{"id":6033,"date":"2025-07-03T10:41:04","date_gmt":"2025-07-03T09:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6033"},"modified":"2026-09-01T10:43:12","modified_gmt":"2026-09-01T09:43:12","slug":"6033","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6033","title":{"rendered":"Berlin 2099 \u2013 Erkunde die Cyberpunk-Metropolis!"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Dickes B, ja klar, aber nix mehr mit \u201edreckig und laut\u201c \u2013 Peter Fox braucht `nen neuen Slogan f\u00fcr das Berlin im Jahr 2099. Zumindest wenn man dem Comic\u00a0<\/em>Metropolia<em>\u00a0von Fred Duval und Ingo R\u00f6mling Glauben schenken darf. Dort ist Berlin immer noch riesig, aber fast ausschlie\u00dflich zu Fu\u00df zu durchqueren. Was noch so passiert in der Hauptstadt hat unser Autor Lars Schmeink erkundet.<\/em><\/p>\n<p>Die Geschichte von\u00a0<em>Metropolia<\/em>\u00a0ist recht einfach zusammengefasst: der Privatdetektiv Sascha wird von dem Wohnungs- und Stadtentwicklungskonzern Metropolia beauftragt einen Mord aufzukl\u00e4ren, weil ein GPS-Signal die M\u00f6rderin in einem ihrer Wohnkomplexe verortet. Weil aber der Komplex riesig ist und eine Art urbane Parallelwelt, die in den 2030ern als Prestige-Smart-Housing-Projekt mit starker KI von einem exzentrischen Architekten entworfen wurde, geht Sascha Undercover als Architekt und Stadtplaner in das \u201eFlorian\u201c. Dabei deckt er weit mehr auf, als nur einen einfachen Mord \u2026 es geht um Politik, Intrigen, Erpressung und vieles mehr.<\/p>\n<p><em>Metropolia<\/em>\u00a0ist ein Comic des franz\u00f6sischen Autors Fred Duval, der von der Berliner Comiclegende Ingo R\u00f6mling gezeichnet wurde. R\u00f6mling ist ein Star des deutschen Comics und zeichnet u.a. f\u00fcr Disney an Star Wars, d\u00fcrfte Metal- und Dark-Wave-Fans aber durch seine Arbeiten f\u00fcr diverse Bands bekannt sein, deren Albencover er gestaltet. Was Autor und Zeichner in diesem Falle wohl aber eint, ist eine Liebe f\u00fcr den Cyberpunk der 1980er Jahren \u2013 William Gibsons\u00a0<em>Neuromancer<\/em>\u00a0l\u00e4sst hier gr\u00fc\u00dfen.\u00a0<em>Metropolia<\/em>\u00a0k\u00f6nnte grafisch, wie auch in der Story, direkt an Warren Ellis\u2018 Transmetropolitan-Reihe ankn\u00fcpfen, die wiederum an die Arbeiten von Moebius, vor allem dessen Geschichte \u201eThe Long Tomorrow\u201c, erinnern. Nicht umsonst verweist R\u00f6mling in seiner Bio-Notiz direkt auf seine Liebe f\u00fcr das Magazin\u00a0<em>M\u00e9tal Hurlant<\/em>\u00a0(auf deutsch:\u00a0<em>Schwermetall<\/em>), in dem \u201eThe Long Tomorrow\u201c erschien.<\/p>\n<p>In Sachen Cyberpunk fallen an\u00a0<em>Metropolia<\/em>\u00a0entsprechend die R\u00fcckbez\u00fcge sofort auf: So ist Protagonist Sascha ganz klar an Ellis\u2018 Hauptfigur Spider Jerusalem angelehnt, inklusive der markanten Tattoos, polierten Glatze und drahtigen Natur. Die Stra\u00dfenschluchten Berlins, die riesigen autark-existierenden Wolkenkratzer mit Schukarton-Appartments haben ebenfalls eine lange Tradition im Cyberpunk \u2013 von Moebius zu Ellis (vermutlich inspiriert durch Fritz Langs\u00a0<em>Metropolis<\/em>), von Gibsons Arkologien bis zu\u00a0<em>Judge Dredd<\/em>s Megacities. [Mehr Infos und wissenschaftliche Auseinandersetzung zu den Megacities und anderen Cyberpunk Visualit\u00e4ten<a href=\"http:\/\/larsschmeink.de\/?p=3982\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a0gibt es hier<\/a>.]<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>\u00a0Und auch in Sachen Figuren ist der einsame Detektiv, der Lone Wolf, der Ronin, eine Figur, die wir in vielen Cyberpunk-Werken wiederfinden, von Case in\u00a0<em>Neuromancer<\/em>\u00a0bis zu Takeshi in\u00a0<em>Altered Carbon<\/em>. Auch Sascha ist ein Mann der Grauzone, mal Gangster, mal Cop, irgendwie im \u201eLow-Life\u201c des Cyberpunk aktiv, aber ambitioniert, da raus zu kommen: er spart auf genug Geld, um zu seiner Freundin in den USA zu reisen und dem urbanen Leben zu entfliehen. Sein Garten Eden wartet irgendwo in Tennessee. Als Cyberpunk-Fan kommt man also bei\u00a0<em>Metropolia<\/em>\u00a0voll auf seine Kosten und kann so richtig in der Nostalgie dieses Genres