Nexus des Aktivismus

State Radio sind Independent, im eigentlichen Sinne des Wortes. Ohne Majorlabel, mit viel politischer Aussage, sozialem Engagement und einem schönen Mix aus Rock, Pop und Reggae erinnern sie daran, dass es jeder mit Musik eine wichtige Aussage treffen kann.

Keine Regierung der USA hat es seit der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren geschafft, soviele Musiker und Künstler auf die Barrikaden zu bringen wie George W. Bushs Führungsriege. große Musiker wie die Dixie Chicks, Pearl Jam, Stone Sour oder auch Tom Morello sprechen sich offen gegen die Politik des Präsidenten aus und im Musikbusiness hat eine Politisierung stattgefunden, die in Zeiten von „American Idol“ keiner mehr für möglich gehalten hatte. Chad Stokes, Kopf der Band State Radio sieht darin einen positiven Nebeneffekt: „Das stimmt schon, die Bush Administration hat eine Menge in Gang getreten. Da ist viel Scheiße passiert, aber eben auch Gutes. Durch so eine Regierung ist die Aufmerksamkeit für politische Themen deutlich größer geworden, im Musikgeschäft, wie auch in der Gesellschaft.“ Und so hört man bereits im ersten Song des Debütalbums „Us Against The Crown“ ein Sample Bushs, in dem er von schwierigen Zeiten für die USA spricht.

Doch State Radios Kritik ist nicht global politisch, sondern persönlicher. Sie erzählen die Geschichten des kleinen Mannes. Ihre Texte leihen dem Leben eine Stimme. Da ist der Soldat, der nicht zurück in den Irak will und dafür in den Knast muss. Der Song beschreibt die wahre Geschichte von Camilo Meija, der über ein Jahr im Gefängnis verbrachte, weil er sich weigerte nach seinen Erfahrungen zurück in den Krieg zu ziehen. In „Mr.Larkin“ wiederum erzählt Stokes vom Leben alter Menschen, ohne Rechte, ständig in der Angst ohne Fürsorge dazustehen. In „The Waitress“ oder „Fight Me Up“ geht es ebenfalls um kleine Leute, ihre soziale Situation und ihre Sorgen. Stokes meint, diese Geschichten würden ihm einfach begegnen: „Es gibt keinen großen Plan dahinter, es steht nicht auf unserer Agenda. Wir sind zwar eine politischere Band als die meisten anderen, aber das liegt daran, dass uns diese Dinge auffallen. Wir versuchen nicht politisch zu sein und suchen uns dann die Themen. Es ist andersrum, wir schreiben über das, was um uns herum passiert und das ist dann eben politisch.“

Hier neigt Herr Stokes sicherlich zur Untertreibung, denn seine Biografie liest sich schon etwas anders. „Ich bin in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen. Nach der High School war für einige Monate in Simbabwe und war schockiert von der Armut dort und vom unnötigen Blutvergießen. Auch während meiner Zeit in der Uni habe ich regelmäßig an Protesten teilgenommen, gegen die juristische Ungerechtigkeit in den Fällen von Leanard Peltier und Mumia Abu Jamal“ berichtet Stokes vom Erwachen seiner politischen Meinung. Danach engagierte er sich in einem alternativen News-Projekt mit behinderten Reportern, wurde wegen Protesten auf einer Veranstaltung des Präsidenten festgenommen und ist ständig in Aktion für Menschenrechte überall in den USA.

Vor drei Jahren wollte Stokes diesem Aktivismus ein akustisches Kleid verpassen und gründete mit Chuck Fay und Brian Sayers die Band State Radio. Mit ihrem Sound zwischen Rock, Pop und Reggae erinnern sie mal an die Counting Crows, mal an Sublime. Ein Touch von Eigensinnigkeit bleibt jedoch bestehen, und so ist die Musik weniger poliert und geglättet, erhält sich durch kleine Punk-Elemente sogar eine gewisse Kratzbürstigkeit. „Wir wollten uns nicht festlegen, sondern jeden Einfluss mitnehmen, der in uns drin steckt. Wir spielen von Herzen und hoffen, dass sich der Rest halt ergibt,“ erklärt Stokes den Stilmix und die Attitüde mit der State Radio sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Eine Tatsache, die in so unruhigen politischen Zeiten umso wichtiger geworden ist.

Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 09/06.