{"id":816,"date":"2006-01-01T00:00:56","date_gmt":"2005-12-31T23:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=816"},"modified":"2013-06-01T17:53:27","modified_gmt":"2013-06-01T16:53:27","slug":"viel-feind-viel-ehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=816","title":{"rendered":"Viel Feind, viel Ehr!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Superman hat einen, Spiderman hat einen, George Bush hat mindestens einen und die Katze vor meiner Haust\u00fcr auch. Nur ich nicht. Ich habe keinen Feind, zumindest nicht, dass es mir bisher aufgefallen w\u00e4re. Mir passieren zwar st\u00e4ndig die beschissensten Dinge, doch eine b\u00f6swillige Absicht konnte ich dahinter noch nicht entdecken. Das w\u00e4re ja auch zu sch\u00f6n, oder?<!--more--> Der Bus f\u00e4hrt mir vor der Nase weg, weil der Busfahrer einen Racheeid f\u00fcr die Sch\u00e4ndung seiner kleinen Schwester geleistet hat. Oder der Autofahrer vor mir bremst im eiskalten Kalk\u00fcl bei gr\u00fcner Ampel, um mich durch Arbeitsunf\u00e4higkeit als Konkurrenten in der Firma auszuschalten. Nein, leider nicht. Mir kacken die Leute einfach nur aus Ignoranz an den Koffer. Weil ich Idiot zur falschen Zeit am falschen Ort war: mein Fehler. Kein Feind, kein Ehr. Alles purer Zufall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Geschichten funktioniert das ganz anders. Da wird heimlich intrigiert und gemeuchelt und mit Herzblut bekriegt. Da hat jedes \u00dcbel immer eine Ursache im Willen des Feindes. F\u00fcr jeden ernstzunehmenden Helden bedarf es eines mindestens genauso entschlossenen Feindes. Achilles und Hector, Othello und Iago, Captain Ahab und Moby Dick, Tom und Jerry. Vom Heldenmythos bis zum Kindercomic &#8211; \u00fcberall wimmelt es von Feindschaften. In historischer Sicht gilt nat\u00fcrlich dasselbe. Noch bis in die 50er Jahre hinein galten Deutschland und Frankreich als Erzfeinde und bis zur Wende waren sich Kommunisten und Kapitalisten spinnefeind. Mittlerweile ist die Situation grotesk geworden, alte Feinde sind neue Freunde und in China gibt es den kommunistischen Kapitalismus. Da verwundert es kaum, wenn uns die Feinde ausgehen. Aber das ist ja auch gut so, oder nicht? Vielleicht nicht so gut, wie man auf den ersten Blick meinen k\u00f6nnte. Ich habe da eine gewagte Theorie. Wir brauchen Feinde. Ganz dringend sogar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M. Night Shyamalan hat in seinem Film <em>Unbreakable<\/em> versucht genau diese These zu ergr\u00fcnden. Der Film stellt die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von B\u00f6sewicht und Held. Salopp formuliert k\u00f6nnte man sagen, ohne Schurken gibt es auch keine Helden. Das ist wie mit dem Licht und der Dunkelheit und so. Im Film bringt es der B\u00f6sewicht auf den Punkt: &#8222;Jetzt wo wir wissen, wer du bist, wei\u00df ich endlich, wer ich bin. Ich bin kein Fehler.&#8220; Selbstfindung im Angesicht des Gegners. Wir brauchen also Feinde, um uns selber zu erkennen und \u00fcber uns hinauswachsen zu k\u00f6nnen. Umgekehrt klappt das auch, denn wer Gro\u00dfes vollbringen will, der st\u00f6\u00dft immer auf die Mi\u00dfgunst der Anderen. Oscar Wilde hat behauptet, dass man um wirklich beliebt zu sein, ein ziemlich mittelm\u00e4\u00dfiger Mensch sein m\u00fcsste, denn &#8222;Jeder Erfolg, den man erzielt, schafft einen Feind.&#8220; Das beste Beispiel dieses Wechselspiels ist wohl die derzeitige Misere bei der NASA. Bis zum Ende des Kalten Krieges hatten die Spacecowboys ein immenses Budget f\u00fcr ihre Forschung zur Verf\u00fcgung, dem Milit\u00e4r sei dank. Neue Techniken wurden mit Priorit\u00e4t entwickelt, um dem verhassten Erzfeind in Moskau eins auszuwischen. Doch dann: Perestroyka und aus die Maus. Der Geldhahn versiegt und was \u00fcbrig bleibt vom einstigen Star Wars Imperium ist ein Haufen fliegendes Altmetall. So stimulierend kann eine Feindschaft sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem pers\u00f6nlichen Level k\u00f6nnten uns Feinde also dabei helfen besser Menschen zu werden und mehr zu leisten. Unsere Gesellschaft ist oberfl\u00e4chlich und ignorant geworden. Das Bekenntnis zu einer Feindschaft dagegen ist intensiv und bedarf eines komplexen Studiums. Der chinesische General Sun Tzu hat vor 2500 Jahren in seinem epochalen Werk <em>Die Kunst des Krieges<\/em> geschrieben: &#8222;Wenn Du Deinen Feind kennst und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu f\u00fcrchten.&#8220; Zieht man mal das metaphorische Geschwafel zum Beeindrucken irgendwelcher K\u00f6nige ab, bleibt auf die heutige Zeit bezogen nur die Erkenntnis, dass wir uns nicht genug Zeit nehmen, eine Feindschaft zu entwickeln. Dazu m\u00fcsste ich mich ja erstmal mit einem anderen Menschen als mir selbst besch\u00e4ftigen. Und darauf hat keiner mehr Lust. Deshalb stelle ich die Forderung: wir brauchen Feinde! Um dem politischen Schlagwort der Innovation ein wenig Nachdruck zu verleihen und den n\u00f6tigen Ruck durch Deutschland zu schicken, sollte sich wirklich jeder einen Feind suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau! Das werde ich jetzt auch tun. Ich gelobe hiermit feierlich, ich werde mir einen Feind anschaffen: J\u00f6rg aus der vierten Klasse. Der hat mir damals immer die Federtasche geklaut und mich nach der Schule mit Dreck beworfen. Ich werde ihn ausfindig machen, dann werde ich seine Vergangenheit ergr\u00fcnden. Ich werde seine Ziele in Erfahrung bringen und sie vereiteln. Ich werde jede wache Minute der Vernichtung meines Feindes widmen. Jawoll! Und wenn der Kerl nicht in zehn Jahren ein Heilmittel gegen Krebs erfunden hat, dann wei\u00df ich auch nicht mehr weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Artikel ist anderweitig unver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Superman hat einen, Spiderman hat einen, George Bush hat mindestens einen und die Katze vor meiner Haust\u00fcr auch. 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