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Von Spotttölpeln und Rebellen: Gewalt als politisches Mittel

Angesichts der aktuellen Ereignisse in Hamburg finden sich in den Medien, nicht zuletzt in den Sozialen Netzwerken, jede Menge Kommentare und Forderungen, die auf verschiedenste Arten versuchen, den verbreiteten Bildern eine Bedeutung abzuringen. Abseits aller politischen Forderungen und rechtlichen Aufarbeitung scheinen sich alle offiziellen Seiten dabei einer Sache gewiss: Gewalt ist kein probates Mittel, um politische Ziele zu erreichen. Wer Gewalt ausübt, der ist der massenmedialen Ablehnung sicher, wird mittels BILD und Facebook an den Pranger gestellt und aus der friedfertigen Gemeinschaft ausgeschlossen.

In die Debatte um die richtige Handhabe einer so extremen Situation wie am G20 Wochenende möchte ich mich nicht einreihen, aber bei der konsequenten und breiten Ablehnung von Gewalt als politischem Protestmittel scheint mir doch wichtig, hier eine Beobachtung zu unserem Medienkonsum festzuhalten. Denn es gibt einen wichtigen Bereich unseres Lebens, in dem wir Gewalt nicht nur akzeptieren sondern quasi propagieren: in der Fiktion. In Darstellungen von Konflikten wird die (vor allem amerikanische) Populärkultur nicht müde, das Potential der Gewalt als Lösung zu betonen. Egal, ob individualistische Gewalt oder militärische – Hollywood zeigt uns, dass sich Probleme mit Faustrecht aus der Welt schaffen lassen. Doch gerade in der zugespitzten Darstellung der Fantastik ist die Gewalt als Mittel politischer Konflikte ein weit verbreitetes und beliebtes Mittel des rechtschaffenen Aufstands gegen herrschende Systeme.

Anstiftung zur Revolution

Wenn Katniss Everdeen in der Hunger Games-Reihe (dt. Die Tribute von Panem) sich gegen das Regime des Kapitols auflehnt und zur Symbolfigur wird, entzünden sich in den Distrikten gewalttätige Aufstände. Das Kapitol ist für uns das Sinnbild einer sinnleeren Konsumgesellschaft, voller sozialer Ungerechtigkeit, kapitalistischer Ausbeutung, und unverhältnismäßiger Machtausübung – ein Widerstand, wie von Katniss anfangs gewaltlos durch Gesten inszeniert, scheint also moralisch richtig. In den Straßenschlachten, die auf diesen Akt des Widerstands folgen, und die in der Verfilmung der Buchreihe visuell eindrücklich umgesetzt sind, greifen die Menschen jedoch mit Gewalt die Friedenswächter-Truppen an, Steine fliegen, Barrikaden werden errichtet. Angriffe auf Polizei und Staat werden von der Serie also als vollkommen gerechtfertigt angesehen, weil die Perspektive der Handlung auf den unterdrückten Außendistrikten liegt. Die Realität der Bevölkerung des Kapitols oder der wohlhabenden Distrikte 1 und 2, bzw. die Situation der Polizisten oder der unbeteiligten Anwohner bei gewalttätigen Konflikten wird ausgeblendet.

In der weit, weit entfernten Galaxis von Star Wars gilt diese Logik ebenso. Denn auch hier gibt es ein herrschendes Regime, das in der Darstellung der Filme und Bücher eindeutig als „böse“ gekennzeichnet ist. Die Rebellen, die hier Widerstand leisten, sind die „Guten“ und ihre Angriffe sind gerechtfertigte politische Mittel. Niemand nimmt die Perspektive des Imperiums ein, niemand fragt nach den unbeteiligten Zivilisten, die einfach überleben wollen und unpolitisch sind. (Niemand, außer natürlich Regisseur Kevin Smith in einem brillanten Dialog über die Handwerker auf dem Todesstern in seinem Film Clerks – Die Ladenhüter.) Dabei zeigt die Filmreihe ja auch, wie das Imperium mit den Mitteln der Demokratie aus dem Galaktischen Rat hervorgeht, also im politischen Sinne sehr wohl eine legitime Regierung darstellt. Die Klone der Strumtruppen sind zuerst nichts anderes als Ordnungsinstrumente der Galaktischen Republik, bevor sie später zu imperialen Unterdrückern werden. Die Einordnung von Gewalt als Freiheitskampf oder Terrorismus ist eben immer abhängig von der bewertenden Perspektive, von politischer Macht und historischem Definitionsmonopol.

