{"id":901,"date":"2006-06-01T00:00:23","date_gmt":"2006-05-31T23:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/wortraub.com\/?p=901"},"modified":"2013-06-01T18:26:27","modified_gmt":"2013-06-01T17:26:27","slug":"weg-mit-dem-klischee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortraub.com\/?p=901","title":{"rendered":"Weg mit dem Klischee"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Rocker sind harte Kerle, t\u00e4towiert und b\u00e4rtig, gerne auch mit langer Haarpracht zum Sch\u00fctteln. Sie saufen, fahren Harley Davidson und rauchen wie ein alter Kamin. Oder etwa nicht?<!--more--><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tochter meiner Nachbarn ist s\u00fc\u00dfe Sechzehn und ein aufm\u00fcpfiger Teenager. Ihr Alter verbirgt sie hinter einer dicken Schicht Schminke und gespieltem Selbstbewusstsein. Am Girls&#8216; Day war sie zu Besuch in der Werkstatt von Vaters Sanit\u00e4runternehmen und der Kommentar, den sie am Abend f\u00fcr die Aktion \u00fcberhatte, bedeutete vieles, aber bestimmt nicht, dass sie eine Karriere im Familienbetrieb anstrebte. Vielleicht h\u00e4tte sie stattdessen lieber \u00fcber andere Karrierfelder nachdenken sollen, in denen Frauen bislang Mangelware sind. Wie die harte Rockmusik zum Beispiel. Neben Doro Pesch gibt es da zumindest in Deutschland kaum nennenswerte Vertreter und auch international muss man lange suchen, um wirklich harte Rockerinnen zu finden. F\u00fcndig k\u00f6nnte man zum Beispiel in Kanada werden, wo sich 1995 eine junge Frau selbst zur K\u00f6nigin der Rockmusik gek\u00fchrt hat: Bif Naked.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei klingt die Geschichte der Rock-Queen fast mythisch. Sie ist die verbotene Lendenfrucht einer jungen kanadischen Missionarin, die sich mit einem indischen Jungen eingelassen hatte und in Furcht vor einem Skandal in eine psychatrische Klinik eingewiesen wurde. Von den indischen Beh\u00f6rden &#8222;Baby G.&#8220; getauft, wurde sie von einem amerikanischen Paar adoptiert und verbrachte ihre Kindheit in den USA. Als sie dreizehn war zog ihre Familie ins kanadische \u00d6dland in der Mitte des Kontinents. H\u00e4tte es damals schon einen Girls&#8216; Day gegeben, Bif h\u00e4tte sich bestimmt bei einer Rockband vorgestellt. Denn in Mitten des Flachlandes gab es f\u00fcr die Jugend nichts zu tun, au\u00dfer sich zu besaufen, Schei\u00dfe zu bauen und jede Menge Rock zu h\u00f6ren. In der Schule lernte sie ein paar Jungs kennen, die sich Gorilla Gorilla nannten und schr\u00e4ge Punk-Metal-Coverversionen spielten. Bif war schwer beeindruckt und liess sich auf Spiel mit dem Feuer ein. Sie wurde S\u00e4ngerin und sexy Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr Jungle Milk, heiratete zu jung einen Musikerkollegen und war st\u00e4ndig breit. &#8222;Ich hatte eine ganz furchtbare Alkohol-Intoleranz. Ein Essl\u00f6ffel Bier und ich war breit bis zur Besinnungslosigkeit. Und das passierte mir st\u00e4ndig. Mich auf ein Date einzuladen war ziemlich billig, ich war das beliebteste M\u00e4dchen in der High School. Es hat f\u00fcr mich nie funktioniert. Ich habe ein paar sehr miese Entscheidungen getroffen, wie man das eben so tut, wenn die Sicht vernebelt ist&#8220;, erkl\u00e4rt