Selbst ist die Band

Do it yourself ist mehr eine Lebenseinstellung, denn eine Modeerscheinung. Obwohl als solche funktioniert sie auch bestens. Im Fernsehen zum Beispiel, wo Liese Müller lernt, wie sie ihre Küche auf Vordermann bringt, oder Heinz Krause einen Gartenteich anlegt.

In der Musik steht „do it yourself“ eigentlich für eine Philosophie, die insbesondere im alternativen Bereich weit verbreitet ist. Seit den Punkbands der Siebziger und dem Independent der Achtziger-Jahre behalten sich Musiker gerne das Recht vor, vollständige Kontrolle über ihr Schaffen zu haben. Das geht soweit, dass viele Bands sich nicht nur um Musik und Texte, sondern auch um Artworks, Single-Auswahl, Tourbookings und das Management ihrer Selbst kümmern.

Die Berliner Band Zeraphine entschied sich nach ihrem dritten Album für eben genau diesen Weg. Der Vertrag mit Drakkar war ausgelaufen, die Ansprechpartnerin hatte die Firma verlassen und man verhandelte mit diversen Majors, die sich an der erfolgreichen Band interessiert zeigten. „Dort war aber der Tenor, dass die uns auch in die Musik reinreden werden und in eigentlich alle Bereich, die Band betreffend. Das war uns zu unsicher. Wir wollten uns nicht verbiegen lassen“, erklärt Sänger Sven Friedrich die Entscheidung der Band gegen einen Majordeal. Was also tun, da man nicht zu einem kleinen Label wollte, weil dies einen Karriere-Rückschritt bedeutete? Klar, die Flucht nach vorne: selbst ist die Band. Und so gründeten Zeraphine ein eigenes Label und begannen mit der do it yourself-Arbeit. Die Vorteile sind für Sven klar ersichtlich: „Es fühlt sich gut an, weil man alles in der Hand hat. Man kann sehr schnell auf Sachen reagieren, die nicht so laufen wie geplant, weil man in alle Prozesse involviert ist. Es ist aber auch viel mehr Arbeit. Und man hat das Gefühl unabhängiger zu sein.“

Die neu gewonnen Freiheit spiegelt sich auch musikalisch auf „Still“, dem vierten und neuesten Album der Berliner wider. Das Album bleibt dem nicht ganz einfach einzuordnenden Stil der Band treu, wagt sogar noch mehr den Spagat zwischen alternativer Rock- und dem Gothic-Sektor entlehnter Wave-Musik. Die elektronischen Spielereien sind stärker vertreten und auch Pop-Melodien lassen sich trotzt der Absage an die Major auf „Still“ finden. Sven erklärt die musikalische Weiterentwicklung so: „Wir sind mutiger geworden und haben uns mehr getraut. Das Album klingt dadurch anders als die bisherigen Alben. Das macht sich bemerkbar.“ Warum Zeraphine sich mit ihrem vierten Werk immer noch zwischen die Stühle aus Rock und Wave setzen, liegt für Sven klar in den unterschiedlichen Musikgeschmäckern der Bandmitglieder begründet: „Wir hören ganz unterschiedliche Musik. Bei Zeraphine kommen wir zusammen und vereinen unsere Geschmäcker. Die Summe aus allem macht dann unseren Sound aus.“

Und noch eine Summe findet sich in der Musik von Zeraphine konstant bis heute wieder: die Band vereint geschickt deutsche und englische Texte zu einer konzeptionellen Einheit. Der sprachlich zweideutige Titel „Still“ deutet es an, beide Sprachen funktionieren hier gemeinsam, teilen sich die zwölf Songs nahezu gerecht. Für Sven ist das eine natürliche Entwicklung, da er in einer Popkultur aufgewachsen ist und Englisch als Musiksprache ideal die Muttersprache Deutsch ergänzt. „Wenn die Texte offen geschrieben sein sollen, dann nehme ich Englisch, wenn sie konkretere Situationen beschreiben, eignet sich meistens das Deutsche besser“, erklärt er seine Wahl beim Schreiben. Und dank der neu gewonnen Freiheit des eigenen Labels, muss er diese Entscheidung nun auch nur noch vor sich selber rechtfertigen. So ein do it yourself-Konzept für Bands ist doch eigentlich ganz schön interessant. Ist schon verwunderlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, das für das Fernsehen zu vermarkten.

Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 07/06.