{"id":6037,"date":"2025-05-15T10:44:41","date_gmt":"2025-05-15T09:44:41","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6037"},"modified":"2026-09-01T10:46:26","modified_gmt":"2026-09-01T09:46:26","slug":"6037","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6037","title":{"rendered":"The Eternaut: Von Invasionen und der Nostalgie der Boomer"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Sie ist der Netflix-\u00dcberraschungshit der letzten Wochen: die argentinische Science-Fiction-Serie\u00a0<\/em>The Eternaut<em>. Wie aus der kultigen, revolution\u00e4ren Comicvorlage eine reaktion\u00e4re Serie werden konnte, und wie das alles mit der Milit\u00e4rdiktatur in Argentinien zusammenh\u00e4ngt, erkl\u00e4rt uns Lars Schmeink.<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>Alien-Invasionen geh\u00f6ren seit H.G. Wells\u2018\u00a0<em>Krieg der Welten<\/em>\u00a0zum festen Programm der Science Fiction. Ob als klassische Darstellungen von imperialer Kriegsmacht, als subversiver Unterwanderung durch Fremde, die aussehen wie wir, oder als undurchsichtige Bedrohung von Oben \u2013 die Aliens werden von der SF immer wieder als Chiffre f\u00fcr unsere verschiedensten \u00c4ngste genutzt. So auch in der neuen Netflix-Serie\u00a0<em>The Eternaut<\/em>, basierend auf einem Comic-Klassiker.<\/p>\n<p>Im Comic\u00a0<em>L\u2019Eternauta<\/em>, des argentinische Autors H\u00e9ctor Germ\u00e1n Oesterheld und seines Zeichners Francisco Solano L\u00f3pez, kommt die Invasion ganz leise und nat\u00fcrlich anmutend daher: eines Abends beginnt es in Buenos Aires auf unerkl\u00e4rliche Weise zu schneien und jeder, der mit den Flocken in Ber\u00fchrung kommt, stirbt. Juan und seine Freunde sitzen in der einen Minute beim Kartenspiel zusammen und m\u00fcssen in der n\u00e4chsten um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen, gegen die ausbrechende Anarchie, aber auch gegen die Invasoren, die mit riesigen K\u00e4fern und versklavten Truppen angreifen. Der Comic legt besonderen Wert darauf, dass Juan, Flavo, und Lucas \u2013 die drei Freunde \u2013 einfache, normale Menschen sind, keine Helden. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr ihre Freiheit, gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen und niemals wirklich zu erkennenden Feind. Diese Underdog-Story hat\u00a0<em>L\u2018Eternauta<\/em>, der von 1957-59 in einem argentinischen Magazin erschien, zum ber\u00fchmtesten Comic Argentiniens werden lassen. Kein Wunder also, dass Netflix den Stoff entdeckt und nun als Serie auf den Markt gebracht hat.<\/p>\n<p>Was dem Comic zum Erfolg verhalf, war vor allem der Zeitgeist der sp\u00e4ten 50er und 60er Jahre und das fast schon prophetische Moment: Zum einen erschien\u00a0<em>L\u2019Eternauta<\/em>\u00a0zu einer Zeit unw\u00e4gbarer politischer Unruhen in Argentinien. Der Milit\u00e4rputsch, der den autokratischen, aber beim Volk wegen seiner sozial-starken Politik geliebten Pr\u00e4sidenten Juan P\u00e9ron aus dem Amt trieb, inspirierte eine linksextreme Bewegung (die Montoneros), die den st\u00e4ndig wechselnden und unsicheren Regierungen im Land gegen\u00fcberstand. Der Kampf des kleinen Mannes gegen das \u00fcberm\u00e4chtige System in\u00a0<em>L\u2019Eternauta<\/em>\u00a0war also eine willkommene Botschaft auf den Stra\u00dfen Buenos Aires\u2018.