Bif ihre damalige Situation. Die Ehe hielt nur kurz und Bif wusste, dass sie ihr Leben \u00e4ndern musste, oder sie w\u00fcrde draufgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der entscheidende Einschnitt in ihrem Leben kam als sie nach Vancouver zog, ihre Lebensweise der Straight Edge-Philosophie anpasste und ihre erste Soloplatte auf den Markt brachte. &#8222;Nach mehreren Alkoholvergiftungen brauchte ich eine neue Ausrichtung. Eine Freundin war Straight Edge und sie war trotzdem immer die coolste Braut auf der Party. Also dachte ich mir: das willst du auch. Du willst ein Vorbild sein, eine Aussage damit treffen.&#8220; Seitdem trinkt sie nicht mehr, raucht nicht, nimmt keine Drogen und ern\u00e4hrt sich komplett vegan. Eine Radikalkur. Und ein absoluter Widerspruch zu den Idealen der restlichen Rockwelt. Doch f\u00fcr sie ist diese Entscheidung, das wichtigste, was sie jungen M\u00e4dchen mitgeben kann. Wenn sie jungen Girl-Bands begegnet, die f\u00fcr harte Mannsbilder die Vorband mimen, dann wird sie richtig stinkig: &#8222;Ich habe keine Respekt f\u00fcr diese Rock-H\u00e4schen, die momentan die kanadische Musikwelt bev\u00f6lkern. Ich werde stinksauer wenn ich das sehe. Die geben dem Rock ein beschissenes Image, weil sie nur mit der Band v\u00f6geln wollen, deren Vorband sie sind. So werden die nie zu richtigen Rockern. Das ist das falsche Ziel.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bifs Ziel dagegen hei\u00dft jede Menge Spa\u00df an der Musik zu haben, ein kreatives Outlet zu finden und dabei auch noch eine positive Botschaft zu verbreiten. Daf\u00fcr hat sie sich selbst erfunden. Sie gr\u00fcndete mit Her Royal Majestys Records ihre eigenes Label, suchte sich f\u00fcr ihre Platten einige talentierte Songschreiber, wie etwa Jimmy Allen von Puddle of Mudd, und begann mit der musikalischen Selbstverwirklichung. Seit 1995 hat sie es mittlerweile auf f\u00fcnf Alben gebracht, mit &#8222;Spaceman&#8220; eine veritable Hitsingle gehabt und auch sonst so einiges an Auszeichnungen abger\u00e4umt. Sie war Moderatorin bei MTV und sahnte bei den Juno-Awards ab, dem kanadischen Pendant zum Echo. Ganz nebenbei ist sie auch noch Extrem-Sportlerin: sie f\u00e4hrt BMX, Snow- und Skateboard und macht Bodybuilding. Ein Powerpaket eben. Sie sagt von sich selbst, sie sei &#8222;Hardcore&#8220; und erkl\u00e4rt dann lachend, &#8222;Hardcore hei\u00dft ich mache alles selbst, und gebe immer 100 Prozent. Nicht Hardcore im Sinne von Sicherheitsnadeln und Irokesenschnitt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr \u00c4u\u00dferes spielt aber dennoch eine gewichtige Rolle, denn mit ihren \u00fcber 30 T\u00e4towierungen und der Betty-Page-Frisur hat sich Bif ein klar definiertes Image geschaffen. Ein Image, dass sich verselbst\u00e4ndigt hat. Sie wird gerne als b\u00f6se dreinblickende Rockerin dargestellt und ist so zu Kanadas &#8222;Hottest Female in Rock&#8220; gew\u00e4hlt worden. MTV hat sie sogar noch vor Pink und Christina Aguilera zur &#8222;Sexiest Female with Tattoos&#8220; gek\u00fchrt. Sie kann dar\u00fcber nur den Kopf sch\u00fctteln: &#8222;So eine angebliche Ehrung zu bekommen ist seltsam. Ich habe mich schlie\u00dflich nicht selber nominiert. Du h\u00f6rst so etwas und denkst dir, okay, und was soll ich jetzt tun? Ich habe das nicht gewollt, das ist einfach passiert.