DVD Booklet der Neuveröffentlichung der ersten Staffel „Drei Jungen und drei Mädchen“ (Original: The Brady Bunch)

Die schöne TV-Welt der Bradys

Kaum eine andere amerikanische Sit-Com (Situation Comedy) der 1970er Jahre hat weltweit einen vergleichbaren Erfolg gehabt und wurde in so vielen verschiedenen Spin-Offs und Specials weitergeführt wie Drei Jungen und drei Mädchen (im Original: The Brady Bunch). Die 117 Episoden der Originalserie wurde in fünf Staffeln zwischen 1969 und 1974 auf dem Primetime-Platz von 20.00 bis 20.30 Uhr auf ABC ausgestrahlt und war ursprünglich ein solider, wenn auch nicht herausragender Erfolg.

The Brady Kids

Zum Zeitpunkt größter Bekanntheit der Bradys versuchte sich ABC an einer Cartoon-Umsetzung, die für insgesamt 22 Folgen zwischen 1972 und 1973 unter dem Titel The Brady Kids lief. Die Animationsserie konzentrierte sich auf die Abenteuer der Kinder und wurde zumindest in der ersten Staffel dank der Stimmen der Originalschauspieler zu einem ansehnlichen Erfolg. Da aber drei der Kinder für die zweite Staffel als Stimmen nicht mehr zur Verfügung standen und ersetzt werden mussten, wurde die Serie bald eingestellt.

The Brady Bunch Variety Hour

Noch während der Drehzeiten der Originalserie wurde die TV-Familie für Varieté-Shows gebucht und tourte die USA mit Musical-Einlagen und Sketchen. Dieses Konzept überzeugte nach der Absetzung der Serie die Produzenten Sid und Marty Krofft, die 1976 ohne Erlaubnis von Paramount unter dem Titel The Brady Bunch Variety Hour eine TV-Show auf die Beine stellten. Der Erfolg war groß und die Rechteinhaber entschieden sich acht weitere Folgen unter dem Titel The Brady Bunch Hour produzieren zu lassen. Aus heutiger Sicht sind sich aber eigentlich alle Beteiligten einig, dass diese Staffel alberner und gestelzter Gags und musikalischer Gastauftritte keine Glanzleistung der Bradys gewesen ist. Und so wundert es auch nicht, dass die Show in allen weiteren Ablegern der Serie keine Erwähnung mehr findet.

The Brady Brides

Bereits 1981 gab es aber ein Wiedersehen mit dem bunten Haufen, diesmal auf dem Konkurrenzsender NBC, der ein TV-Special unter dem Titel The Brady Girls Get Married produzierte, in dem alle Originalschauspieler wieder vereint vor der Kamera standen. Der Film zeigt, was aus den Charakteren seit dem Ende der Serie geworden ist und welche Karrieren die Kinder eingeschlagen haben und endet mit der Doppelhochzeit von Jan und Marcia. Noch vor Ausstrahlung des 90-minütigen Films entschied sich NBC aber dazu den Film zu schneiden und daraus die ersten drei Episoden einer neuen Serie zu machen. Unter dem Titel The Brady Brides (dt. Titel: Eine reizende Familie) wurde zehn Folgen lang das Zusammenleben der beiden Bräute mit ihren zwei äußerst unterschiedlichen Ehemännern in einem gemeinsamen Haus gezeigt.

A Very Brady Christmas

Sieben Jahre später brachte Sender CBS die Bradys zu einer weihnachtlichen Sondersendung wiederum zusammen. Unter dem Titel A Very Brady Christmas wurden 1988 die Ehepartner und weiteren Lebenswege der Kinder vorgestellt und bescherten der Familie so, dank des unglaublichen Erfolges des Specials, einen erneuten Serienstart. Die bemerkenswerten Quoten des Weihnachtsfilms veranlassten CBS 1990 zum Versuch, mit einem zweistündigen Film und vier einstündigen Episoden unter dem Titel The Bradys die Serie neu zu beleben – jedoch ohne Erfolg, was Erfinder Sherwood Schwartz auf den falschen Sendeplatz zurückführte, der seiner Meinung nach für die deutlich erwachsenere Thematik später hätte liegen müssen.

The Brady Bunch Movie

Um aber dem kontinuierlichen Erfolg der Bradys, die seit 1974 pausenlos in Wiederholungen auf den unterschiedlichsten Sendern zu sehen sind, ein Denkmal zu setzten, entschied sich Paramount 1995 dazu eine Kinoversion zu drehen. Neu besetzt und mit einem selbstironischen Charme ausgestattet macht sich The Brady Bunch Movie (dt. Die Brady Familie), ebenso wie der ein Jahr später gedrehte A Very Brady Sequel (dt. Die Brady Familie 2) über die heile Welt der Bradys lustig und trauert ihr zugleich ein wenig nach.