<\/p>\n<p>Und zum anderen, wurde Oesterhelds Comic immer mehr eine Allegorie seines eigenen Lebens, als h\u00e4tte er seine eigene Zukunft beschrieben. Als das Milit\u00e4r im Jahr 1976 erneut putschte und eine brutale Diktatur errichtete, ging er zusammen mit seinen vier T\u00f6chtern als Teil der Montoneros in den Untergrund. Alle f\u00fcnf geraten nacheinander in die von der Diktatur errichteten Folterlager und Gef\u00e4ngnisse und bleiben f\u00fcr immer verschwunden. Eine im Untergrund geschriebene und noch politischere und kritischere Fortsetzung von\u00a0<em>L\u2019Eternauta\u00a0<\/em>erscheint in dieser Zeit und zementiert den Erfolg des Comics, kostet Oesterheld aber vermutlich auch sein Leben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<h2>Boomernauten<\/h2>\n<p>Der Comic ist also quasi argentinisches Nationalgut, ein Meisterwerk politischer Kritik an der Zeit des Staatsterrors und des dreckigen Krieges gegen das eigene Volk. Und darauf baut auch die Netflix-Serie auf, die versucht, das historische Erbe f\u00fcr ein neues Publikum greifbar zu machen. Eine tolle Idee, ist das Land doch gerade wieder in einer Krise, die Wirtschaft instabil, der Pr\u00e4sident ein Kettens\u00e4gen-schwingender Autokrat. Doch hier wird es kompliziert. Denn der Zeitgeist des Comics, also die revolution\u00e4re Idee linker Politik der 1960er Jahre, ist gekippt, die Revolution\u00e4re sind reaktion\u00e4r geworden. Die Kulturrevolution ist von einem Moment konservativer Boomer-Nostalgie verschlungen worden. Und so wirkt die Geschichte seltsam deplatziert und die Verfilmung ungewollt aus der Zeit gefallen.<\/p>\n<p>Zum einen w\u00e4ren da die Helden \u2013 die Jederm\u00e4nner \u2013 die so gar nicht mehr das Volk repr\u00e4sentieren, weil sie alle Mitte 60 sind, wei\u00df, wohlhabend und gebildet. Juan ist ehemaliger Soldat aus dem Falkland-Krieg (ebenfalls Nationalsymbol und Trauma zugleich) und ein grandioser Sch\u00fctze und K\u00e4mpfer. Flavo ist Elektroingenieur und Bastler \u2013 er kennt sich mit alter Technik aus und kann alles reparieren, was \u00fcberlebenswichtig wird, weil die Serie der 2020er das 1960er Feeling zur\u00fcckholt, in dem es einen elektromagnetischen Puls alle Elektronik ausl\u00f6schen l\u00e4sst. Kein Handy, kein Internet, keine smarten Homes oder Autos, keine KI. Auf einmal ist wieder Mitte des 20. Jahrhunderts und die \u00dcberlebenden m\u00fcssen sich auf Diesel-Generatoren, alte Funkger\u00e4te und vor der \u00d6lkrise gebaute Autos verlassen. Die Helden sind Helden, weil sie dank ihrer Geburt vor dem Aufkommen der Elektronik noch mit einer harten Welt umgehen k\u00f6nnen \u2013 und das nehmen sie als Argument, um alle anderen zu befehligen, \u00fcber sie zu bestimmen und ihren Weg als den einzig wahren zu deklarieren.<\/p>\n<p>Beispielsweise gegen\u00fcber ihren Frauen, die zwar ebenfalls privilegiert sind und ideal in die Situation passen \u2013 Juans Ex-Frau Elena ist \u00c4rztin \u2013 aber den Entscheidungen ihrer M\u00e4nner untergeordnet bleiben. Klar erkennbar ist, dass die Serie hier die Rollenbilder fr\u00fcherer Zeiten st\u00e4rkt und den M\u00e4nnern durch das Storytelling recht gibt. Die Frauen \u00fcbernehmen die Care-Arbeit, k\u00fcmmern sich um Kinder, Kranke, und das soziale Gef\u00fcge, aber sie unterstehen der Macht der M\u00e4nner. Als Elena einer schwangeren Frau Schutz gew\u00e4hren will und sich gegen Juan stellt, wird diese zur Bedrohung, stiehlt lebenswichtige Medikamente und kostet Elena und Juan fast das Leben. Die Serie zementiert also die Weltsicht der M\u00e4nner, die sich und die ihren verteidigen wollen und gegen Solidarit\u00e4t und f\u00fcr Selbsterhalt pl\u00e4dieren.