\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">greifbaren Wahrheiten<\/a>\u00a0\u00fcber die menschliche Existenz, ob diese Generation einen Wandel im Denken Hollywoods produzieren kann. Damit wir nicht in den x-ten Remakes und tausendsten Teilen einer ausgelutschten IP festh\u00e4ngen, ist es vielleicht an der Zeit f\u00fcr eine Revolution im Sinne eines New New Hollywood? Denkbar ist es. Und zu hoffen allemal. Erlauben uns doch Filme wie\u00a0<em>Obsession<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Backrooms<\/em>, und weitergefasst auch Filme wie\u00a0<em>The Drama<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Talk to Me<\/em>, wie\u00a0<em>Infinity Pool<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>Bugonia<\/em>\u00a0endlich wieder ein Gespr\u00e4ch \u2013 ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Film, Kunst, Wahrheit, Bedeutung.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich erschienen auf Tor-Online.de<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Statt inhaltsloser Spektakelberieselung und dem xten Melken der IP-Kuh bieten Filme wie\u00a0Backrooms\u00a0und\u00a0Obsession\u00a0Stoff f\u00fcr kontroverse Diskussionen \u00fcber Kunst und Gesellschaft. 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