{"id":825,"date":"2006-01-01T00:00:58","date_gmt":"2005-12-31T23:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=825"},"modified":"2013-06-01T17:53:40","modified_gmt":"2013-06-01T16:53:40","slug":"opium-furs-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=825","title":{"rendered":"Opium f\u00fcrs Volk"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mit dem Trend zu leben, kann f\u00fcr It-Girls, Boxenluder und Partyhengste zur Lebensaufgabe werden. F\u00fcr Trendscouts, Designer und Werber ist es das t\u00e4glich&#8216; Brot, und die intellektuelle Elite \u00fcbt sich in Abgrenzung. Das Massenph\u00e4nomen &#8222;Kultur&#8220; setzt die Ma\u00dfst\u00e4be unseres Lebens. IN und OUT sind das Adrenalin, das das Herz vorantreibt &#8230;<!--more--> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hiermit m\u00f6chten ich mich outen, gleich im doppelten Sinne des anglizistischen Wortes. Einserseits eignet sich dieser Artikel eindeutig als Offenbarung gegen\u00fcber der (zum Gl\u00fcck anonymen) Masse, andererseits ist das Thema dieses Lippenbekenntnisses der Trend: ich bin OUT, v\u00f6llig nicht-hip, weder phatt, noch cool und ganz bestimmt nicht IN. Wenn ich also die Tatsache in Kauf nehme, von jetzt an von meinen Mitmenschen nur noch gequ\u00e4lte Blicke und mitleidiges Schnarren entgegengebracht zu bekommen, dann nur um endlich meine Seele zu erleichtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versteht mich nicht falsch, ich war mal IN, oder zumindest hab ich es mal versucht. 14 Jahre alt und der festen \u00dcberzeugung, da\u00df der Sinn meines Lebens darin best\u00e4nde, mich im Marken-dschungel zu beweisen. Levis, Nike und Diesel waren in diesen Tagen das Triumvirat und ich musste mich entscheiden. Denn leider war mein Geldbeutel knapp, meine Mutter ein st\u00e4ndiges Hindernis bei der Umsetzung meiner Pl\u00e4ne (&#8222;Schatz, ich hab da was bei C+A gefunden.&#8220;) und mein Arsch ein wenig zu umfangreich f\u00fcr die 501. Demnach investierte ich statt in die Dreifaltigkeit nun in das duale System: ich lenkte kritische Blicke von Mutters Billigjeans durch eine coole Diesel-Jacke in lila (!) und die ersten Air Jordans ab. So trendy war ich nicht lange: die immerw\u00e4hrende Erneuerung der Statussymbole erforderte eine zu hohen logistischen Aufwand &#8211; kurz gesagt mein Taschengeld hielt dem Trend nicht stand, ich war pleite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ja, es folgte was folgen musste: ich wurde zum sozialen Aussenseiter. Meine Schuhe waren \u00fcberholt &#8211; das selbe Schicksal teilte Jahre sp\u00e4ter ihr Namensgeber &#8211; und lila war eine Farbe f\u00fcr K\u00fche aber nicht f\u00fcr Jacken. Hinzu kamen einige Erfahrungen mit der Subkultur (Stichwort: Metall-Kutte) und schon war ich sowas von OUT, zumindest f\u00fcr den Mainstream. Doch das Sch\u00f6ne an unserer postmodernen Flickenteppich-Gesellschaft ist nunmal eine Ecke f\u00fcr jeden. Ich wurde durch einen gut-getimten USA-Aufenthalt zum hippsten Sch\u00fcler an unserer Schule. Noch bevor sich in Deutschland eine Jugendgeneration in Holzf\u00e4llerhemden und DocMartens mit fettigen Haaren auf die Suche nach dem Schwermut des Lebens machte, wu\u00dfte ich, was Grunge bedeutet und wo Seattle liegt. Auch ein Anti-Trend ist ein Trend, und da\u00df das nicht lange gut geht, bewies uns allen Kurt Cobain.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verzichtete allerdings auf derart drastische Ma\u00dfnahmen und wechselte lieber die Subkultur nach belieben: vom Grunge zum Punk, vom Punk zum Goth, vom Goth zum Raver und wieder zur\u00fcck zum Rocker. Immermal wieder streifte der eine oder andere Trend meinen Lebensabschnitt, doch im Gro\u00dfen und Ganzen verlor ich den \u00dcberblick und sp\u00e4testens seit HipHop die Massenkultur erreicht hat, ist mein Horizont zu klein. Von all den Acronymen, die mich heute aus der Werbung anschreien, kenne ich kaum noch eine: DKNY, D+G, CKY, RBK, K1X, RDJ. Die Sprache auf der Stra\u00dfe klingt nach Brooklyn in Hamburg und rosa als Trendfarbe f\u00fcr M\u00e4nnerhemden hat mich zu Tode ge\u00e4ngstigt. Was habe ich verpasst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort ist ganz einfach: den Trend. Und nicht nur einen, sondern ganz, ganz viele in den letzten Jahren. Ich habe aufgegeben, mich \u00fcber die Farbkombinationen in den H+M Schaufenstern zu wundern. T\u00fcrkis und braun?! Ein Wiedersehen mit den Trends aus meiner Jugend l\u00f6st keine Zeitreise-Panik mehr aus. Waren Converse Chucks nicht in den 80er IN? Na und, dann sind sie es halt wieder. Das mit den Trends scheint ja auch zyklisch zu sein, oder warum ist Asymetrie bei Klamotten so beliebt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich jedenfalls bin ganz zufrieden damit, OUT zu sein. Ich brauche meinen Klamottenschrank nicht alle Vierteljahr zu erneuern, meine Musiksammlung nicht zu verstecken, damit keiner die S\u00fcnden von letzter Woche sieht und ganz bestimmt auch nicht jeden Tag den Friseur bel\u00e4stigen, um ihm den neuesten Look abzuzwingen, den ich gerade aus dem Internet gezogen habe: &#8222;So sah Beckham gestern abend aus. Genauso will es auch haben!&#8220; Ich sitze also vor dem Rechner, in schwarzem T-Shirt (pa\u00dft zu allem), ohne Marke oder Spruch darauf und schreibe einen Artikel \u00fcber Trends, die ich nicht kenne. Nur meine DocMartens, die hab ich immer noch. Ob die nun OUT oder IN sind, wei\u00df ich nicht. Ist auch schei\u00dfegal. Ruft mich an, wenn OUT sein wieder IN ist, ok?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Artikel ist anderweitig unver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Trend zu leben, kann f\u00fcr It-Girls, Boxenluder und Partyhengste zur Lebensaufgabe werden. 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