<\/p>\n<p>Noch deutlicher wird die Positionierung der Serie in Hinsicht auf junge Menschen \u2013 denn wie gesagt, Juan und Co. sind \u00fcber 60 und deutlich als Boomer erkennbar. Sie haben einen Plan, handeln gezielt und haben das jetzt in dieser Situation notwendige Skillset: Reparaturen an mechanischen Ger\u00e4ten, Kriegserfahrungen, dominantes Leadership-Verhalten. Und sie haben die Mittel. Ihnen geh\u00f6ren die H\u00e4user, die Autos, die alte Technik, die sie aus Nostalgie gesammelt haben. Die jungen Menschen, dargestellt durch Figuren wie den Neffen eines der Freunde, Omar, oder die Fahrradkurierin Inga, sind von der Situation \u00fcberfordert. Sie treffen problematische Entscheidungen, sind impulsiv und geraten so in Gefahr oder gef\u00e4hrden andere. Zumindest initial werden sie als schlechte Ratgeber dargestellt und m\u00fcssen lernen sich zu anzupassen.<\/p>\n<p>Ein Faktor, den die Serie dabei nie thematisiert: die jungen Menschen haben keinerlei wirtschaftliche Sicherheit und dadurch eben auch keine soziale Macht. Was angesichts der aktuellen Wirtschaftslage in Argentinien sicher Sinn ergibt, aber zugleich auch das so gar nicht repr\u00e4sentative Privileg der Helden Juan und Flavo unterstreicht. Die Jungen erhalten Schutz durch den Besitz der Alten, aber nur, wenn sie deren Regeln befolgen. Als Flavo die Regeln neu definiert und das Auto nicht f\u00fcr individuelle Bed\u00fcrfnisse hergeben will, versteht Omar das als den Akt, der er ist: eine Fremdbestimmung durch die privilegierte Gruppe. Er stiehlt den Wagen und gef\u00e4hrdet so alle \u00dcberlebenden \u2013 ist dazu aber gezwungen, weil die Alten seine Bed\u00fcrfnisse nicht anerkennen und seine Perspektive nicht mal sehen wollen.<\/p>\n<p>Liest man diese Botschaft nicht aus der Sicht der 1960er Jahre (als der Comic popul\u00e4r war), sondern eben der 2020er, dann ist der Kampf der Boomer gegen das \u00fcberm\u00e4chtige System und die R\u00fcckkehr zu eigener Gr\u00f6\u00dfe, Bedeutung, und Macht ein klares Signal: fr\u00fcher war alles besser. Das System, das ist die globale, digitale Welt. Die Revolution dagegen ist Abschottung, sich um die eigenen Bed\u00fcrfnisse k\u00fcmmern, sich selbst der n\u00e4chste sein. Der Comic war ein politischer Akt gegen die Milit\u00e4rdiktatur. Die Serie jedoch dreht die Zeit zur\u00fcck und wirkt dadurch reaktion\u00e4r, ganz so wie es die vermeintlich starken M\u00e4nner Donald Trump und Javier Milei wollen. Sie sieht nicht, dass in der heutigen Zeit der Jedermann nicht ein privilegierter wei\u00dfer Mann mit Geld und Einfluss sein darf. Sie sieht nicht, dass die wirtschaftliche und politische Realit\u00e4t diesen wei\u00dfen Mann zu einem Teil des Systems gemacht hat. Sie sieht nicht, dass eine\u00a0<em>L\u2019Eternauta<\/em>-Umsetzung sich um Inga \u2013 die junge Frau, die als Fahrradkurierin in der Gig-Economy zu \u00fcberleben versucht, ohne Heim und Besitz \u2013 h\u00e4tte drehen m\u00fcssen. Sie sieht nicht, dass sie die falschen Helden und somit symbolisch den Status Quo st\u00fctzt, statt eine echte Revolution zu vermitteln. Das ist schade, denn die eigentliche Botschaft von\u00a0<em>L\u2019Eternauta<\/em>\u00a0ist wichtig und gut \u2013 arbeitet zusammen, wehrt euch gegen die \u00dcberm\u00e4chtigen, lasst euch nicht unterkriegen. Vielleicht schaffen die Macher*innen der Serie ja den Erfolg der ersten Staffel zu nutzen, um die Botschaft der zweiten besser an die heutigen Realit\u00e4ten anzupassen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie ist der Netflix-\u00dcberraschungshit der letzten Wochen: die argentinische Science-Fiction-Serie\u00a0The Eternaut. 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