schw\u00e4rmen. Doch der Comic ist bei Weitem kein simpler Abklatsch, sondern versucht sich in einem cleveren Update\u2026<\/p>\n<p>Denn der Cyberpunk der 1980er Jahre hat selbst ein nostalgisches Problem, h\u00e4ngt er doch sehr den Zukunftsbildern der 1950er Jahre und ihren von Neonr\u00f6hren beleuchteten und von technischen Gadgets so wunderbar einfach gemachten Zukunft nach. Cyberpunk k\u00f6nnte man entsprechend als eine Retrozukunft beschreiben \u2013 oder wie William Gibson es in\u00a0<em>The Gernsback Continuum<\/em>\u00a0sagt: als \u201esemiotischen Geist\u201c einer Zukunft, die nie eingetreten ist. Besonders deutlich wird dieses Umherspuken alter Zuk\u00fcnfte im massiven Energiebedarf, den Welten wie die von\u00a0<em>Neuromancer<\/em>,\u00a0<em>Snow Crash<\/em>\u00a0oder auch\u00a0<em>Blade Runner<\/em>\u00a0ben\u00f6tigen. All die k\u00fcnstlichen Intelligenzen, technischen Errungenschaften und parallelen Computerwelten ben\u00f6tigen eine riesige Menge Strom \u2013 und wie wir aktuell wissen, ist der fossile Brennstoff, der n\u00f6tig ist, diesen Hunger zu stillen, gerade das gr\u00f6\u00dfte Problem, dem wir uns gegen\u00fcbersehen. Der Cyberpunk hat die Frage des Energiebedarfs all der sch\u00f6nen neuen KI-Welten aber nie adressiert. Entsprechend geistert die L\u00fccke \u201eKlimawandel\u201c durch fast alle Cyberpunk-Texte \u2013 nicht so aber in\u00a0<em>Metropolia<\/em>.<\/p>\n<p>Berlin ist im Jahre 2099, so postuliert der Comic, zur gr\u00f6\u00dften Metropole Europas angewachsen, hat sich aber irgendwann im 21. Jahrhundert angesichts des Klimawandels dazu entschlossen der CDU-Politik einer Autohauptstadt den R\u00fccken zu kehren. Stattdessen gibt es bare M\u00fcnze f\u00fcr jeden Schritt zu Fu\u00df, und alle Energie, die verbraucht wird, wird im Gegenzug besteuert. Die Idee, dass die BVG zu einem Luxusgut werden k\u00f6nnten, ist eine wilde These, aber konsequent, wenn man den CO2-Fu\u00dfabdruck wirklich ernst nimmt. Kein Wunder also, dass Schritte zu einer Art paralleler W\u00e4hrung werden, mit der man Objekte und Dienstleistungen kaufen kann.<\/p>\n<p>Anders als in den meisten Cyberpunk-Texten, ist in\u00a0<em>Metropolia<\/em>\u00a0der Klimawandel allgegenw\u00e4rtig \u2013 von den schattigen Alleen f\u00fcr die Millionen Fu\u00dfg\u00e4nger und Fahrradfahrer, \u00fcber die Szenen schwer atmender Mieter, die in den 12. Stock \u00fcber die Treppen ihres Wohnhauses m\u00fcssen, bis zur Politik der Subvention jedes Schrittes inklusive Technologien, die solche Treppenstufen messen und automatisiert abrechnen. Was, so fragt der Comic, w\u00fcrde eine solche ideologische Umstellung gegen das fossile Brennen bedeuten? Wo l\u00e4gen die Widerst\u00e4nde dagegen? Welche neuen Technologien w\u00fcrden dies bef\u00f6rdern? Welche sozialen Interaktionen? Im konsequenten Durchdenken dieser Frage liegt die St\u00e4rke des Comics und sein wirklich spannender Beitrag zum Genre. Fragen zu starker KI, zu Korruption und der Macht der Megakonzerne gibt es nat\u00fcrlich auch, aber das kritische Potential des Comics liegt eindeutig in einer Welt, in der der Klimawandel Realit\u00e4t ist und sich alles um dieses Faktum herum zu arrangieren hat.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dickes B, ja klar, aber nix mehr mit \u201edreckig und laut\u201c \u2013 Peter Fox braucht `nen neuen Slogan f\u00fcr das<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6034,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[1144,934,66],"tags":[122,1320,1321,1307],"class_list":["post-6033","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fantastik","category-kultur","category-literatur","tag-berlin","tag-comic","tag-metropolia","tag-tor-online-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6033","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6033"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6033\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6036,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6033\/revisions\/6036"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6034"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6033"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}