Vor genau einem Jahr kam das Aus. In einem Interview mit der Financial Times Deutschland kündigte Karstadt-Chef Andrew Jennings an, er werde das Sortiment ausdünnen. Eines der Opfer dieser radikalen Neuausrichtung waren die Multimedia-Abteilungen. Keine Musik, keine DVDs und eben keine Computerspiele mehr. Ein Jahr ist seitdem vergangen, und Wortraub drängte die Frage, was aus dem einstigen Vorreiter in Sachen Unterhaltungssoftware geworden ist.Dies ist eine persönliche Geschichte. Kein Branchenbericht mit Fakten und wichtigen Interviews. Vielmehr ist es eine abschließende Betrachtung eines Kapitels meines Lebens. Denn ich war gerade einmal 10 Jahre alt, als ich meinen ersten eigenen Computer bekam – damals 1985. Und wie jeder 10-Jährige wollte ich nichts anderes mit diesem grandiosen Commodore C64 machen als Spielen. Denn dafür war der C64 nun einmal da, dafür war er geschaffen. In meinem kleinen schleswig-holsteinischen Kaff war es jedoch vollkommen ausgeschlossen, Spiele zu kaufen. Die Rettung meiner prepubertären Kinderseele kam in Gestalt des mächtigen Kaufhauses Karstadt, das als eines der ersten und wenigen Häuser in meiner Nähe Computerspiele in sein Sortiment aufnahm. Die Computer-Abteilung wurde fortan zur beliebsten Station auf den Abstechern ins nahegelegene Einkaufszentrum oder in die Hamburger Innenstadt. Mit den Abteilungen, die immer mit den neuesten Titeln bestückt waren, hatte sich Karstadt in den 1980er Jahren zu einem Vorreiter für das spätere Multimedia-Entertainment gemausert. Und ich konnte mir hier von Hornbrille tragenden jungen Männern in weißen Hemden die besten Tipps für meine Freizeit holen.

Das war damals. Es folgte der unaufhaltsame Aufstieg des Computerspiels, die Revolution des Handels durch das Internet und die damit verbundene Einzelhandelskrise, die den Konzern Karstadt kräftig in Bedrängnis brachte. Eine Zeit lang, rettete Karstadt die Multimedia-Abteilung noch durch die Verschmelzung mit der Marke „WOM“, doch auch diese hielt dem Konkurrenzdruck nicht stand, und dann, vor einem Jahr, da kam das aus von ganz oben. Nicht, dass ich in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren tatsächlich noch ein Computerspiel bei Karstadt erstanden hätte, aber dennoch: es war ein Schock. Das Aus für einen Visionär der Achtziger. Das Ende einer Ära. Überholt von den Jungen und den Billigen.

Sprung in das Jahr 2013: Im Karstadt an der Mönckebergstraße, dem Haupthaus des Konzerns in der Hamburger Innenstadt, im Seitentrack des sogenannten Thalia-Hauses, dort gibt es sie noch, die kleine Multimedia-Abteilung. Aber vom Glanz der alten Zeit ist hier nichts zu spüren. Einsam und abgeschlagen im dritten Stock stehen noch etwa zehn Regale mit Computerspielen. Die spärlich angebrachte Dekoration ist mindestens ein halbes Jahr alt und im Neuheiten-Regal tummeln sich Titel wie „Hitman: Absolution“ oder „Call of Duty“ – die Hits der letzten Weihnachtssaison. Irgendwo am Infotresen stehen zwei Herren in weißen Hemden, die Hornbrillen sind rahmenlosen Modellen gewichen und etwas älter als die damaligen Kollegen sind sie auch. Ansonsten ist die Abteilung ausgestorben, kein einziger Kunde hat sich hierher verirrt, dabei ist es später Nachmittag und der Gamestop gleich nebenan in der Europa-Passage quillt über. Hier oben aber ist es grabesstill, die Fernseher sind stumm geschaltet und die Xbox-Testkonsole ausgestellt.

Vorsichtig nähere ich mich den Herren in Weiß, frage nach der Zukunft der Abteilung. Mit einem Hauch Gleichmut in der Stimme wendet sich der Verkäufer an mich und zuckt mit den Schultern. Im Mai 2013 sei hier oben Schluss, dann schließe auch diese, letzte Abteilung in Hamburg. In Wandsbek und den anderen kleineren Filialen, da sei schon seit spätestens Anfang des Jahres Schluss gewesen. Neue Artikel kaufe man schon länger nicht mehr ein, das sei irgendwie sinnlos. Bleibt also nur noch darauf zu warten, dass jemand den Rotstift ansetzt, das Lager geleert wird und dann – wie es weitergeht, das wusste man hier auch noch nicht. Eine ganze Etage steht dann frei, ganz ohne Multimedia. Man wird sehen, sagt er und dreht sich wieder zu seinem Kollegen. Mehr zu tun ist im Moment sowieso nicht. Und ich gehe, drehe mich ein letztes Mal um und winke in Gedanken meinem 10-Jährigen Ich zu, das dieser Abteilung so manche schöne Stunde zu verdanken hatte. Leb Wohl, es war schön mit dir.

 Ursprünglich erschienen in IGM 04/2013