&#8220; Diese Haltung musste sie sich erst antrainieren, die kommt nicht von selber. Auf ihrem Deb\u00fct findet sich noch ein Song, der die Fleischmarkt-Mentalit\u00e4t von M\u00e4nnern an den Pranger stellt. &#8222;Ich war damals 23 und verdammt sauer. Ich war das Opfer sexuellen Missbrauchs und trennte mich gerade von meinem Mann. Ich war das, was man &#8218;angry white female&#8216; nennt.&#8220; Mittlerweile ist sie \u00e4lter geworden und sieht die Dinge differenzierter: &#8222;Ich denke nicht, dass Nacktheit etwas Falsches ist, weil Nacktheit und Sexualit\u00e4t zwei unterschiedliche Dinge sind. Ich f\u00fchle mich jetzt einfach wohl in meiner Haut. Da kann ich auch ein Fotoshooting f\u00fcr einen Kalender machen und das ok finden.&#8220; Auch in diesem Punkt ist sie sich ihrer Vorbildrolle f\u00fcr junge M\u00e4dchen bewu\u00dft und schl\u00e4gt in eine \u00e4hnliche Kerbe wie Pink mit ihren &#8222;Stupid Girls&#8220;: &#8222;Ich habe mich gefragt, wie ich junge M\u00e4dchen best\u00e4rken kann. Die Antwort ist einfach. Ich kann darauf verzichten, eine Brustvergr\u00f6\u00dferung zu bekommen. Ich kann die einzige Frau in Vancouvers Unterhaltungsbranche sein, die nicht mit Silikon in den Titten ruml\u00e4uft. Ich kann meinen Fans sagen, dass sie sich selbstbewu\u00dft in dieser Welt bewegen sollen, dass sie nicht promiskuitiv sein m\u00fcssen, dass sie nicht ihren K\u00f6rper verunstalten und sich ihre Br\u00fcste operieren lassen m\u00fcssen. Du musst gar nichts davon tun, du musst nur das tun, was du auch selber willst. Und das jeden Tag. Und letztlich lebe ich mein eigenes Leben genau so.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorbildfunktion ist das Stichwort. Bif will niemanden bekehren. Sie missioniert ihre Bandkollegen nicht, die nach einem Gig auch gerne mal dem Alkoholgenu\u00df fr\u00f6hnen. &#8222;Das passt wunderbar&#8220;, sagt sie und lacht, &#8222;die feiern gerne und ich fahre gerne Auto.&#8220; Was hei\u00dft denn da Auto? Sie f\u00e4hrt vor allem auch gerne Motorrad, wie sich jetzt herausgestellt hat. Der Ur-amerikanische Konzern Harley Davidson hat die Kanadierin als Testimonial gewinnen k\u00f6nnen. Auf den im Juli stattfindenden Harley Days in Hamburg wird Bif Naked als Headliner zu sehen sein, ebenso wie sie weitere Events des Bike-Herstellers unterst\u00fctzen wird. Hier wird wiedermal auf das harte, sexy Rocker-Image gebaut. Ein Klischee, aber eines mit dem Bif gelernt hat, umzugehen. Sie spielt damit und l\u00e4chelt in persona sonnig dagegen an. Bif w\u00e4re jemand, dem auch meine 16-j\u00e4hrige Nachbarin einiges Positives abgewinnen k\u00f6nnte. Zumindest in Theorie, denn eigentlich steht sie wie die meisten Teenager auf Beyonce und tr\u00e4umt vom H\u00fcftenwackeln in Videos mit geilen Rappern und dicken Autos. Wie schade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Artikel ist als Titelstory im WOM Magazin Ausgabe 06\/2006 erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rocker sind harte Kerle, t\u00e4towiert und b\u00e4rtig, gerne auch mit langer Haarpracht zum Sch\u00fctteln. 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