Neues Umfeld, neue Kreativität

Nach der kontroversen Trennung von seiner Band Live nach mehr als 20 Jahren schien Sänger Ed Kowalczyk kreativ an einem Tiefpunkt, doch mit „Alive“ vermeldet der in Kalifornien lebende Musiker nun endlich einen Neuanfang. 

Zwanzig Jahre als kreativer Kopf und prägnante Stimme einer Band zu verbringen ist begrenzend und nicht immer leicht, zumindest wenn man Ed Kowalczyk glauben kann, der sich nach so langer Zeit in einer Routine gefangen und seine kreative Energie schwinden sah. Kowalczyk und der Rest der Band trennten sich, zu groß waren die Differenzen und zu unschön so manches Wort. Kowalczyk nahm den Bruch mit den alten Weggefährten als Anlass sich neu zu orientieren: „Es kam dieser Moment, an dem ich wusste, ich schmeiße jetzt entweder alles hin oder ich finde eine neue Ausrichtung, versuche etwas Anderes. Ich habe alles gestoppt, in mich geschaut und plötzlich diese Energie gefunden. Es war ein Übergang in etwas Neuartiges, in einen völlig neuen Lebensabschnitt. Das hat mir und der Musik gut getan.“

Das neue Album „Alive“ spiegelt diese Wandlung deutlich, ist es doch nicht nur namentlich ein direktes Statement über den kreativen Haushalt eines Musikers. Kowalczyk reflektiert darauf seine Entwicklung, seinen Weg aus einer bedrückenden Situation, den Sprung ins Neue und Ungewisse, der etwas so herrlich Befreiendes hat: „Die Arbeit an diesem Album, mit dem neuen Team, Produzent und Musikern, hat in mir große Kapazitäten freigesetzt, es hat neue Fähigkeiten in mir selbst offenbart. Ich hatte das Gefühl, alles in mir und um mich herum verändern zu können und daran zu wachsen.“

Die Veränderung ist spürbar, haben doch vor allem auch die neuen Musiker ihren Teil zur Produktion beigetragen und Kowalczyks Songwriting in Momenten stark geprägt. So finden sich auf dem Album sogar an Folk erinnernde Elemente („Zion“) oder auch eine rollende Dance/Rock Mischung wie „The Great Beyond“ wieder. „Die Arbeit mit den anderen hat geholfen, den Raum hinter den Songs neu zu öffnen und dadurch meinen Stil zu wandeln, anders zu interpretieren. Ich war erstaunt, was dabei entstand, wenn ich diese Veränderung zugelassen habe“, sagt Kowalczyk und lobt damit seine neuen Bandkollegen. Denn der neue Stil des Solo-Albums ist zwar variabler, basiert aber prinzipiell auf derselben Struktur wie Live. Die fünfköpfige Rockband bleibt Kowalczyks Haupttransportmittel und auch sein Songwriting ist typisch, ebenso wie die Themen, die er anschlägt. „Natürlich klingt es in vielen Aspekten ähnlich“, sagt er, „mich beschäftigen die selben Ideen, ich schreibe noch mit der selben musikalischen Dynamik im Hinterkopf. Und textlich habe ich immer schon sehr viel Persönliches in die Band gebracht. Das bleibt natürlich erhalten.“ Und so funktioniert „Alive“ gleichzeitig als Statement für einen Neuanfang, eine Loslösung von alten Strukturen, und als Beispiel von Kontinuität, das es Live-Fans ermöglicht, nahtlos an die Bandgeschichte anzuknüpfen.

Ed Kowalczyk – „Alive“

Ursprünglich erschienen im Piranha 07/2010.