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Musikgewordener Widerspruch

Sie nahmen den langen und altmodischen Weg zum Erfolg. Vor mehr als 6 Jahren gegründet, haben sich Killswitch Engage den Hintern abgetourt, sich Respekt verdient und sich dabei mit so einigen Klischees auseinandergesetzt.

Für einen Metal-Musiker sieht Adam Dutkiewicz eigentlich ziemlich untypisch aus, er trägt eine dunkle Hornbrille und lange Kotletten, die ihn eher in der Rockabilly-Szene verankern dürften. Doch wenn der Mann mit dem bubenhaften Gesicht zur Gitarre greift, dann wird klar, warum seine Band Killswitch Engage sogar schon einmal für einen Grammy im Bereich Metal nominiert war. Dabei hätten die Mitglieder wohl kaum mit einem solchen Erfolg ihres letzten Albums „The End Of Heartache“ gerechnet: „Ist das nicht total lächerlich? Das war eine so bizarre Nachricht für uns. Es scheint mir total krank. Wir kommen Schließlich aus dieser Underground-Szene und plötzlich ist unsere Musik auf einmal so weitläufig akzeptiert. Das ist total seltsam zu sehen. Es ist schon klasse und so, aber irgendwie auch total beschissen. Jetzt müssen wir ständig darauf achten, dass das nicht von der Industrie befleckt wird“, erklärt Adam seine Sicht der Dinge. Aber zum Glück merkt man dem neuen, dem vierten Album „As Daylight Dies“ diese Anstrengung nicht an. Es klingt so kompromisslos nach Killswitch Engage, als würden die Jungs as Westfield, Massachusetts immer noch nur für sich Musik machen. „Das liegt daran, dass wir das alles nur machen, weil wir Fleisch, Bier, geile Bräute und schnelle Autos lieben!“ Adam lacht, als er dieses Metal-Klischee bemüht, aber ein Stück Wahrheit wird wohl dran sein, denn er setzt noch einmal nach: „Ok, das mit den Bräuten geht nicht, sonst wird meine Freundin sauer, aber umsonst saufen? Mann, wer würde da nicht mitmachen wollen? Und es ist halt großartig, auf der Bühne rumzuspringen und alles um sich herum zerstören zu können. So sind wir halt.“ Adam grinst und lehnt sich zufrieden in den Sessel zurück. Soweit haben wir die von einer Metalband zu erwartenden Vorurteile also bedient, aber ist das überhaupt Metal, was Killswitch Engage da machen?

Die elf Songs des neuen Albums sind harte Gitarrenmusik, so viel ist schon mal klar, aber sie strotzen auch vor großen Melodien, emotionaler Tiefe der Stimme und einer Einstellung, die so gar nicht in die Stereotype passen will. „Stimmt schon, wir haben immer schon eine Aussage gehabt, nicht so sehr die Politik, sondern mehr die Ethik betreffend. Wir stehen nicht so auf negative Texte. Die Metal-Klischees sind und da zu abgedroschen. Wir reden nicht über die Schändung von Leichen und Satan. Für uns liegt die Lösung in der Art, wie man die Dinge betrachtet. Du musst deine Meinung kundtun, die Liebe weitergeben, das Positive in der Welt verteilen“, erklärt Adam die Lyrics von Sänger Howard Jones und klingt dabei plötzlich mehr nach Hippie als nach Metal. Nicht umsonst erfreuen sich Killswitch Engage in der Emo-Szene zunehmender Beliebtheit. Eine gewisse Gefühlstiefe haben ihre Songs bestimmt. „Das kommt alles nur daher, dass Howard so ein großes Weichei ist. Er schreibt über unerwiderte Liebe und Verlustängste und den ganzen Schmusekram. So ist er eben“, versucht Adam seinen Sänger in die Pfanne zu hauen, muss aber gleich wieder laut loslachen. Vielleicht werden die Jungs ja bei ihren nächsten Auftritten mal auf die Sex, Drugs und Rock’n’Roll Nummer verzichten und ein Gruppenkuscheln für ihren Sänger veranstalten. Das wäre auf jeden Fall mal was anderes.

Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 11/06.