{"id":6041,"date":"2024-07-18T10:46:57","date_gmt":"2024-07-18T09:46:57","guid":{"rendered":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6041"},"modified":"2026-09-01T10:48:47","modified_gmt":"2026-09-01T09:48:47","slug":"6041","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=6041","title":{"rendered":"This is fine \u2013 Die Welt brennt, auch in der SFF"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p><em>Nicht nur Union und FDP halten am Verbrennungsmotor fest, auch in der Fantastik bleibt das Verbrennen fossiler Rohstoffe ein wichtiges Element. Lars Schmeink ist der Frage nachgegangen, woran das liegt, was Petromaskulinit\u00e4t ist und warum M\u00e4nner so gerne die Welt verbrennen.<\/em><\/p>\n<p>\u201eIn real life\u201c versuchen wir unseren Konsum an Energie zu mindern, doch in der Fantastik scheint das Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger nach wie vor eine Bl\u00fctezeit zu haben. Die Fantastik ist durchsetzt mit nostalgischen Momenten automobiler Freiheit \u2013 von Marty McFlys DeLorean zu Dean Winchesters Baby \u2013 oder dem Wunsch nach fliegenden Rennsch\u00fcsseln wie dem Millennium Falken, der den Kessel-Run in weniger als 12 Parsecs geschafft hat. Die Fantastik, insbesondere die Science Fiction, lebt hier gerade einen schizophrenen Moment aus. Ein paar Anmerkungen\u2026<\/p>\n<h2><strong>Ultimative Machtfantasien des Fossilen<\/strong><\/h2>\n<p>Der Doof-Warrior (engl.\u00a0<em>doof<\/em>: Wumms, wie die Vibration von B\u00e4ssen) steht auf einem massiven Gef\u00e4hrt, ausgestattet mit hunderten Lautsprechern und spielt eine martialische Mischung aus Gitarre und Flammenwerfer, um damit die automobile Kriegsmaschinerie der War Boys anzutreiben. George Millers Film\u00a0<em>Mad Max: Fury Road<\/em>\u00a0h\u00e4tte uns kaum ein besseres Bild f\u00fcr unsere aus den Fugen geratene Welt und ihre schizophrene Denke liefern k\u00f6nnen als diesen Exzess. In der post-apokalyptischen und vom Klimawandel v\u00f6llig ausgetrockneten Welt klammern sich m\u00e4chtige M\u00e4nner wie Immortan Joe an die Ausbeutung des Planeten und anderer Menschen. Es ist ein Bild voller nicht allzu subtiler Ideen und Bedeutungen: der LKW ist ein umgebauter Raketentransporter, phallisches Symbol einer maskulinen Weltsicht von Eroberung, Dominanz und Gewalt. Die Lautsprecher sorgen f\u00fcr Verst\u00e4rkung, die Botschaft ist un\u00fcberh\u00f6rbar, kann nicht ignoriert werden. Die Gitarre spuckt unerl\u00e4sslich brennendes Benzin, trotz des Mangels der Ressource, und steht damit als Zeichen von Immortan Joes Macht. F\u00fcr den Effekt, f\u00fcr die Einsch\u00fcchterung diese Menge wertvoller Energie zu verbrennen ist gewaltvoll und es spricht f\u00fcr Immortan Joes Autoritarismus. Das der Doof-Warrior blind ist und an Seilen aufgeh\u00e4ngt wie eine Puppe geh\u00f6rt ebenso zur Botschaft wie die Tatsache, dass Immortan Joe all seine War Boys zehntausende Liter Benzin verbrennen l\u00e4sst, um seine Macht \u00fcber einige rebellische Frauen zu beweisen, die er mit misogyner Gewalt als \u201eBreeder\u201c und als sein Eigentum deklariert hat. In der Welt von\u00a0<em>Mad Max<\/em> regiert toxische M\u00e4nnlichkeit auf der Grundlage fossiler Ausbeutung und Gewalt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<p>Was Miller in seinen Filmen als postapokalyptische Welt in extreme Bildsprache