Die Idee ist grandios. Einfach mal die Gitarre schnappen, sich zu den eigenen Fans ins Wohnzimmer setzen und dort einige neue Songs ausprobieren, um so am Album zu feilen – seine Living Room Tour hat Chadwick Stokes das genannt und es in den USA und Europa ausprobiert. Ok, es hilft natürlich, wenn man wie Stokes mit Dispatch und State Radio schon zwei gut im Geschäft stehende Bands hat und auf einige hunderttausend Fans weltweit zurückgreifen kann. Aber dennoch: „Es war logistisch nicht immer ganz einfach. Wir haben über Social Media ein paar Monate im Voraus um Bewerbungen gebeten. Die Größe des Raumes war natürlich ein Faktor, der vorgegeben hat, wieviel Tickets wir für das Wohnzimmer anderer Leute ausgeben konnten. Meist haben wir 5-6 Bewerbungen bekommen. Oft waren sogar 50-60 Leute da. Es war spannend zu sehen, wie manche Menschen wohnen.“ Seltsam wurde es für Stokes nur, wenn die Gastgeber ihren Freunden nicht gesagt hatten, dass es eine Live-Tour des Musikers sei. „Ich stand dann in der Ecke und sang. Die Leute dachten, es sei eine Party und unterhielten sich, gingen was Essen. Es war ein komisches Gefühl auf einmal die Hintergrundbeschallung zu sein.“

Doch meist funktionierte das Experiment hervorragend und Stokes konnte an seinem neuen Material arbeiten. Mit 14 neuen Songs, deren Grundgerüst fertig war, ging Stokes auf Tour und experimentierte: „Manche Stücke haben live dann einfach nicht funktioniert. Wenn ich die gespielt habe, fühlte es sich an, als würde alles absinken und die Stimmung kippte. Das war der Moment, an den Songs zu basteln oder eben zu entscheiden, sie nicht weiter zu bearbeiten.“ Mit dem Rohbau der Songs ging es dann ins Studio, wo Stokes ihnen wundervolle Fassaden spendierte, neue Instrumentierungen ausprobierte oder sogar für ihn untypische Pop-Akkorde an das akustische Songwriter-Material anbaute. Dank dieser Erweiterungen und Experimente ist sein zweites Soloalbum deutlich variabler geworden und hebt sich von dem Material seiner Bands ab. Das Ergebnis sind zehn vielschichtige, intensive und dynamische Stücke, die man nicht nur live im eigenen Wohnzimmer geniessen kann.

Chadwick Stokes – „The Horse Comanche“

Ursprünglich erschienen im Piranha 03/2015