Interviews

Ein Gespräch mit Sascha Konietzko von KMFDM

Das hier ist das Originaltranskript des Interviews, das nur aus Gründen der Lesbarkeit minimal bearbeitet wurde. Es wurde als Grundlage einiger Artikel genutzt, ist in dieser Form aber sonst unveröffenlicht. 

Wortraub: Wir haben uns mal vor 15 Jahren in Detroit getroffen, daran wirst du dich nicht mehr erinnern, ist ja doch schon etwas her. Aber Ihr macht das ganze ja noch etwas länger? Und auch schon länger in den USA oder?

Sascha: Ja, 23 Jahre. Irgendetwas funktioniert anscheinend. 1990 hatten wir eine Einladung als Support von Ministry und sind nach USA und seit dem hier hängengeblieben.

Wortraub: Hast du es je bereut?
Sascha:
Nein, bereut habe ich es nie, aber mittlerweile wird es mir zu komisch hier. Ich habe den Blick wieder nach Europa gerichtet und werde dahin wohl auch demnächst wieder zurückziehen. Ein Umzug nach Deutschland ist wohl demnächst fällig. Es wird mir einfach zu blöd hier. Eine Zeit lang war es irre gut und lustig, aber das allgemeinene Klima ist leider total verkommen, die Leute haben nur noch Angst um ihre Sicherheit und sind total unentspannt. Der neue Faschischmus. Die Leute mögen sich vielleicht fragen, ob Faschischmus in den USA überhaupt passieren kann, dabei leben sie es tagtäglich.

Wortraub: Ein Thema, das du ja auch auf der „WWIII“ behandelt hast …
Sascha:
Ja, das ist einer unserer Leitfäden. Der Aufstieg des Faschischmus in Amerika. Das ist ja kein neues Thema, sondern hat sich schon lange angebahnt – seit der Reagan Administration. Immer wenn es irgendwo politisch so richtig zur Sache geht, dann haben wir für KMFDM neue Anstöße für gute und wichtige Lyrics.

Wortraub: Apropos „WWIII“. Das neue Album scheint mir wieder ein ganzes Stück ruhiger und groovender als noch die letzten beiden Scheiben. Bist du wieder entspannter geworden?
Sascha:
Wahrscheinlich ja. Ich habe mir keine konkreten Gedanken dazu gemacht, wie das Album werden soll. Nach unserer letzten Tour sind wir direkt ins Studio und haben erstmal jeder für sich angefangen Material zusammenzutragen. Wie und warum das jetzt entspannter klingt, weiß ich auch nicht genau. Aber es ist mir auch aufgefallen. Vielleicht sind wir als Band einfach lockerer, wir haben uns ja auch miteinander gefestigt. Wir fühlen uns jetzt sicherer miteinander, nach der Umbesetzung im Jahre 2002. Das erste Album mit der neuen Besetzung war dann „WWIII“, dann die „Hau Ruck“ und jetzt beim dritten Album ist es halt entspannter und natürlicher geworden.

Wortraub: Inhaltlich bist du auf den letzten Alben stärker politisch gewesen, während „Tohuvabohu“ stärker im Bereich der Religion wildert?
Sascha:
Nicht unbedingt. Zum ersten hat Lucia mindestens die Hälfte der Texte geschrieben. Und sie hat halt ne ganz andere Herangehensweise als ich. Ich schreibe mehr so Uffta-Hauruck-AufdieFresse. Lucia ist da subtiler. Ich bin direkt, Lucia schreibt durch die Blume. Inhaltlich liegt es in einer neugefundenen zentrierten Ruhe. Du kannst es den Leuten nicht mehr wirklich recht machen, jeder macht sowieso was er will, daher braucht man diesen ganzen prophetischen Quatsch nicht mehr.

Wortraub: Gefundene Ruhe? Tohuvabohu heißt doch das genaue Gegenteil?
Sascha:
Tohuvabohu heißt wild und ohne Form. Komischerweise ist es aber eben genau so geworden. Das Album ist nicht geplant gewesen. Wir haben alle etwas zusammengetragen. Die Platte hieß eigentlich anders, aber während der Produktion bin ich wieder auf das Wort gestoßen. Das war das Lieblingswort meiner Mutter, den Zustand meines Kinderzimmers zu beschreiben, als ich noch ein Jüngling war. Das schien irgendwie auf die Stimmung vor der Platte zuzutreffen. Super Chaos hier, lass mal schauen, dass wir das aufräumen. Oder vielleicht das Chaos einfach sein zu lassen. Die Diversität der Platte ist sehr stark, da ist nicht aufgeräumt worden. Vielschichtigkeit.

Wortraub: Ja, stimmt. Etwas, dass du auch mit Sprachen betreibst. Spanisch, Englisch, Deutsch, Lateinisch …warum?
Sascha:
Einfach weil es mich interessiert, weil es mich beschäftigt. Es hat mich halt gereizt. Ich lese viel, beschäftige mich mit Dingen und das war ein Anreiz. Die Sprache ist schließlich ungesprochen und von daher interessant. Wie soll man das genau machen? Wie belebt man eine tote Sprache?

Wortraub: In den USA ja schon fast eine Ironie, da man dort ja für Amerikanisch als Weltsprache ist …
Sascha:
Da habe ich mir keine Gedanken zu gemacht. Ich wollte eine Coverversion von Los Ninos machen, aber hatte mich lange nicht rangetraut … der Rest war zufällig. Selbst Lingala, die afrikanische Sprache auf dem Album. Da war keine Absicht hinter, kein Konzept. Das Multisprachliche machen wir ja schon total lange. Indonesich, Französisch … wir haben schon alles gemacht. Deutsch hat hier ja auch eine große Faszination. Wir sind schließlich die Krauts, die in Hollywood mit Dauerklischees belegt worden. Und fast jeder Ami hat einen Verwandten oder Bekannten in Deutschland. Und fast jeder würde die Sprache gerne lernen.

Wortraub: Dann musst du mir noch mal kurz erklären, wie es zu „Superpower`“ kam?
Sascha:
Die Einbeziehung der Fans ist schon immer ein ganz wichtiger Teil von KMFDM. Wir haben das dann erweitert durch die Fan-Cam-Aktion. Da haben Fans vor dem Konzert eine Videokamera bekommen und uns Footage geliefert für spätere DVD-Mitschnitte. Der nächste Schritt war dann die Fans auch auf Platte zu bekommen. Dazu habe ich eine 1-800 Nummer eingerichtet. Darauf eine Nachricht hinterlassen und die Leute gebeten, sich zu überlegen, was KMFDM für sie tut. Dabei kamen dann innerhalb von 3-4 Tagen über 400 Messages zusammen, die mir dann als MP3 zugeschickt wurden. Die Sachen haben wir durchforstet und in dem Stück verewigt. Die Fans sind total begeistert und können es kaum erwarten.

Wortraub: Ja, schöne Idee. Und vielen dank für das Interview.