Keinen Bock auf die Branche

Seit fast 20 Jahren machen Sonny Sandoval und seine Kumpel von P.O.D. nun schon Musik. Dass es vier Jahre gedauert hat ein neues Album rauszubringen, lag an den Veränderungen in der Branche und daran, dass P.O.D. dabei nicht mitspielen wollten.

Dabei sollte die Pause zwischen „When Angels & Serpents Dance“ und dem neuen „Murdered Love“ gar nicht so lang werden. „Damit hatte ich selbst nicht gerechnet“, erzählt Sandoval, „aber ich hatte plötzlich das Gefühl, ich bräuchte dringend Abstand von dem ganzen Zirkus. Dieses Business kann einen fertig machen.“ Als Sandoval diese Einsicht kam, da stand es einen Moment lang schlecht um die Zukunft von P.O.D.: „Ich habe ernsthaft überlegt, alles nieder zu legen und mich voll und ganz meiner Familie zu widmen. Ich bin nämlich zu allererst Familienvater und Ehemann und erst dann Musiker. Man muss die Prioritäten richtig setzen.“

Neues Album: „Murdered Love“

Es kam alles anders. Sandoval nutzte die Auszeit, um seine Liebe für die Musik wieder zu entdecken. Als er sich mit Produzent Howard Benson, der auch schon für „Satellite“ verantwortlich zeichnete, traf und dieser eine neue Kooperation anregete, da konnten P.O.D. nicht widerstehen. „Viele Leute glaubten nach der langen Pause nicht mehr an unsere Rückehr. Im Rock’n’Roll kommen vier Jahre Schweigen einem Selbstmord gleich. Aber Howard war für uns da, unerschütterlich.“ Das neue Album ist unverwechselbar aus der selben Feder, wie schon „Satellite“ und „The Fundamental Elements of Southtown“. Harte Rockgitarren, brummelnde Hip Hop Beats und natürlich Sonnys bewusster, teils aggressiver Rap, der die Unstimmigkeiten der Welt anmahnt. Interessanterweise wirkt das Album aber auch weniger glatt poliert, hat ein paar Kanten und Ecken, an denen man hängenbleibt. Mehr „Southtown“ als „Alive“. Darin liegt für Sandoval auch eine Konsequenz der Erfahrungen im Business: „Die wollten uns damals mit berühmten Songwritern ‚verkuppeln‘ und ein zweites ‚Satellite‘ erzwingen. Wir haben das abgelehnt. Und wir sind weitergezogen, zu einem kleinen Label. Bei den Großen geht es doch nur noch um den nächsten Hit, das nächste Single-Wunder, das man aussaugen kann. Die Industrie wirkt so maschinell, wie Roboter. Was da in den Charts rumwuselt ist alles gleich. Da kann man schon mal bitter werden – oder nostalgisch. Oh je, ich klinge alt.“

Band-Evolution statt Casting

Als Heilmittel für die Musikbranche sieht Sandoval die Entwicklung einer Band, mit Höhen und Tiefen, von der Garage über die kleinen Clubbühnen hin zum Erfolg, so wie P.O.D. es in den 1990er Jahren vorgeführt haben. „Unsere Karriere war eine Reise, der Weg das Ziel. Es ist die geistige Ausrichtung, die den Unterschied macht. Wir wollten Musik machen, der Erfolg war Zufall. Und ehrlich, Mann, am Ende will ich einfach nur mit Würde und einem erhobenen Kopf aus dieser Sache herauskommen. Es geht immer noch einzig um die Musik. Und irgendwann werde ich feststellen, dass die Zeit von P.O.D. vorbei ist. Dann höre ich auf und konzentriere mich auf die Familie, auf meinen Sohn und meine zwei Töchter. Die eine von ihnen singt den ganzen Tag, vielleicht machen wir mal ein Duett. Wer weiß.“

P.O.D. – „Murdered Love“

Ursprünglich erschienen im Piranha 09/2012.