Gerade einmal anderthalb Jahre nach „Together Till The End“ melden sich die Hamburger von Mono Inc. mit einem neuen Album zurück – und mit einer ungewöhnlichen Inspirationsquelle. Es geht um die Pest, die im 18. Jahrhundert Hamburg heimsuchte…

Die Pest an Bord…

Konzeptalben sind in der Gothic-Szene nicht ungewöhnlich, auch historische Szenarien kennt man hier gut. Doch dass ausgerechnet ein Pestausbruch, der 1712 jeden siebten Hamburger dahinraffte das Motiv stellt, das die elf Songs des neuen Albums „Welcome to Hell“ thematisch verbindet, das ist schon ungewöhnlich. Die meisten Menschen denken bei der Pest an eine Plage des Mittelalters, die im aufgeklärten 18. Jahrhundert so nicht mehr vorkommen sollte – doch die Pest wütete zwischen 1708 und 1714 in ganz Nordeuropa und tötete Tausende. Laut Martin Engler, Sänger und Kopf der Band, stieß er bei der Recherche zum Vorgänger auf das Thema – und war fasziniert: „Also ging ich auf Suche in Museen, las Bücher und recherchierte im Netz. Ähnlich, wie es ein Roman-Autor macht, habe ich erst einmal viele Teile gesammelt und an die Pinnwand geheftet, um sie dann später in eine Form zu gießen. Die Geschichte spielt 1712, aber ich habe Interpretationsspielraum gelassen, dass es auch das Jahr 2018 sein könnte.“

Werteverfall – Heute wie damals

Das Album erzählt kurze Vignetten aus der Pestzeit, Geschichten von einzelnen Schicksalen, die stellvertretend den Umgang der Menschen mit dieser Extremsituation aufzeigen – sie spiegeln die Angst vor der Pest, die Hilflosigkeit der Infizierten, den Hass der Bürger und die Sorge um geliebte Menschen. Der von Engler angesprochene Freiraum auch moderne Interpretationen zu finden bezieht sich hier vor allem auf die Reaktionen der Menschen: „Uns beschäftigt aktuell vor allem der Werteverfall. Das Miteinander wird weniger, egal wohin man schaut. Dabei wäre es, so zeigt es sich doch historisch, einzig durch ein Miteinander möglich Veränderungen und Verbesserungen zu erreichen. Wenn wir als Gesellschaft eine geschlossene Wand wären, dann käme kein Putin, Trump oder Erdogan mit ihren Aktionen durch.“ Auf dem Album finden sich kurze Momentaufnahmen solchen Werteverfalls, wie die Geschichte des Vagabunden, der als Außenseiter und Fremder von den ängstlichen Bürgern als Sündenbock erschlagen wird oder dem feuerlegenden Mob, der durch das Gängeviertel zieht und dort aus Angst alles niederbrennt.

Historie als Anstrich der Welt

Die historische Gewandung und der rote Faden der Pest-Geschichten helfen dabei, kleinere Botschaften über das Hier und Jetzt unterzubringen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen. Engler sieht die Aufgabe von Mono Inc. nämlich nicht in der Politisierung: „Wir machen das hier nicht, um eine politische Meinung unters Volk zu bringen. Wir wollen unseren Fans eine gute Zeit bescheren, aber wir wollen dabei auch immer ehrlich mit uns sein. Man kann Messages in der Kunst ja im Härtegrad justieren. Ich wähle in meinen Lyrics gerne den subtilen Weg. Aber weil uns die Dinge beschäftigen, finden sie sich dann in unseren Texten wieder. Und aktuell haben wir eben das Gefühl, dass die Welt einen neuen Anstrich braucht.“

Kammermusik zur Neuorientierung

Einen neuen Anstrich bietet das Album dann auch musikalisch, nicht nur dank einer historischen Offenheit. So konnte die Band das 18. Jahrhundert in die Musik einfließen lassen: „Wir haben ein paar traditionelle Instrumente einsetzen können, um die Geschichte zu unterfüttern. Diese für uns eher unüblichen Sounds heben das Album von unseren anderen Werken ab.“ Hinzu kommt die Entscheidung aus „Welcome“ ein Doppelalbum zu machen und auf der zweiten CD, „Welcome to Heaven“, die Songs in einem anderen Arragement ein weiteres Mal aufzunehmen: „Damit erfülle ich mir einen lange gehegten Traum. Die Aufnahmen sind bei Rotwein und Kerzenschein entstanden; die Stücke sind komplett für eine Kammerbesetzung (Cello, Violine, Viola und Piano) neu arrangiert worden. Das verleiht den Songs eine weitere Dimension – die Gewichtung von Musik und Lyrik ist naturgemäß eine völlig andere und zeigt eine sehr intime Seite der Lieder.“ Ohne die rockenden Gitarren wirken die Songs fragiler und leiser, dafür aber auch emotional intensiver. Für Engler sind die Wandelbarkeit und die Emotionalität wichtige Bestandteile der Idee von Mono Inc., die er mit „Welcome to Hell“ in ein spannendes und künstlerisch gelungenes Konzept gegossen hat.

Fazit: „Welcome to Hell“ entführt den Zuhörer in eine dunkle Episode der Geschichte, in eine Zeit, die viel näher an uns dran ist, als uns lieb sein kann. Musikalisch im düsteren Rockgewand gekleidet, ist es ein spannendes Konzept, das den Sound der Band interessant erweitert.

 

Ursprünglich erschienen im START Magazin 08/18