umsetzt, gilt der Politikwissenschaftlerin Cara Daggett als kulturelle Auspr\u00e4gung einer sozio-politischen Denkweise, die sie \u201ePetromaskulinit\u00e4t\u201c nennt. Sie verweist mit dem Begriff auf die Machtstrukturen, die zugleich auf der Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger beruht, als auch dabei andere r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Positionen einnimmt, etwa die R\u00fcckgewinnung eines (wei\u00dfen) Patriachats und den R\u00fcckgriff auf autorit\u00e4re Politik. Donald Trumps Versprechen die Kohleindustrie zur\u00fcck zu bringen ist ebenso ein Ausdruck davon wie Markus S\u00f6ders Forderung nach dem Aus vom Verbrenner-Aus, die Bild-Hetze gegen W\u00e4rmepumpen oder Fritze Merz\u2018 v\u00e4terliche Belehrungen gegen die Letzte Generation. Dabei steht diese Form der Machtdemonstration gegen die eigene rationale Erkenntnis der \u00dcberholtheit. Statt Teil einer soliden \u00d6konomie, sind die fossilen Energien vielmehr Identit\u00e4tsmarker: sie werden zu Werten wie Autonomie, Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit. Petromaskulinit\u00e4t beruft sich also nicht auf marktgetrieben Realit\u00e4ten, sondern bedient vor allem \u201epsycho-affektive Dimensionen\u201c, wie Dagget sagt: Es geht um W\u00fcnsche und Fantasien. Und genau das macht auf kultureller Ebene die Auseinandersetzung mit Petrokulturen (beispielsweise die teils unterschwellige Darstellung einer Abh\u00e4ngigkeit von fossiler Energie zur Erhaltung von Wohlstand), gerade auch in der Fantastik so problematisch.<\/p>\n<p>Fossile Energie ist, vor allem in der Science Fiction, ein unterschwelliges Thema, das zwar selten zum Dreh- und Angelpunkt der Story wird, aber unterbewusst doch immer mitschwingt. Daher ist unser Umgang mit den \u201eM\u00e4nnern, die die Welt verbrennen\u201c (wie Christian St\u00f6cker so passend formuliert hat) auch in der Fantastik durchaus kritisch zu sehen. Da sind die Momente einer Nostalgie, die uns in die Mitte oder das Ende des 20. Jahrhunderts zur\u00fcckversetzt \u2013 in eine Zeit, die vermeintlich einfacher war, geordneter, in es noch Werte wie Gemeinschaft, Familie, Glaube gab. Sam und Dean Winchester fahren den 1967er Impala in\u00a0<em>Supernatural\u00a0<\/em>nicht ohne Grund. Er steht in der amerikanischen Zeitgeschichte (wie in der Serie auch) f\u00fcr den Moment, den es wiederherzustellen gilt: Wohlstand, Sicherheit, F\u00fcrsorge. Daddy Winchester lebt mit seiner Frau und zwei S\u00f6hnen das perfekte Mittelstandsleben in Kansas, ist Automechaniker und kann mit der Kraft seiner zwei H\u00e4nde das Leben seiner Familie sichern. Das Auto repr\u00e4sentiert in der Serie die Autonomie der beiden Helden ebenso wie ihre M\u00e4nnlichkeit \u2013 mit einem Augenzwinkern wird \u201eBaby\u201c zum Zentrum der Winchester-Identit\u00e4t als moderne Cowboys. Der Marlboro-Man l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, die Freiheit liegt auf der Stra\u00dfe. Wir ignorieren dabei nat\u00fcrlich, dass diese Form des amerikanischen Wohlstands eng mit der Ausbeutung anderer Gesellschaften (f\u00fcr die Ressourcen), Ungleichheit (in der Verteilung des Wohlstands zwischen schwarzen und wei\u00dfen Amerikanern), und vor allem getrennten Genderrollen (die Hausfrau vs. der arbeitende Mann) verbunden war.