{"id":6029,"date":"2025-05-01T10:37:38","date_gmt":"2025-05-01T09:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6029"},"modified":"2026-09-01T10:39:53","modified_gmt":"2026-09-01T09:39:53","slug":"6029","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6029","title":{"rendered":"Der Trumpismus und die Fantastik"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Universit\u00e4ten und die Wissenschaft haben bereits unter dem faschistischen Kulturkampf der Trump-Regierung zu leiden. Doch wie sieht es mit der Kultur aus, in Hollywood und in der Buchbranche? Lars Schmeink sieht erste Anzeichen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen.<\/em><\/p>\n<p>Auf Etsy ist die Zahl der Merch-Artikel mit Aufdrucken wie \u201eMake Atwood Fiction Again\u201c oder \u201eMake Orwell Fiction Again\u201c klein, aber beachtenswert. Sie sind ein Zeichen einer widerst\u00e4ndigen SF&amp;F Szene, die noch in Trumps erster Amtszeit mal mit rebellischen Gesten, mal mit subtilem Witz die Machenschaften des M\u00f6chtegern-Diktators anprangerte. In seiner zweiten Amtszeit jedoch sind solche Acts of Resistance deutlich weniger pr\u00e4sent. Dabei scheint Trump Ernst zu machen und das Projekt-2025-Playbook auf dem Weg zum faschistoiden Diktator voll anzuwenden. Was aber bedeutet das f\u00fcr die Fantastik?<\/p>\n<p>Nichts Gutes, wenn man sich anschaut, wie das aktuelle Wei\u00dfe Haus gegen alles ank\u00e4mpft, was nicht den fundamentalistisch-christlichen Werten ihrer MAGA-Basis entspricht. Da werden Bannlisten von B\u00fcchern, und sogar von Worten (wie \u201eFrau\u201c, \u201eToxizit\u00e4t\u201c, \u201eGender\u201c, \u201eRace\u201c) herausgegeben, Internetseiten eingestellt, F\u00f6rderungen gestrichen. Universit\u00e4ten werden mit Drohungen \u00fcberzogen, ihre Forschung und Lehre an die gew\u00fcnschte Ideologie anzupassen, oder ihre F\u00f6rderung aus D.C. w\u00fcrde eliminiert. Es entsteht eine Frontlinie, die Unis wie Columbia oder Yale gerade aufgegeben haben, w\u00e4hrend Harvard sehr teuer seine Position verteidigt hat. Im Kulturkontext d\u00fcrfte dieser Kampf gerade erst begonnen haben. Glaubt man etablierten News-Outlets wie der Times , dann ist zumindest in Hollywoods Chefetage die \u201ekollektive Kapitulation aus Angst\u201c vor politischen Repressalien l\u00e4ngst in Gang. Und gerade in der Fantastik als einem Genre, das ideal f\u00fcr politische Kritik geeignet ist, scheine &#8230;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<h2><strong>Zwei Beispiele daf\u00fcr, was hier gemeint ist<\/strong><\/h2>\n<p>Zum einen w\u00e4re da Captain America (Marvel, Disney), der in der Serie\u00a0<em>The Falcon and the Winter Soldier<\/em> als schwarzer Mann damit hadert, wegen der historischen Situation der Schwarzen in den USA \u00fcberhaupt ein Captain America sein zu k\u00f6nnen. Die Verbrechen der US-Regierungen an den Schwarzen werden in der Serie an Captain Isaiah Bradley sinnbildlich gemacht. Bradley war Teil illegaler Experimente mit dem Supersoldier-Serum, wurde im Krieg missbraucht, danach jahrzehntelang zwecks Geheimhaltung gefangen gehalten und gefoltert. In der Serie fragt Bradley deutlich nach: wie kann Sam Wilson (The Falcon, sp\u00e4ter Captain America) als Schwarzer Mann, der im rassistischen System der USA aufgewachsen ist und die weiterhin vorhandene Diskriminierung Schwarzer sieht, freiwillig f\u00fcr die Regierung arbeiten und f\u00fcr sie ihre Feinde bek\u00e4mpfen? Damit w\u00fcrde er einen Unrechtsstaat st\u00fctzen. Und genau da, wo diese Kritik gerade anf\u00e4ngt, die Serie politisch so relevant zu machen, siegt dann doch die St\u00fctzung des Status Quo: die Macher*innen der Serie lassen Sam Wilson von moralischer Pflicht faseln, von der Notwendigkeit Amerika zu einen \u2013 eine Position, mit der die Demokraten seit Jahren gegen einen immer gr\u00f6\u00dferen Teil der MAGA-Republikaner durch Radikalisierung an Boden verlieren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>Das Sahneh\u00e4ubchen des Verrats: Captain America bek\u00e4mpft (und vernichtet) eine anti-nationalistische Bewegung, die f\u00fcr durch den Blip heimatlos gewordene Menschen und gegen nationalistischen Protektionismus k\u00e4mpft. Sch\u00f6ner Einsatz f\u00fcr die Identifikationsfigur Amerikas, sich ausgerechnet gegen eine Gruppe zu stellen, die f\u00fcr \u201edie m\u00fcden, armen und gebeugten Massen\u201c (Ausspruch auf der Freiheitsstatue) einsteht. In seinem neuesten Gro\u00df-Event,\u00a0<em>Captain America: Brave New World<\/em>\u00a0l\u00e4sst sich Wilson dann sogar auf die Arbeit f\u00fcr einen rechtskonservativen Hardliner ein &#8211; der verteidigt ein nationales Programm zur Sicherung des wertvollen Adamantiums-Rohstoffs und ist kurz davor eine Insel f\u00fcr die USA zu annektieren und scheut auch nicht vor dem Einsatz von Waffengewalt zur\u00fcck, um nationale Interessen durchzusetzen. Im Zuge dessen wird Isaiah Bradley kurzerhand wiederum ohne Prozess oder Rechtsmittel eingesperrt und zum Terroristen erkl\u00e4rt \u2013 und Cap sitzt da und beschwichtigt: \u201eTrust the system\u201c. America, home of the delusional.