 

Die Patchwork-Familie

Familiengeschichten waren im amerikanischen Fernsehen mit dem Beginn der 1960er Jahre eines der beliebtesten Sendeformate überhaupt. Die sozialen Veränderungen der Zeit, insbesondere die aufkommende Bürgerrechtsbewegung und die Zuspitzung kriegerischer Konflikte (u.a. die Kuba-Krise und Vietnam), verunsicherten viele US-Bürger. In Sendungen über familiäre Situationen, heimische Probleme und deren meist einvernehmliche Lösung konnte der Gesellschaft aber eine Form von Stabilität und Sicherheit vermittelt werden, die von vielen Zuschauern begierig angenommen wurde und im großen Erfolg von Sendungen wie der Dick Van Dyke Show (1961-66), der Andy Griffith Show (1960-68) oder Leave it to Beaver (dt. Erwachsen müsste man sein, 1957-63) resultierte. Gerade das gemeinschaftlich Anschauen solcher Sendungen führte zu familiärem Zusammenhalt durch die Identifikation mit den einzelnen Charakteren und der idealisierten Familiensituation.

Vermischte Familien

Als Brady-Erfinder Sherwood Schwartz, der mit der Abenteuerserie Gilligan’s Island (dt. Gilligans Insel, 1964-67) zu Ruhm gelangt war, 1966 den drei großen amerikanischen Sendern sein Konzept einer neuen Familienserie basierend auf einer Patchwork- oder Stieffamilie vorstellte, waren diese im ersten Moment nicht überzeugt. Schwartz war die Idee zu The Brady Bunch gekommen, als er in der Zeitung eine Statistik gelesen hatte, nach der mehr als ein Viertel aller US-Familien mittlerweile mindestens ein Kind aus einer vorhergehenden Ehe beinhalteten. Die daraus resultierenden ‚vermischten‘ Familien (‚blended families‘) sahen sich also zu Hause mit ganz anderen Problemen konfrontiert und mussten andere Situationen meistern. Die neue Show sollte das sich verändernde Bild der amerikanischen Familie einfangen und ein unterhaltendes sowie lehrreiches Beispiel setzen.

Gewandeltes Familienbild und die Scheidungsrevolution

Die in den 1960er und 70er Jahren rasant ansteigende Scheidungsrate – in den USA „Scheidungs-revolution“ genannt und durch die von Senator Ronald Reagan 1969 angestoßene ’schuldlose Scheidung‘ erst richtig in Fahrt gebracht – und die steigende Anzahl außerehelicher Kinder brachten das Bild der institutionellen Kernfamilie ebenso ins Wanken wie die Forderung nach geschlechtlicher Gleichberechtigung und individueller Selbstverwirklichung. Das Familienbild war im Begriff sich maßgeblich zu wandeln und doch waren die TV-Sender 1966 noch nicht bereit Schwartz‘ Idee ohne Änderungen aufzugreifen. Erst als 1968 der Film Yours, Mine and Ours (dt. Deine, meine, unsere) mit Henry Fonda und Lucille Ball in die Kinos kam und eine wundervoll chaotische Patchwork-Familie mit insgesamt 18 (!) Kindern zeigte, konnte Schwartz das Konzept an ABC verkaufen. Die ursprüngliche Idee zweier geschiedener Ehepartner mit neuen Kindern wurde zwar dennoch gegen die konservativere Vorstellung zweier verwitweter Partner eingetauscht, aber die Grundkonstruktion der ersten TV-Patchwork-Familie war geboren und sollte von hier an die Entwicklung des Sendeformats der Familienserie maßgeblich mitbestimmen. In den Bradys treffen familiäre Werte und die ersehnte Stabilität des Heims auf die Herausforderungen einer modernen Familiensituation. In den gerade einmal 25 Minuten einer jeden Folge werden wesentliche und komplexe Probleme der 1970er Jahre spielerisch leicht gehandhabt und einer im bestehenden Wertesystem verankerten Lösung überführt. Mike Brady arbeitet von zu Hause und die Erziehung der Kinder ist ein gemeinsames Projekt beider Eltern. Fragen der Gleichberechtigung werden angesprochen ohne aber in radikalen Brüchen oder unlösbaren Konflikten zu eskalieren. Statt dessen setzt die Serie immer wieder auf eine Kooperation der Geschlechter und der Generationen, um so ein harmonisches, wenn auch gemischtes Familienbild als Ideal vorzustellen.

Ursprünglich in Teilen erschienen als DVD-Booklet für die Studio Hamburg Neuveröffentlichung der Serie. Der Abschnitt “Zeitreisen” ist bisher unveröffentlicht.