<\/p>\n<p>Petrokultur findet sich aber nicht nur als nostalgischer Moment einer reaktion\u00e4ren Fantasie in der Fantastik wieder. Anspielungen darauf sind in vielen SFF-Produktionen durchaus erkennbar. Der DeLorean ben\u00f6tigt die nahezu unm\u00f6gliche Menge von 1,21 Gigawatt, die zwar zuerst noch durch illegales nukleares Material organisiert wird, dann aber am Ende des Films durch Recycling von Lebensmittelresten. Das ist wohl diese Technologieoffenheit von der die FDP immer schwadroniert, eFuels for the win. Und auch wenn die Welt von\u00a0<em>Blade Runner<\/em>\u00a0durch Klimawandel unbewohnbar ist (wie die riesigen Werbetafeln f\u00fcr ein besseres Leben \u201eoff-world\u201c ja deutlich zeigen), fliegt der \u201eSpinner\u201c von Deckard am Anfang des Films vorbei an Erd\u00f6l-Anlagen, die \u00fcbersch\u00fcssige Gase abbrennen. Erst drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter im zweiten Teil\u00a0<em>Blade Runner 2049<\/em> fliegt Ks Spinner \u00fcber Solarthermie-Anlagen hinweg. Da jedoch ist die Erde schon nahezu unbewohnbar und k\u00e4mpft mit den massiven Folgen des Klimawandels \u2013 von der Ausbreitung der W\u00fcsten bis zu den steigenden Wasserpegeln der Meere.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"content-text \">\n<div class=\"grid-wrap\">\n<div class=\"w24 mw16 mw-left-4 lw14 lw-left-5\">\n<h2><strong>Treibstoff im Weltraum<\/strong><\/h2>\n<p>Aber was ist mit Space Operas und der Eroberung des Weltalls? Woher stammt die Energie f\u00fcr Warp, Hyperdrive und Co? Bleiben wir bei den gro\u00dfen Franchises. Um dem Problem aus dem Weg zu gehen, wird in\u00a0<em>Star Trek<\/em>\u00a0kurzerhand eine neue Reaktorform erfunden, die den Atomreaktor in eine supersaubere und v\u00f6llig unproblematische Technologie verwandelt.\u00a0<em>Star Trek<\/em>\u00a0ist eine Techno-Utopie, und die Antimaterie-Reaktoren, die hier als L\u00f6sung vorgeschlagen werden sind leider \u00e4hnlich wissenschaftlich machbar wie Replikatoren, Transporter oder auch der Warp-Antrieb \u2013 die FDP kauft schon mal Aktien, der Rest von uns sucht realistische Alternativen. In\u00a0<em>Star<\/em>\u00a0<em>Wars<\/em>\u00a0hingegen findet sich ein fossiles Energiesystem, das Roh\u00f6l durch ein Element namens Coaxium ersetzt. Ansonsten funktioniert es genauso: es wird unter ausbeuterischen Bedingungen extrahiert, ist Objekt von Kriegen und Kriminalit\u00e4t, und es wird verbrannt.<\/p>\n<p>Spannend ist, dass Treibstoff, Extraktion und Auswirkungen in fast allen Produkten des Franchises ignoriert werden und einzig\u00a0<em>Solo: A Star Wars Story<\/em>\u00a0das Thema behandelt, dabei aber nur die Ausbeutung bei der Extraktion thematisiert, w\u00e4hrend Auswirkungen der Verbrennung ignoriert werden. In allen anderen Filmen und Serien wird kr\u00e4ftig der Mythos von (auto)mobiler Freiheit und Identit\u00e4tsstiftung bedient: Anakin und sein Podracer, Vader und der TIE-Fighter, Luke und der X-Wing \u2013 jeder Charakter ist eng mit seinem Fahrzeug verbunden. Daher ist es auch dem Fandom so misogyn aufgesto\u00dfen, als ausgerechnet Han Solo seinen geliebten Falken an Rey abgegeben hat. Eine Frau?! Oh nein, das geht nicht \u2013 Petromaskulinit\u00e4t l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Aber klar ist, Todessterne, imperiale Zerst\u00f6rer oder rebellische Truppentransporter ben\u00f6tigen viel Energie, um so einen Sternenkrieg zu f\u00fchren \u2013 Energie, die im Franchise einfach vorhanden ist und keine wirklich negativ Konsequenzen f\u00fcr das Universum hat. Dabei gehen vorsichtige Sch\u00e4tzungen heute davon aus, dass milit\u00e4rische Fahrzeuge (im Kriegseinsatz und bei Man\u00f6vern\/Trainings) etwa 5,5% des globalen CO2-Aussto\u00dfes verursachen, mehr als der ganze Staat Indien. Aber dar\u00fcber reden wir lieber nicht \u2013 so ein Eurofighter fliegt halt nicht elektrisch.