<\/p>\n<h2><strong>Murderbot<\/strong><\/h2>\n<p>Zum anderen w\u00e4re da der aktuelle Trailer der Apple Plus Serie zu Martha Wells\u00a0<em>Murderbot<\/em>-Reihe. Auch wenn noch nicht klar ist, welche Botschaft die Macher*innen der Serie im Sinn haben, so haben sie mit dem Casting von Alexander Skarsg\u00e5d schon mal eine Botschaft des Originals ausgel\u00f6scht. Denn in der Buchreihe ist Murderbot eine SecUnit ohne spezifisches Gender, die vornehmlich die Selbstbezeichnung \u201eit\u201c w\u00e4hlt, gerade weil ihr die menschliche Bedeutungszuschreibung eines Genders widerstrebt. Hollywood h\u00e4tte hier,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.themarysue.com\/murderbot-readers-baffled-over-casting-choice-for-apple-tv-series\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wie etwa\u00a0<em>The Mary Sue\u00a0<\/em>argumentiert<\/a>\u00a0durchaus eine Handvoll guter Casting-Choices gehabt, die Gender deutlich fluider darstellen k\u00f6nnten, Beispiele reichen von Vico Ortiz \u00fcber Eliot Page bis Ruby Rose. Ausgerechnet Alexander Skarsg\u00e5d in die Rolle zu setzen, der bislang vor allem f\u00fcr hypermaskuline Rollen (von\u00a0<em>True Blood<\/em>\u00a0\u00fcber\u00a0<em>Tarzan<\/em>\u00a0bis hin zu\u00a0<em>The Northman<\/em>) bekannt ist, kann zumindest als Absage an die non-bin\u00e4re Repr\u00e4sentation gelesen werden. Wie Skarsg\u00e5d die Rolle ausf\u00fcllt, und was die Autor*innen mit der Serie machen, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>Das ist Hollywood, und entsprechend ein Business, das mit sehr viel Geld arbeitet und sehr hohe Aufmerksamkeit genie\u00dft. Und die Produktionen sind hier meist zeitnah und aktuell. Die gute Nachricht im Bereich Print lautet daher: wir haben Zeit. Denn noch haben die gro\u00dfen Publisher wie Tor (mit Mutterkonzern MacMillan) oder Penguin Random House ihre Ver\u00f6ffentlichungspolitik nicht ge\u00e4ndert und stehen weiter zu ihren Gleichstellungsinitiativen (meist unter dem Begriff \u201eDEI\u201c also \u201ediversity, equity &amp; inclusion\u201c), doch wie lange das noch m\u00f6glich ist, ist unklar. Nat\u00fcrlich muss man dazu sagen, dass Universit\u00e4ten oder auch Hollywood viel attraktivere Ziele im anti-intellektuellen Kampf sind und Publisher von Belletristik einfach viel l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume haben. Doch die Zeichen stehen an der Wand, gerade auch, weil die Fantastik in den USA in den letzten zehn Jahren immer mehr zu einem Freiraum f\u00fcr DEI-Themen wurde und eigentlich fast alle gro\u00dfe Preise an Autor*innen gingen, die sich aktiv f\u00fcr LGBTQ-Repr\u00e4sentation einsetzen, den Umgang mit Race in den USA thematisieren oder anderweitig von MAGA als anti-patriotisch angesehen werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Fantastik ist zu einer bunten, freien Enklave im Medienmarkt der USA geworden und damit zu einem Vorreiter f\u00fcr DEI. Dazu passt auch, dass nach den Versuchen der rechten Szeneanteile, die Preise f\u00fcr sich zu kapern (Stichwort: Sad Puppies), jetzt anscheinend gro\u00dfe Investoren in den Markt dr\u00e4ngen und mit Peter Thiel gerade ein MAGA-Trump-Supporter einen neuen Fantastik-Verlag namens Ark Press finanziert haben soll. (Hinweis: hier scheint es kaum endg\u00fcltig best\u00e4tigte Informationen zu geben, aber\u00a0<a href=\"https:\/\/camestrosfelapton.wordpress.com\/2025\/01\/31\/notes-for-later-scuttlebut-passage-ark-etc\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommentare auf beiden Seiten des politischen Spektrums weisen darauf hin<\/a>.) Wie genau sich also Trumps Feldzug gegen alles Intellektuelle, alles Freie, alles Offene auf der Welt weiterentwickelt, wird genau zu beobachten bleiben, denn die Fantastik als Konfliktfeld ist einfach zu interessant um dabei au\u00dfen vor zu bleiben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Universit\u00e4ten und die Wissenschaft haben bereits unter dem faschistischen Kulturkampf der Trump-Regierung zu leiden. 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