Das wandelnde Schloss: Oscarpreisträger Hayao Miyazaki präsentiert erneut ein Anime-Meisterwerk mit Tiefgang

Wer Miyazaki als den japanischen Disney bezeichnet, der tut ihm gewaltig unrecht, denn zwischen dem kalifornischen Groflkonzern und den Ghibli-Studios bestehen riesige Unterschiede. Miyazakis Filme sind bildgewaltig und sprechen eine Sprache, die jenseits der Disney-üblichen, moralinsauren Schwarz-Weifl-Malerei liegt. Sein neuester Film, Das wandelnde Schloss, erzählt die rührende Geschichte der unscheinbaren und schüchternen Sophie, die von einer eifersüchtigen Hexe in eine alte Frau verwandelt wird. Sie macht sich auf den Weg zu Hauros wandelndem Schloss, um den Fluch der Hexe zu brechen. Doch weder Sophie noch die anderen Figuren können in die üblichen Kategorien ‚gut‘ und ‚böse‘ eingeteilt werden, ihre Motivationen sind komplexer. Moral ist hier nicht eindeutig. Auf ihrer Suche muss Sophie eine Menge über sich selber lernen und errettet dabei ihre Heimat vom alles zerstörenden Krieg. Das ist typisch Miyazki, denn er bettet sein Geschichten in Themen wie den Umgang mit der Natur, das Älterwerden oder den Krieg. Seine Filme sind vorrangig für Erwachsene und nur an der Oberfläche für Kinder geeignet. Zwar ist Das wandelnde Schloss die Umsetzung einer Kindergeschichte, doch nichts daran ist kitschig oder platt.

Vielmehr ist es wunderschöne, poetische Filmkunst, die den kindlichen Reiz des Gezeichneten nicht verloren hat. Der Tiefgang und die komplexe Struktur der Bilder, ebenso wie die Vermischung westlicher und östlicher Ideen machen Miyazakis Filme zu einem bei uns lange missverstandenem Phänomen. Sie beschäftigen sich mit einer im asiatischen Spiritismus verwurzelten Welt, in der die Natur von Geistern beherrscht wird, in der Magie ein Teil des Lebens ist. Es hat lange gedauert, bis diese Sicht auch in der westlichen Welt verstanden wurde. Doch seit dem Oscar für Chihiros Reise ins Zauberland hat sich das geändert und auch ‚Das wandelnde Schloss‘ ist für den Oscar nominiert. Vielleicht sollte Disney mal versuchen zum ‚amerikanischen Miyazaki‘ zu werden.

Der Artikel ist ursprünglich erschienen in WOM Ausgabe 03/06.