Regeln für den Menschenpark

Quantic Dream ist ein ungewöhnliches Entwicklerstudio, hat man sich doch bei den Franzosen nicht etwa darauf spezialisiert jedes Jahr den x-ten Teil eines beliebigen Erfolgsspiels immer wieder neu zu produzieren und an Weihnachten die Kasse klingeln zu lassen. Vielmehr konnte der leitende Entwickler David Cage an der Idee des immersiven und interaktiven Storytellings feilen und zuletzt 2013 mit  »Beyond: Two Souls« eine brillant besetzte Geschichte produzieren, die die Grenze zwischen Videospiel und Filmerfahrung verschwimmen ließ. Mit seinem neuesten Werk »Detroit: Become Human« geht Cage nun noch einen Schritt weiter und konzentriert sich voll und ganz auf die Bedeutung von Spielerentscheidungen.

Spieler_innen übernehmen die Rolle von insgesamt drei Androiden im Detroit des Jahres 2038 und müssen schon bald erkennen, dass es nicht leicht ist (k)ein Mensch zu sein. Denn Androide sind effektiv Sklaven der Menschen, sie werden misshandelt und im Falle von Fehlfunktionen (wie moralischer Bedenken) zerstört und weggeworfen. Kara etwa, die als Haushaltshilfe dem allein­erziehenden Vater Todd helfen und sich um dessen Tochter kümmern soll, muss hilflos mit ansehen, wie der Drogensüchtige erst sie und dann die kleine Alice körperlich angeht. Das ist der Moment, da Kara gegen ihre Programmierung agiert – d.h. natürlich nur, wenn die Spieler_in dies auch initiert – und mit Alice wegläuft.

Posthumane Ethik für den Spieler

Dank einer immersiven Storyline sind Spieler_innen gezwungen, sich über die Regeln des Miteinanders zwischen Menschen und Androiden Gedanken zu machen, immer aus der Sicht der Androiden. Was darf ein Mensch mir antun? Darf ich mich wehren? Habe ich Rechte? Und was passiert, wenn ich einen Menschen töte? All diese Fragen verhandelt das Spiel in einer spannenden Detektivgeschichte um sogenannten Abweichler, also Androide, die sich gegen Menschen gewaltsam zur Wehr setzen. Wir sind im Rahmen der ca. 40 Stunden dauernden Handlung daran beteiligt, wie eine Revolution entsteht und die Grundfeste des Zusammenseins erschüttert. Doch diese 40 Stunden sind bei »Detroit: Become Human« nur der Anfang des Erlebnisses.

Nach jeder Episode, die immer zwischen den drei Figuren hin- und herspringen, erscheint ein Flowchart, das aufzeigt, welche Entscheidungen Spieler_innen getroffen haben und welche anderen Pfade es wohlmöglich noch gegeben hätte. Das kann schockieren, etwa wenn man ganze Abschnitte bemerkt, die man nicht erreichen konnte, zum Beispiel weil man seinen Partner plump beleidigt hat und dieser sauer ist. Denn Entscheidungen in diesem Spiel haben Gewicht, sie tun weh und sie können Charakteren das Leben kosten. Erste Let’s Plays zeigen etwa, dass es keinen richtigen oder falschen Spielpfad gibt und dass sich massive Bedeutungsunterschiede zwischen Pfaden entwickeln, so dass man motiviert ist andere Pfade zu erspielen. Und genau hier liegt der absolute Reiz des Spiels, das wie bislang kein anderes alle wichtigen Spielentscheidungen in die Hand der Spieler_in legt und so ethische Konflikte auslöst. Welchen Preis Menschen und Androiden zahlen müssen, damit Gleichberechtigung herrscht, dass müssen hier die Spieler_innen entscheiden. Absolut empfehlenswert!

 

Plattform: PS4 / Entwickler und Anbieter: Quantic Dream, Sony / USK: 16/ Preis: 60 Euro

Ursprünglich erschienen im KREUZER 07/2018