InterviewMusik

„Irgendwie glücklich, hoffnungsvoll und melancholisch zur selben Zeit“

The Melmacs aus Leipzig zeigen uns mit ihrem zweiten Album „Euphancholia“, wie es ist die großen Gefühle zu fühlen. Es zerreißt uns vor Glück und dann stürzt es uns in tiefe Trauer, denn alles, wirklich alles ist irgendwann vorbei.

Das große Pendel der Gefühle ist dabei die Basis des Albums, wie Songwriterin und Sängerin Bimmi erklärt: „Keine Situation, kein Gefühl ist im Leben alleine da. Meistens gibt es zeitlich ganz viele verschiedene Erinnerungen und Gefühle, die nebeneinander existieren. Mir geht es oft so, dass ich Songs mal hoffnungsvoll oder melancholisch finde, je nachdem in welcher Lage ich selbst bin.“ Und so klingen die zwölf Songs der Scheibe abwechslungsreich, stimmungsvoll, ein klein wenig wie Musik im Borderline-Bereich. Da schwebt einerseits fröhlich die 60er-Jahre Orgel mit 80er Jahre Pop-Harmonien, dann wiederum brettern die Poppunk-Gitarren und im nächsten Moment fährt wieder alles zurück um Bimmis Stimme eindrücklich Raum zu geben. Vieles auf „Euphancholia“ erinnert soundtechnisch an vergangene Zeiten. Vor allem die 80er Good Vibes von Bands wie Katharina & The Waves und Madness oder die frühen Manchester-Rave-Sounds wie Stone Roses und Happy Mondays finden sich als Anleihen wieder. „Stimmt, wir haben alle witzigerweise ein Faible für Vintage-Style und -Sound,“ sagt Bimmi. „Das ist eine bewusste Entscheidung: Für DIY, fürs Einfach-Mal-Ausprobieren, fürs Kreativsein. Aber: Vintage style, not vintage values. So toll die Sounds und Styles von damals sind ­– auf viele gesellschaftliche Fortschritte der letzten 50 Jahre möchten wir nicht verzichten.“

Eine klare politische Haltung ist also bei all der Nostalgie wichtig. Denn die Songs sind nicht nur persönliche emotionale Statements, sondern auch Reflektionen einer jungen Generation über den State of the World. In den Texten geht es auch darum, nicht gesehen oder gehört zu werden. Das ist Poprock, der mal individuell, mal gesellschaftlich resoniert, wie Bimmi erklärt. „Die beiden Ebenen schütteln sich für mich die Hände, bedingen sich gegenseitig.“ Besonders wichtig ist ihr dabei, dass die Songs „Missstände und Herausforderungen aussprechen und gleichzeitig einen Arschtritt, Liebe und Solidarität in diese kollektive Psychose bringen, solidarisch miteinander sein, positive Energie spenden und ein Fangnetz einziehen, wenn der Schmerz der Welt zu viel wird.“ Das ist ne Menge, was die Titel da leisten sollen, aber der Wunsch sich nicht einfach zynisch zurückzuziehen, sondern etwas zu bewegen und zu verändern ist groß. Denn die Melmacs kommen aus dem dörflichen Ost-Sachsen, nicht aus der Metropole Leipzig, in die es sie jetzt verschlagen hat. Und dass dort viele „stabile Menschen“ gerade die Fahne der Demokratie hochhalten ist ihnen wichtig, das Bild von Hoffnungslosigkeit sei eine „selbsterfüllende Prophezeiung“. Ihre Songs, so Bimmi, sollen die Message rüberbringen, dass man „den positiven Blick behalten soll und sich über Visionen und Möglichkeiten statt über Negativität und Ohnmacht connected und selbst ins Handeln und Ausprobieren kommt.“ „Euphancholia“ eben, das große Gefühl in dieser Zeit zu leben.

The Melmacs – „Euphancholia“

Ursprünglich erschienen in Classic Rock 04/2026