Urschreitherapie?

So gut gelaunt und entspannt hat man Morcheebas Paul Godfrey noch nie erlebt. Er wirkt wie ausgewechselt und geradezu fröhlich, als er die Pflichtveranstaltung einer Promo-Reise für das neue Morcheeba Album Dive Deep absolviert. 

Das sah vor ein paar Jahren noch ganz anders aus. Auf der Promotour zu The Antidote war Paul eher maulfaul und hatte keine Lust mit der bescheuerten Presse zu reden. „Ich habe das gehasst. Das war damals meine persönliche Hölle,“ erklärt er lächelnd und wirkt wie die ein britischer Buddha, so ruhig und gelassen schlürft er seinen Tee. Was ist passiert? Morcheeba hatten in den letzten Jahren eine schwere Zeit. Zum einen die unglückliche Trennung von Sängerin Skye Edwards, der erfolglose Versuch, einen Ersatz zu finden und private Verluste. „Es ging mir wirklich schlecht damals, die Depression hatte mich voll im Griff und ich realisierte, ich muss etwas tun und mich meinen Dämonen stellen.“ Gerade Paul persönlich war Leidtragender der Auseinandersetzungen um Morcheeba und als es privat immer schlimmer wurde, suchte er eine Therapie: „Die Lösung hieß Primal Therapy … ich habe geschrien, um mich geschlagen, geheult und mich all der aufgestauten Gefühle entledigt, die ich seit meiner Kindheit mit mir rumschleppe. Es war eine physikalische Erfahrung, ganz ursprünglich und gewaltig. Jetzt bin ich wieder im Gleichgewicht und genieße das Leben.“ Es hat offensichtlich geholfen, ganz privat, aber auch in beruflicher Hinsicht.

Mit „Dive Deep“ legen Morcheeba ein ruhiges und vor allem tief in der Seele verwurzeltes Album vor. Man spürt es dem Album an, dass die Band sich verändert hat, nicht zuletzt weil nicht mehr eine dominante Stimme das Album trägt, sondern eine Polyphonie diverser Künstler ihren Teil zum Ganzen beisteuert. „Um diesem weiten Spektrum an Gefühlen einen Ausdruck zu verleihen, war es nötig das Männliche und das Weibliche zu vereinen. Der Fokus durfte nicht mehr auf einer Stimme liegen. Es bedurfte einer fragilen Balance,“ erklärt Paul den Wechsel zu mehreren Sängern, die Morcheeba auf „Dive Deep“ unterstützen. Wie die unterschiedlichen Emotionen einer so komplexen Persönlichkeit weben sich die Stimmungen auf dem Album zu einem vielschichtigen Ganzen zusammen. „Manchmal brauchten wir etwas erdiges, etwas das uns verbindet, das war Thomas mit seiner dunklen, männlichen Stimme, wie auf ‚Riverbed‘, und manchmal brauchten wir etwas luftig leichtes, etwas, das uns davonträgt, wie bei ‚Blue Chair‘ mit der engelsgleichen Stimme von Manda.“ Im Gegensatz zu den ersten Alben, die geprägt waren von Popmelodien, elektronischen Spielereien und Experimenten, findet Dive Deep einen Bezug zu den Ursprüngen der Musik Morcheebas, zu den Wurzeln dessen, was Paul und seinen Bruder inspiriert hat: „Eine Sache, die ich meinen Eltern zu Gute halten möchte, ist, dass sie mir Otis Redding und Aretha Franklin Platten vorgespielt haben. Das war ein Gefühl, als ob die nur für mich gesungen hätten. Die haben sich um mich gekümmert. Das war real, die haben sich um mich gesorgt und mir so mein Leben gerettet. Und genau das wollen wir mit Morcheeba auch erreichen. Musik sollte sich um dich kümmern.“ Und so findet das neue Album einen Weg zu Soul und Blues, zu einer Musik, die therapeutisch wirksam ist. Balsam für die Seele.

Ursprünglich erschienen in Piranha 01/2008