<\/p>\n<h2><strong>Kopf in den Sand steck<\/strong>en<\/h2>\n<p>Den Klimawandel zu ignorieren, scheint die Strategie der Stunde. Der Kulturwissenschaftler Mark Bould argumentiert, dass wir die Realit\u00e4t des Klimawandels in unser kulturelles Unbewusstes verdr\u00e4ngt haben (sein Buch hei\u00dft:\u00a0<em>The Anthropocene Unconscious<\/em>). Wir haben zwar die existenzielle Bedrohung irgendwie erkannt, leben aber dennoch so als sei nichts los. This is fine. Vielmehr noch, wir zelebrieren mit Filmen wie\u00a0<em>Fast &amp; Furious<\/em>\u00a0oder eben\u00a0<em>Mad Max<\/em>\u00a0den \u201eTodestrieb der fossilen Kultur\u201c, so Bould: \u201eAlles was [diese Filme] sehen, ist die verbrannte Erde. Und sie k\u00f6nnen nicht wegsehen, k\u00f6nnen nicht an etwas anderes denken. Sie sind ganz und gar Ablenkung und Verheimlichung, Prahlerei und T\u00e4uschung. Aber sie k\u00f6nnen ihre Angst nicht verbergen. Sie wissen, dass es vorbei ist.\u201c Die Fantastik dieser Filme, die Irrealit\u00e4t der immer spektakul\u00e4reren Action, der immer bombastischeren automobilen Zerst\u00f6rungswut verweist darauf, dass diese petromaskuline Weltsicht sich dem Ende zuneigt. Ohne das Fantastische ist\u00a0<em>Fast &amp; Furious<\/em>\u00a0nicht mehr denkbar, wie Bould deutlich macht: Die Reihe schwelge \u201ein der Fantasie der Gro\u00dfen Beschleunigung des endlosen Petroleums\u201c ohne je die \u201eKosten der fossilen Kultur\u201c zu zeigen: Treibstoff kommt so gut wie nie vor, in Filmen, die kontinuierlich Autos zeigen. Und diese Autos sind zu den gew\u00fcnschten Aktionen (die Stunts, die Rennen) gar nicht in der Lage \u2013 die Abh\u00e4ngigkeit von computergenerierten Bildern starrt einem ins Gesicht. In Anbetracht der Klimakatastrophe sind Autos pure Eskapismus-Fantasy. Es wird immer schwieriger sich dieser Realit\u00e4t zu verweigern. Es wird Zeit, dass auch die Fantastik diesen Umstand anerkennt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur Union und FDP halten am Verbrennungsmotor fest, auch in der Fantastik bleibt das Verbrennen fossiler Rohstoffe ein wichtiges<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6042,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","_vp_format_video_url":"","_vp_image_focal_point":[],"footnotes":""},"categories":[942,6,114,934],"tags":[1016,1323,1324,1307],"class_list":["post-6041","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diverse","category-film","category-kolumnen","category-kultur","tag-film","tag-mad-max","tag-petrofutures","tag-tor-online-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6041"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6044,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041\/revisions\/6044"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6042"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wortraub.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}