Und diese Beispiele sind bei weitem nicht die Ausnahme in der Fantastik. Im Gegenteil: die Haltung, dass Gewalt ein adäquates Mittel der politischen, wie auch individuellen Konfliktlösung sei, wird von unserer Populärkultur normalisiert. In Avatar – Aufbruch nach Pandora kann nur ein gewalttätiger Konflikt die RDA daran hindern, die indigenen Na’vi und ihre Naturgottheit vollständig zu zerstören. In der Reihe Die Auserwählten müssen sich die Jugendlichen mit Gewalt gegen die Experimente der regierenden Organisation „ANGST“ wehren, die „zum Wohle der Menschheit“ durchgeführt werden. Die Reihe Die Bestimmung inszeniert die politische Machtergreifung einer Fraktion, die Verfolgung einer Minderheit und eine brutale Rebellion. Selbst in der Harry Potter-Reihe kommt es zum magisch-physischen Kampf zwischen den Fraktionen der Gesellschaft. Und über Game of Thrones reden wir in diesem Zusammenhang lieber gar nicht erst …  Gewalt ist in der Fantastik ein von uns vollkommen akzeptiertes Mittel, um für moralische wie auch politische Ideale zu kämpfen oder persönlich erfahrene Ungerechtigkeiten zu richten.

Fantasy vs. Realität

Um es noch einmal deutlich zu sagen, ich sehe keinen Sinn im Versuch direkter und plumper Vergleiche die Autonome mit dem Distrikt 12 oder die USA mit dem Imperium gleichsetzen. Das wäre viel zu kurz gegriffen. Meiner Ansicht nach sollte Gewalt niemals ein leichtfertig akzeptiertes Mittel zur Lösung von Problemen sein. Punkt. Im Angesicht der Realität menschlichen Handelns ist das aber wohl ein frommer Wunsch. Insofern ist es aber eine relevante Beobachtung, dass politisch oder moralisch motivierte Gewalt in fiktionalen Stoffen als legitimes Mittel zur Konfliktlösung angesehen wird und so eine Rechtfertigung für Gewalt gefunden werden kann. Nur wird diese Rechtfertigung eben beliebig auf politische Zwecke aufgestülpt – Terroristen sind immer die Anderen. Und von diesem logischen Kurzschluss kann sich auch, oder vielleicht insbesondere die Fantastik nicht freisprechen: Rebellen gut, Imperium böse. Dabei wäre hier doch eigentlich das Potential, neue und kreative Wege politischen Widerstands zu ergründen.

Warum aber ist es so schwer, sich Werkzeugen wie dem zivilen Ungehorsam, der Konfliktmediation, der Deeskalation, oder sogar demokratisch oppositionellen oder juristischen Mitteln zu bedienen? Der Griff zum bewaffneten und gewalttätigen Konflikt ist attraktiv, er generiert Aufmerksamkeit und ist geradezu populistisch einfach. Ein Actionfilm über Gesetzesinitiativen ist eben kein Kassenschlager und eine TV-Serie über Mediation und Gruppenpsychologie funktioniert nur begrenzt (geht aber, etwa bei Lie to Me).

In der Fantastik geht diese Form von Protest theoretisch auch, wie die politisch-imaginativen Werke von Cory Doctorow zeigen, in denen vor allem mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams und der Gemeinschaftsbildung gegen ungerechte und korrupte Systeme vorgegangen wird. In Little Brother und Homeland etwa sind es vor allem Gamer, Hacker und Netzaktivisten, die dem Polizeistaat durch koordinierten Ungehorsam begegnen, die ein alternatives Kommunikationsnetzwerk aufbauen und so die politische Fehlentwicklung mit Hilfe einer freien Presse unterbinden. In seinen Buch For The Win wiederum steht die Gründung einer weltweiten Gewerkschaft ausgebeuteter und unterdrückter Arbeiter im Zentrum, der es gelingt, die kapitalistischen Systeme zu stürzen. Und in Pirate Cinema reichen friedliche Hausbesetzungen und kreativer Open Access Protest in Form von illegalen Remix-Filmproduktionen aus, um repressiven Copyright-Einschränkungen und Überwachung im Netz zu begegnen.

Mein Punkt ist, dass sich unsere Realität nur allzu schnell auf die fiktionale Logik von Gewalt und Action beruft, wie am G20 Wochenende, wo Protest gegen ein herrschendes System zu einem drehbuchreif inszenierten Gewaltspektakel geworden ist. Im Kontrast dazu gab es zwar auch Demonstrationen und Aktionen, die auf ein anderen Gesellschaftsentwurf hingearbeitet haben, nur waren diese weit weniger spannend medial in Szene gesetzt. Darüber nachzudenken, ob es auch ohne Gewalt ginge, und wenn ja, was dafür nötig wäre, das ist doch mal ein Ziel für die Zukunft …

 

Ursprünglich erschienen auf TOR ONLINE am 13.07.2017